Kino Zwischen Mauern
Mit ihrem preisgekrönten Film "Die Klasse" erfinden Laurent Cantet und François Bégaudeau die Schule neu
Ein letzter Schluck Kaffee, der Mann streckt sich und verlässt die Brasserie. Nun sieht er, in Jeans und T-Shirt, noch schmächtiger aus als zuvor. Er überquert eine Straße, trifft Kollegen, ein Wortwechsel, sie betreten die Schule, eins jener Gebäude aus den sechziger Jahren, wie sie überall stehen. Die Türen gehen zu. Ein Schuljahr beginnt. Von jetzt an, eine Minute ist um, führt 128 Filmminuten lang, bis zum Abspann, kein Weg mehr hinaus aus diesem Gebäude. Nicht für diesen François Marin, den Französischlehrer, nicht für seine Kollegen, nicht für die Schülerinnen und Schüler, nicht für die Kinozuschauer. Alles ist Schule.
Was auch sonst, alle Schauspieler des Films Die Klasse halten sich üblicherweise in Schulen auf, Schüler wie Lehrer, hier spielen nur Laien. So hat dieser Film etwas im Kino befremdlich Natürliches, das über seine aufwendig hergestellte Fiktionalität oft hinwegtäuscht. Ein Jahr lang hat der Regisseur Laurent Cantet den Film durch Improvisationen in Workshops entstehen lassen, drei Videokameras hatten immer gleichzeitig Lehrer, Schüler, Klasse im Blick. Es stand zuvor nicht fest, was daraus würde.
Im Zentrum steht der Französischunterricht für 13- und 14-Jährige an einer Pariser Mittelschule im 20. Arrondissement, einem dieser sozialen Brennpunkte. Die meisten Schüler sind Migrantenkinder aus allen Erdteilen, es ist das Kind einer Analphabetin dabei wie der Hochbegabte, der noch kaum Französisch kann, alle Farben, alle Mischungen. Und einer ist vom ersten Moment an ein Star: der schmächtige Mann in T-Shirt und Jeans.
Das ist der 37-jährige François Bégaudeau, Französischlehrer von Beruf, auch er steht zum ersten Mal vor der Kamera, er hat das Drehbuch mit dem Regisseur gemeinsam verfasst, und zwar nach dem Roman Entre les murs, der jetzt auf Deutsch erscheint, unter dem Titel Die Klasse. Auch den hat der Lehrer verfasst. Ein Multi-Talent also, dieser Mann, der nun sich selbst spielt, und die Sprache spielt mit. Dieser Bégaudeau und die Sprache: was für ein Paar!
Bégaudeau schreibt auch Filmkritiken, Fußballkolumnen, philosophische Essays, aber es war sein Roman Entre les murs, durch den er Cantet auffiel, der selbst ein Lehrerkind ist und eine Leidenschaft für Bildungsfragen hat. Ihn interessierte die »Wette um Intelligenz«, die typisch ist für den Stil des Lehrers in diesem Roman mit seinen hartnäckig insistierenden Dialogen. Dass er sich in Bégaudeau zugleich einen Filmstar einhandeln würde, der die eigene Variante eines modernisierten Sokrates-Stils verkörpern und damit dem Land statt des Bildungsideals die interessantere Wirklichkeit vorführen würde, konnte Cantet beim Lesen des Buchs nicht ahnen. Auch das stand nicht fest. Glück gehabt.
So kam der Film Entre les murs zustande, der in Cannes vor einem Jahr die Goldene Palme gewann und in Frankreich seither Kult ist. »Frankreich definiert sich traditionell, mehr als andere Länder, über die Schule, in der sich das Land selbst herstellt«, hat der Soziologe François Dubet zutreffend gesagt. Franzose ist man als Bürger, aber man wird es auch durch die Sprache aller Freien und Gleichen, der Staat soll verbürgen, dass dies kein leeres Versprechen ist. Und der Staat, das ist hier François Marin.
»Ich bin keine Französin«, nuschelt durch ihre Zahnspange Esméralda, eine kernige Pubertierende tunesischer Herkunft, »oder doch, aber ich bin nicht stolz drauf«, und dann redet sie weiter auf ihren Lehrer ein, der da vorn steht, sehr präsent, und seine Argumente sortiert. Die freundlich fragende Ironie ist seine Methode, sie lockt die Kinder hervor, an der reiben sie sich, die lässt keine Illusion von falscher Harmonie aufkommen, die wahrt auch die professionelle Distanz. Eine riskante Methode, aber Esméralda ist sie willkommen. Sie will die Auseinandersetzung mit ihrem Lehrer, dem Chancenzuteiler. Der nenne in seinen Beispielsätzen nur Namen wie Bill, aber nie einen wie Rachid. Esméralda lehnt sich zurück: »Ich bin keine Französin.« Sie weiß, nichts trifft François härter. Das ruiniert seinen Auftrag.
Der Raum, in dem sich hier alles entscheidet, ist die Sprache der europäischen Aufklärung, die vornehme Herkunft der Unterrichtssprache liegt den ganzen Film über in der nervösen Luft. »Woher weiß man, wie man schreibt und wie man redet?« Eine Schülerin will wissen, woher die Idee komme, es gebe Anlässe, den Konjunktiv des Imperfekt zu bilden und anzuwenden, das hat sie noch nie gehört. So spricht keiner! Man weiß es durch Intuition, sagt der Lehrer, was ist Intuition, lautet die Rückfrage, das ist ein Gefühl, sagt François, er weiß, jetzt verstolpert er sich, und prompt bekommt ers zurück: »Und wenn man nichts fühlt?« Zurück auf Start.
In jedem Wortwechsel geht es um Respekt, um die Scham. Was ist Scham? Souleymane aus Mali hat sich Koransuren auf den Arm tätowiert, er sagt: »Man kann sich für die Mutter eines Freundes schämen.« Und es dauert, bis jeder versteht: dass er aus Respekt Abstand hält zu der Mutter des Freunds. Er schäme sich für die Jugendlichen, meint Wei, ein hochbegabter Chinese, dessen Mutter die Abschiebung droht, und irgendwann ist deutlich: Das Verhalten anderer verletzt Weis Schamgefühl.
Was kann man von sich preisgeben? Die Schüler lesen das Tagebuch der Anne Frank, Thema: Selbstporträt. Noch ein Risiko, die Kinder sollen sich nun in eigenen Texten zeigen. »Mein Leben ist nicht interessant«, sagt ein Mädchen, »da passiert nichts außer Schule, essen, schlafen.« – »Ihr findet eurer Leben nicht interessant?«, fragt François, und wieder kommt so eine soziale Wahrheit zurück: »Sie wollen es doch nicht wirklich wissen.« Den Satz, um den es im Kern geht, ruft einer von hinten rein: »Es steht doch sowieso längst alles fest.«
Das Kollegium, der Disziplinarausschuss, die Elterngespräche variieren das Thema, ob alles längst feststeht: welche Motivation das Lernen beflügelt, welcher Machtkampf sich lohnt, welche Strafe ein Ziel erreicht, welche Entgleisung zu ahnden ist. Schule, das bedeutet hier, es gibt kein Entkommen, aber das ist auch ein Glück, besser: une chance. Entre les murs, das heißt eingesperrt sein (wer auf Französisch abhaut, »macht die Mauer«), aber es erinnert auch an die Bedeutung von intra muros, die Rechte, die Freiheit, die man einst nur innerhalb von Stadtmauern genoss. Drinbleiben ist besser als rausfliegen. Sonst landet man noch weiter unten. Jeder weiß: Das darf nicht passieren.
Es passiert doch. Am Ende muss einer gehen, und der Lehrer bleibt, obwohl auch er Fehler gemacht hat. Am Ende, die Spannung löst sich nicht auf, fragt er, was Spaß gemacht habe, es kommt einiges zusammen, einiges ist schiefgegangen, Esméralda hat plötzlich Platon gelesen, den Staat , nur so, den Sokrates findet sie gut. Vieles steht fest. Dann gehen die Türen auf.
- Datum 15.01.2009 - 19:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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Die letzte Passage des Buchs beginnt so:
Hakim, Michael und Amar kamen empörten Schritts vom Fuballplatz.
"Scheißschule, Monsieur."
Ich blieb stehen.
"Wieso Scheißschule?"
(...)
"Wir haben alle Spiele gewonnen, und der disqualifiziert uns, das kann doch nicht wahr sein!"
[So kann hier zwischen Schülern und Lehrer verhandelt werden, auch wenn die salopp erregte Wortwahl einmal nicht stimmt. - Was macht der "Monsieur" ...? - Er geht mit zum Fußballplatz und wird von einem Schüler gefragt:]
"Spielen Sie auch mit Monsieur?"
"Äh, nein."
"Warum nicht?"
"Ich guck lieber zu."
[Hier sind Schüler und Lehrer auf Augenhöhe; das wünscht man sich auch für die Berliner Verhältnisse, wo die Lehrer als Schulleiter wieder auf die Medien-Straße gegangen sind.]
(Auszug aus:
Francois Bégaudeau: Die Klasse. Roman.
Deutsch von K. Buchholz und B. Große. Suhrkamp Frankfurt/M. 2008. Suhrkamp nova TB 4031. S. 230f.)
Es gibt keine Schule, die nicht die Schranken der Gesellschaft und die Hoffnungen der Schüler spiegelt.
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