Krieg in Nahost »Ich will heute nicht raus«

Woran erkennt man eine F-16? Wie eine palästinensische Familie Tage der Angst in Gaza erlebt

Flucht aus dem Tal al-Hawa-Viertel in Gaza-Stadt

Khan Younis

6. Januar 2009

Arslan fragt mich: »Was ist Krieg? Wer macht ihn? Warum?« Meine Mutter kommt mit bunten Stiften für die Kinder. »Kommt alle!«, rufe ich. »Majed, Arslan, Wael, Dima. Ich will euch erklären, was Krieg ist.« Ich lege ein Blatt Papier auf den Boden: »Auf Englisch schreibt man: W-A-R. W wie V und V. A wie in Arslan…« Wael unterbricht mich: »Nein, so nicht. Arslan hat gefragt, weil er wissen will, was Krieg ist – nicht der Krieg vom Unterricht, sondern der Krieg am Himmel.« Ich sehe Wael an: »Aber sie sind mit meiner Antwort zufrieden. Was ist dein Problem, kleiner Mann?« – »Nein, sind sie nicht«, erwidert er. Dima klinkt sich ein: »Sie lügt! Sie will uns Englischunterricht geben, weil Majeds Schule geschlossen ist und er das englische Alphabet verlernen wird.« – »Okay, Majed, darf ich fortfahren?«, frage ich und versuche, die anderen Kinder zu ignorieren. »Ja, aber sag mir bitte, was Krieg ist, nicht, wie man ihn auf Englisch schreibt.« – »In Ordnung, ich werde aber lange brauchen. Lasst uns das später machen. Geht erst mal malen.« Ich hoffe, dass sie mich nicht wieder fragen. Soll jemand anders ihre Fragen beantworten.

7. Januar 2009

Wir quetschen uns alle in diesen Raum wie Sardinen in eine Büchse. Es ist für meinen Bruder und seine Familie zu gefährlich, oben zu schlafen. Das »Hausbeben« ist einfach zu unheimlich. Wael und ich teilen uns eine kleine Matratze. Wir schauen uns Bilder auf meinem Handy an und versuchen, den Krieg draußen zu ignorieren. Nach wenigen Minuten ist Wael eingeschlafen: das Handy in der Hand, den Daumen im Mund. Mit den halb offenen Augen sieht er aus wie ein Engel – als wollte er keinen Augenblick des Vergnügens verpassen, er liebt Handys. Am liebsten würde er den ganzen Tag Fotos machen, doch das kann ich mir nicht leisten, ich muss Strom sparen. Um 5 Uhr morgens bin ich fast eingeschlafen, als Wael anfängt, mein Gesicht mit seinen Fingern zu streicheln. Er berührt meine Stirn, meinen Mund. Dann flüstert er mir etwas ins Ohr. »Ich spreche leise, weil ich dich nicht aufwecken will«, sagt er. »Wie bitte? Ich habe dich nicht gehört.«– »Der Krieg ist vorbei, wir müssen los«, flüstert er. »Okay«, sage ich und schlafe wieder ein. Wael springt auf meinen Rücken: »Du bist mein Flugzeug, lass uns aufstehen!« – »Wael, ich will schlafen.« – »Ich will in den Club.« – »Wir gehen hin, wenn der Krieg vorüber ist.« – »Er ist es.« – »Nein, der Krieg ist nicht vorbei.« – »Schau durch das Fenster, hör zu: nichts. Der Krieg ist vorbei – wir könnten wenigstens Öl für die Heizung kaufen und Benzin für das Auto…«

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Ich habe keine Wahl, ich muss aufstehen. Wael weckt alle anderen auch auf. Um 5.30 Uhr ist das ganze Haus auf den Beinen. Gegen 8 Uhr scheint die Sonne, und wir haben Strom. Wael hat schon geduscht, er kommt die Treppe herunter, ganz schick in seiner roten Jacke: »Gehen wir!« – »Nein, ich habe es doch gesagt, der Krieg ist nicht vorbei.« – »Wir brauchen ja nichts einzukaufen; aber gehen wir zumindest einmal um das Haus herum«, sagt er. »Wael, du musst mir glauben, draußen ist es zu gefährlich. Geh einfach spielen.« Wenn er anfängt zu weinen, glaube ich zu hören, wie sein Herz bricht. Nach zwölf Tagen wollte er einfach mal aus dem Haus gehen. Er geht in den Garten und spielt ausgerechnet an der Stelle, die ich ihm und den anderen Kindern verboten habe. Links von unserem Garten liegt ein Wohnhaus, das die Israelis zerbombt haben, und wir alle erwarten jetzt das Schlimmste. Nur wenige Minuten fehlen, bis die dreistündige Feuerpause beginnen soll – Israel hat angekündigt, dem Transport von Hilfsgütern einen »sicheren Zugang« zu gewähren. Aber ich kann es nicht glauben: »Wael, ich hatte dir schon gesagt, dass du dort nicht spielen darfst.« – »Du wolltest mit mir nicht rausgehen.« – »Es ist gefährlich!«, schreie ich. Er ignoriert mich und läuft dorthin, wo er nicht sein darf. Mitten in diesem frustrierenden Streit kommt meine Nichte Dima aus ihrem Haus, das wenige Meter entfernt ist. Dima ist neun, sie hat heute geduscht und lässt sich von der Sonne wärmen. Ich kehre in das Haus zurück, Wael rennt mir hinterher. Plötzlich gibt es eine Explosion. Schwarze Flugzeuge bedecken den Himmel. Eins, zwei, drei, mindestens ein Dutzend sind da. Der Lärm ist ungeheuerlich. Dima schreit, sie kann sich nicht rühren. Sie steht allein im Garten. Überall in der Nachbarschaft weinen die Kinder. Wael klammert sich fest an meine Hose, den Daumen im Mund. Ich werfe ihn zu seiner Mutter. Dann springe ich über die Treppenstufen hinunter und erreiche Dima, die zittert. Ihre Beine bewegen sich nicht, sie schreit sich das Herz aus dem Leib. Ich will sie umarmen, aber ihr ganzer Körper ist steif. Nun überkommt ihre Beine ein heftiges Zittern. Die Flugzeuge sind noch immer am Himmel.

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