AchiltibuieParisAntwerpen

Das merkwürdige Hobby, Züge zu fotografieren sowie Loknummern, genaues Wagenmaterial und Verspätungen zu notieren, die Sichtungen zu archivieren und im Internet zu publizieren, ist auf der Insel weiter verbreitet als irgendwo sonst auf der Welt. Kaum ein Tag, an dem Trainspotter nicht auf den Bahnsteigen von Crewe oder Doncaster stehen, an denen die Fernzüge in den Norden vorbeirauschen. Ihre Dienstkluft sind schäbige Windjacken, deshalb nennt man sie auch »Anoraks«. Die meisten sind Einzelgänger. Manchmal chartern sie dennoch gemeinsam ein paar Waggons mit einer uralten Diesellokomotive für eine Sonderfahrt. Und wenn dann Tunnelwände das Motorendonnern in ein akustisches Inferno verwandeln, verspüren sie ein eigenartiges Wonnegefühl.

Die Vorstellung, bei ihnen handele es sich um harmlose Sonderlinge, hat allerdings nur noch eingeschränkte Gültigkeit. Sind Anorak, Notizbuch, Kamera und eine unreine Gesichtshaut nicht die ideale Tarnung für Spähtrupps einer Terroreinheit? Diensteifrige Bobbys haben bislang 62584 dieser verdächtigen Gestalten aufgrund des Gesetzes zur Verhinderung terroristischer Gewalt unter Haftandrohung verhört. Der Unterhausabgeordnete der Liberaldemokraten, der die Zahl zutage förderte, vermag in der, wie er einräumt, befremdlichen Freizeitgestaltung weder einen Rechtsbruch noch eine terroristische Bedrohung zu erkennen. Macht er sich dadurch nicht selbst verdächtig?

Die Pariser Bourse du Travail, eine Festung der kommunistisch verankerten Gewerkschaft CGT, wird seit acht Monaten von sans-papiers besetzt, von illegal Eingewanderten also. Sie ist schlecht beleuchtet und bitterkalt, denn die Gewerkschafter haben den Strom abgedreht. Der Besucher stapft durch ein Matratzenlager und bemüht sich, nicht auf Gebetsteppiche zu treten, bis er sich zum Treffen der Aktivisten und Unterstützer vorgearbeitet hat.

Dort erfährt er vom Zorn der Bewohner, überwiegend Männer aus Mali. Allesamt CGT-Mitglieder, hatten sie einst große Hoffnung in ihre Gewerkschaft gesetzt, als die forderte, wer in Frankreich arbeite, müsse auch ein Aufenthaltsrecht haben. Die CGT ließ demonstrieren, die sans-papiers trugen Fahnen und Transparente. Die meisten von ihnen aber arbeiten in Kleinbetrieben, und für die erklärte sich die CGT unzuständig. Da war die Enttäuschung groß.

Doch dabei blieb es nicht, die Besetzer lassen fast jede Woche von sich hören. Als die Rede auf das Weihnachtsfest kommt, geraten die Organisatoren ins Schwärmen: Nachbarn und Freunde waren da, bis tief in die Nacht wurde gefeiert, mit Champagner und Foie gras. Woher? Nun, da gibt’s doch diese Bewegung namens Autoreduction: Deren Aktivisten stürmen Supermärkte, schnappen sich die Ware und schlagen dem Filialleiter vor, einen Polizeieinsatz zu vermeiden und sie ohne Zahlung ziehen zu lassen. Anschließend wird an Bedürftige verteilt. »Produkte guter Qualität«, sagt einer. »Was übrig blieb, haben wir Obdachlosen geschenkt.«

»Das geht ja einfach nicht, dass Sie keine Belgier kennenlernen«, sagt Rosine De Dijn zur Begrüßung. Die Journalistin hatte einem meiner Artikel entnommen, wie schwer es dem Korrespondenten im Brüsseler Diplomatengehege fällt, echte Einheimische aufzutreiben. Deshalb lud Frau De Dijn in ihr wunderschönes Antwerpener Stadthaus ein, zum Diner an einen Tisch voller Flamen. Bis tief in die Nacht schmatzte, lachte und stritt man, Verleger, Journalisten, Theologen und Historiker, mit einer Offenheit, wie sie nur in Ländern herrscht, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen.

Zu späterer Stunde, über mehrere Genever hinweg, ein Gespräch mit Professor Bo Coolsaet, dem, sagen wir mal: Albert Einstein der belgischen Sexualwissenschaften. Sein Buch über Wesen und Werk des Penis (Der Pinsel der Liebe) ist ein Bestseller. Er schreibt gerade an einem neuen. Worüber? »Die Definition der Liebe«. Oho! Ornamente, sagt Coolsaet, Ornamente würden für den Mann immer wichtiger. »Wir wissen doch mittlerweile: Frauen sind mindestens genauso klug, erfolgreich und mächtig wie wir. Was bleibt uns also? Die Schönheit!« Deswegen, so Coolsaet, ließen sich Männer immer öfter kosmetisch behandeln. Aha. Aber stehen die Damen in Wahrheit nicht immer noch auf unsere traditionellen Qualitäten? Stringenz, Konsequenz, Intelligenz? »Das«, sagt Coolsaet, stellt das Schnapsglas hin und reckt den Zeigefinger, »ist genau der Punkt! Ich habe bisher nur von der männlichen Perspektive geredet.« – Frau De Dijn, wir müssen wiederkommen. Der Dialog mit den Belgiern hat gerade erst begonnen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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    • Schlagworte Albert Einstein | Mali | Frankreich | Champagner | Obdachlose
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