Schweiz Dreh dich mal um!Dreh dich mal um!

Warum immer nur stur geradeaus rasen? Freeskiing ist eine Bewegung zurück zu mehr Bewegung. Erste Übungen im schweizerischen Laax

Freeskiing

Für Normalskifahrer sieht Freeskiing halsbrecherisch aus, für die Generation Funpark ist es der größte anzunehmende Spaß

Um die Pointe vorwegzunehmen und Sie, liebe Bergfreunde, nicht auf die Folter zu spannen: Ich kann jetzt rückwärts Ski fahren. Seit ich neulich in Laax war, scheint mir das Selbstverständlichste am Wintersport nicht mehr selbstverständlich: dass die Skispitzen nach vorn gerichtet sein müssen und die Augen talwärts. Denn in Laax haben die Ski auch hinten Spitzen, damit der Fahrer jederzeit ohne Anhalten seinen Blick auf die Bergwelt ändern kann. Ich bin also vom Gipfel gestartet, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Es war ein Gefühl, wie nach oben zu fallen. Dabei pfiff mir der Fahrtwind nicht ins Gesicht, sondern in den Nacken. Das kommt Ihnen vielleicht komisch vor. Aber ist eine Kehrtwende nicht an der Zeit nach fünfzig Jahren Fortschritt? Die Ski sind stetig schneller geworden und haben uns Wintersporturlauber immer mehr zu Rennläufern gemacht. Vielleicht macht es Spaß, die eingeschlagene Richtung mal zu ändern. Vielleicht ist, wo früher vorn war, heute nicht mehr vorn.

Ich gebe zu, dass ich bisher gern vorwärts gefahren bin. Der Wunsch nach Veränderung kam erst mit diesen neuen Actionfotos in den Schaufenstern der Sportgeschäfte. Da sieht man die Models über die Schneehauben dicker Baumstümpfe springen, mit gekreuzten Brettern von weißen Almhüttendächern abheben und kopfüber ins Blaue fliegen. Sämtliche Wintersportmagazine schwärmen vom Freeskiing, ohne zu erklären, wie man es anstellt. Selbst der gute alte ADAC-Skiatlas vergibt inzwischen Noten für künstlich angelegte Hindernisgärten, die sogenannten Funparks. Den Spaß wollte ich mir nicht entgehen lassen.

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Schneeakrobaten sind keine Wedelkönige, Freeskier keine Snowboarder. Um Flagge zu zeigen, haben die Avantgardisten in Flims-Laax-Falera ihre eigene Ausleihstation. Ich stehe auf dem Platz vor den zwei Hauptgebäuden des Skigebietes: links der Treffpunkt für Snowboarder, rechts der für Freeskier. Nur die Alpenkulisse dahinter erstreckt sich zeitlos erhaben für beide. Laax liegt zwischen den kleinen Gemeinden Flims und Falera in einem weiten Graubündner Tal, wo inmitten ausgedehnter Gletscher die besten Schneeparks der Schweiz gewachsen sind. Schon vor zehn Jahren haben die Laaxer Freestyle als reguläres Fach in ihre Skischule aufgenommen, und noch heute sind sie die Einzigen in Europa, bei denen jeder Gast jederzeit eine Freistilstunde buchen kann. Wer in den Glaskasten rechts marschiert, erschrickt allerdings erst einmal vor der Parade schriller Skijacken in den Farben Orange, Pink, Neonblau, Matschgrün und Gold. Im offenen Depot reihen sich Grafikdesignski von Salomon, Völkl und K2. Sie sind alle wild gemustert, manche blumig, andere martialisch mit kleinen schwarzen Panzersoldaten.

Während ich in der Gondelbahn zum 2228 Meter hohen Crap Sogn Gion hinaufschwebe, unter mir die Wipfel der Bäume, neben mir die mutig gewandete Skijugend, die auf Rätoromanisch unverständliche Scherze macht, betrachte ich skeptisch meine Twintips. Das sind breite Bretter mit vier Spitzen, wie alle in der Gondel sie tragen. Beim Ausleih hat man mir zu dem Modell Public Enemy geraten, benannt nach der legendären Hip-Hop-Band, außerdem zu weicheren Skischuhen, um Wadenprellungen zu vermeiden. Wieso Prellungen? Ich frage mich, ob die Spaßparks in Wahrheit nur für Profis sind. Ob wir Amateure mitturnen oder nur die Ausrüstung kaufen sollen.

Wenn man an einem nebelweißen Sonntagnachmittag an der Bergstation Crap Sogn Gion aussteigt, glaubt man zuerst, die vielen jungen Leute hier könnten nicht richtig Ski fahren. Wie sie mit ihren ausgeleierten Mützen, sackartigen Jacken und durchhängenden Hosen aus der Gondel schlurfen. Wie sie die Skistöcke baumeln lassen. Wenn sie losfahren, ist es mehr ein Sichfallenlassen in das diffuse Licht, den konturlosen Raum voll wirbelnder Flocken.

Mitten im Weg sieht man Schemen seltsamer Schanzen und Hügel. Die Parkhindernisse kleben am Abhang wie exotische Tiere, die es in die Kälte verschlagen hat. Bei solchem Wetter muss man vorsichtig sein. Doch jetzt hebt einer der Freeskier mit einer eleganten Kehrtwendung von einem fast unsichtbaren Kasten ab. Ein anderer gleitet seitwärts über ein Geländer und verursacht dabei ein gefährlich kreischendes Geräusch. Ein Dritter saust mit einem Salto aus der Halfpipe, wirbelt durch die Luft, landet seitwärts und fällt sofort wieder in seine lässige Haltung. Bloß nicht den Experten mimen! Immer schön entspannt bleiben!

Weil ich in meiner Kindheit gelegentlich über selbst gebaute Minischanzen gehüpft bin, ahne ich, wie versiert einer sein muss, um solche Tricks hinzuzaubern. Es ist keine Mode, sondern eine große Show, was die Laaxer Amateure an diesem Nachmittag vorführen. Es sieht ein bisschen aus wie Breakdance, ein bisschen wie Skateboarden. Aus zwei großen Lautsprechern unterhalb der Gondelstation wummert passender Großstadtsound von Ice Cube, The Game und Cool Kids. Deutschsprachige Pistenschlager wie Anton aus Tirol sind hier verpönt. Denn Freeskiing ist wie Snowboarden nicht nur eine Fahrtechnik, sondern der Versuch, urbane Popkultur in die Wintersportprovinz zu übertragen. Das Café No Name direkt am Park, wo ich mich nach dem Zuschauen aufwärmen will, ist eine schwarze Bretterbude, schummrig beleuchtet und sparsam beheizt wie ein Szeneklub. Ich rieche Marihuana. Es gibt aufgeschäumten Kaffee und Bionade, aber keine deftige Alpenkost. Weder Spätzle noch Knödel, nur Grillwürste, aber die sind schon aus. Mit knurrendem Magen bestelle ich einen alkoholfreien Punsch.

Will man das im Skiurlaub, dieses ungemütlich Aufgeschäumte? Ich werde mich schnell daran gewöhnen. Am ersten Abend allerdings, als ich im Tal das hipste aller Alpenhotels, das Riders Palace, ansteuere, wo die Generation Freestyle nächtigt, fühle ich mich noch etwas fremd. Der Kubus steht am dunklen Waldrand wie ein eckiges Ufo. Lila angestrahlt, spiegelt er sich in einem kleinen See. Lautlos öffnen sich Automatiktüren. An der gläsernen Bar im Foyer sitzen junge Außerirdische vor aufgeklappten Laptops. Aber wenn man fragt, warum sie hier sind, reagieren sie freundlich und erzählen fast alle dieselbe Geschichte: dass sie als kleine Kinder Skifahren gelernt haben und als Halbwüchsige aufs Snowboard umgestiegen sind, aber seit ein paar Jahren Twintips vorziehen.

Skifahren ist wieder cool, und die Coolsten fahren in Laax, wo man den Wintersporttrends gern um ein paar Jahre voraus ist. Hier durften in den frühen neunziger Jahren die Snowboarder schon Lifte benutzen, als überall sonst die Bergbahnen sich sperrten. Heute sind in Laax ein Drittel aller Leihski Twintips und zwei Drittel aller Gäste unter dreißig. Gern erklären sie mir an der Hotelbar ein paar Grundbegriffe: Flat Spins sind flache Sprünge mit einer Drehung um die eigene Achse, ein Nose Turn ist eine Drehung über die Skispitze und ein Mute Grab ein überkreuzter Griff an die Ski. Das neue Bewegungsalphabet besteht aus endlos vielen englischen Fachausdrücken, so wie das Ballett aus französischen Vokabeln besteht, und auch hier kommen noch Rotationsangaben hinzu. Ein 180er ist eine halbe Drehung. Ein Switch Double Front Flip ist ein rückwärts angefahrener und rückwärts gelandeter, aber doppelt vorwärts rotierter Salto.

Leser-Kommentare
  1. Einen Beitrag wie "Dreh dich mal um!" in der ZEIT zu lesen, hat mich überrascht und erfreut.
    Zum einen hielt ich den klassischen "ZEIT"-Leser und das Thema "Freeskiing" für nicht kompatibel, ebenso wenig wie sich umdrehen bzw. eine ungewohnte Perspektive einnehmen und ZEIT-Autoren. Das lässt hoffen, bei Themen wie Nahost-Konflikt oder über die Linke vielleicht doch noch mal etwas Neues zu lesen.

    Vermutlich war der Beitrag von Frau Finger deshalb so herzerfrischend, weil sie nicht vorgab, viel Ahnung vom Thema zu haben.
    Mehr Artikel offen unbedarfter Schreiber zu ausgefallenen Themen bitte, denn sie kommen der "Wahrheit" näher als besserwisserische Belehrungen eines Herrn Jesse zum Beispiel.

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