Das Letzte
Pünktlich zum 200. Geburtstag von Charles Darwin hat uns der weltberühmte Verlag Gruner und Jahr das schöne Wort vom »Minderleister« geschenkt. Danke, ihr Lieben! Als Minderleister bezeichnen High Performer gemeinhin Menschen, die sich durch ein niedriges Erfolgsniveau ausweisen, diesen Mangelzustand aber durch sinnlose Tätigkeit eilfertig zu verbergen wissen. Obwohl sie für die harte Wirtschaftswelt, die der liebe Gott für uns geschaffen hat, ganz ungeeignet sind, haben Minderleister ausgerechnet unter Leistungswilligen ein gehäuftes Vorkommen. Wie konnte es diese schwache Spezies so weit bringen? Arbeits-Zoologen erklären es so: Unter Vorspiegelung einer höherwertigen Qualifikation mogeln Minderleister sich chamäleonhaft von der Straße in warme Büroetagen und mischen sich unauffällig unter eingeborene Leistungsträger. Und woran erkennt der fleißige Hochleister, ob sein Arbeitskollege ein meldepflichtiger Minderleister ist? Ganz einfach. Beobachten Sie den verdächtigen Kollegen von der Seite, und grüßen Sie ihn wie gewohnt. Verhält er sich auffällig? Wie oft muss das Telefon läuten, bis der Kollege den Hörer abnimmt? Einmal, oder gar zweimal? Wann hat Ihr Kollege zuletzt fröhlich pfeifend den Sonntagsdienst erledigt und auf den fälligen Überstundenausgleich verzichtet? Wie oft nimmt er klaglos Arbeit mit nach Hause? Lässt er frohgemut seine Urlaubstage verfallen und bedankt sich auch noch dafür? Fährt er ohne zu murren in der Eisenbahn zweiter Klasse und fordert für die Belegschaft die Einführung der dritten? Verzichtet er in präventiver Barmherzigkeit für seinen notleidenden Arbeitgeber auf eine Sitzplatzreservierung? Ist Ihr Kollege in der Lage, sich stündlich neu zu erfinden? Reißt er täglich Bäume aus? Ist er noch fit, oder lässt er schon nach? Ist er ein Siegertyp, oder tut er nur so? Färbt er sich nachts die Haare? Ist er optimal vergnügt, oder hat er heimlich melancholische Phasen? Sorgt er maximal für ein positives Gesamtbetriebsklima und fördert den Glauben an eine bessere Zukunft? Hat Ihr Kollege nachweislich die Kaufanreiz-Impulse der aktuellen Produktpalette verbessert? Warum ist er in der Nassrasur-Branche kein Superstar? Warum hat nicht Ihr Kollege, sondern die ungeliebte Konkurrenz den Vier-Klingen-Rasierer mit Klingelton im First-Touch-Bereich erfunden? Übrigens: Wann hat Ihr Kollege zuletzt in die Kaffeekasse eingezahlt? Hat er nicht? Weiß eigentlich Ihr Chef davon? FINIS
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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