Infektionskrankheit Masern-Export

Die Ignoranz deutscher Eltern bedroht Kinder in anderen Ländern

Die Masern wurden schon zynisch als treueste Verbündete des Christopher Kolumbus im Kampf gegen die Azteken bezeichnet. Tatsächlich raffte die Seuche damals die Ureinwohner Amerikas in Massen dahin. Heute könnte, wie das Fachblatt The Lancet gerade feststellte, Deutschland die Masern in alle Welt exportieren. Im Ranking der Masern-Fälle steht Deutschland auf Rang 26, nur einen Platz unter Usbekistan und zwei Plätze vor Sambia und dem Tschad.

Es ist absehbar, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, Europa bis 2010 masernfrei zu bekommen, nicht erreicht wird. Und ausgerechnet deutsche Eltern sind dafür mit verantwortlich. Unterstützt von einer Gruppe aufklärungsresistenter Ärzte sind sie der Meinung, ihren Kindern schade eine Masern-Impfung mehr als das Risiko der Krankheit. Nun mag man ja der Ansicht sein, dass Impfungen Teufelszeug seien, wenn aber das eigene Kind andere Kinder mit gefährlichen Viren ansteckt, trägt man eine Mitverantwortung für die Folgen.

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Den Impfkritikern ist zuzugestehen, dass der mögliche Schaden durch eine Infektion abgewogen werden muss gegen die Nebenwirkungen einer Impfung. Für die Masern-Impfung fällt die Bilanz allerdings eindeutig aus: Bei Ungeimpften tritt in einem von rund 20.000 Infektionsfällen eine oft tödliche Hirnentzündung auf. Nach Hunderttausenden Impfungen hingegen wurden beim Paul-Ehrlich-Institut 15 Todesfälle in Verbindung mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln gebracht (und das, ohne dass damit ein ursächlicher Zusammenhang bewiesen wäre). Viele Langzeitschäden werden zwar gern behauptet, sind aber bisher nicht belegt. Gleichwohl lehnen manche Ärzte und Eltern aus ideologischen Gründen noch immer die Impfung ab – oder vergessen den zweiten Impftermin.

Das ist nicht nur für deutsche Gesundheitswächter alarmierend. Das Verhalten der vermeintlich »aufgeklärten« Westler ist auch ein irritierendes Signal für die Entwicklungsländer. Dort fielen bis vor zehn Jahren noch jährlich eine Million Kinder den Masern zum Opfer. Aber durch groß angelegte Impfkampagnen sank in nur sieben Jahren die Zahl der Todesopfer unter Kindern von 750.000 auf 197.000. Angesichts dieses Erfolges ließe sich sogar eine Welt vorstellen, in der Masern ausgerottet sind. Doch die »naturbelassenen« Kinder deutscher und anderer Impfkritiker bilden ein Reservoir für die erneute Ausbreitung des Virus. Es reicht, dass eine reisefreudige Kleinfamilie die Krankheit in ein masernfreies Reiseland trägt. Da in vielen Entwicklungsländern Vitamin-A-Mangel herrscht, sterben oder erblinden dort die Kinder sehr viel häufiger an Masern.

So dokumentiert das Schicksal der Masern-Kampagnen augenfällig, wie erfolgreich öffentliche Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern sein kann und wie abergläubisch manche Menschen in den sogenannten entwickelten Ländern sind.

Gesundheit gilt bei uns gemeinhin als Privatsache. Doch dieses Privatinteresse endet dort, wo die Gesundheit anderer bedroht ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Man kann wirklich den Eindruck bekommen dass sich in Deutschland der Flynn-Effekt umgekehrt hat.

    Grusse,
    pu

    • Isaidy
    • 16.01.2009 um 12:01 Uhr

    Organspendeausweis durchlese, dann kann ich mir schon vorstellen, was für aufgeregte Muttis und Papis, hier demnächst ihre Kommentare abgeben bezüglich ihrer individuellen Entscheidungsfreiheit. Im Zweifelsfall ist es einer Mutter piepschnurzegal, ob mit ihrer Verweigerungshaltung hinsichtlich einer Masernimpfung in Entwicklungsländern Kinder sterben, genauso, wie Leute darauf bestehen, dass sie - jenseits aller Rationalität und Empathie - "vollständig" unter die Erde kommen möchten. Das Risiko, dass das eigene Kind das 100.000ste sein kann, das aufgrund der Masernimpfung Schaden davon trägt, wird ihr den Blick verstellen für die Tatsache, dass ein Durchstehen der Krankheit das weit größere Risiko birgt. Schließlich tue ich die Impfung meinem Kind bewusst an, während die Masern gottgegeben sind. So ungefähr muss man sich die Denkweise wohl vorstellen. Mit Ratio kommen Sie da auf jeden Fall nicht weiter und mit Kindern in der dritten Welt, die dieser irrationalen Gluckenhaltung möglicherweise zum Opfer fallen schon gar nicht.

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    Der "Mitnahmeneffekt" dass das eigene ungeimpfte Kind durch die Tatsache, dass die anderen Kinder geimpft sind einem geringeren risiko ausgesetzt ist, wird hingegen auch von Impfgegnern gerne mitgenommen.

    Der "Mitnahmeneffekt" dass das eigene ungeimpfte Kind durch die Tatsache, dass die anderen Kinder geimpft sind einem geringeren risiko ausgesetzt ist, wird hingegen auch von Impfgegnern gerne mitgenommen.

    • csr
    • 16.01.2009 um 12:02 Uhr

    "– oder vergessen den zweiten Impftermin": Eine 2. Impfung ist in den meisten (>90%) Fällen nicht nötig, das heißt eine Erstimmunisierung reicht zumeist, um vor der Krankheit zu schützen. Das kann man ganz einfach mit einer Titerbestimmung von Antikörpern kontrollieren und kostet 17 Euro, die es privat zu zahlen gilt. Die Kasse zahlt stattdessen die weitaus teurere Impfung. Hauptsache unnütz den Kindeskörper belasten und die Eltern uninformiert belassen, ein klitzekleiner Einblick zum Thema Pharmalobby.

    • etiam
    • 16.01.2009 um 12:53 Uhr

    Auch wenn Deutschland als eine Wiege der Aufklärung gelten mag, ist bei Gesundheitsfragen die deutsche Neigung irrationalen dogmatischen Thesen anzuhängen ausgeprägter als irgendwo sonst auf dieser Welt. Nur macht es sich der Artikel etwas zu leicht, wenn er hier den deutschen Eltern die Schuld zuschiebt. Viele darunter sind durch die Kakophonie von Stimmen, die zu nahezu jeder noch so irrwitzigen Idee immer einen Vertreter aufzubieten mag, einfach nur verwirrt. Ich oute mich hier als Arzt, der sich der Praxis nicht weniger Kollegen schämt, die unter dem Hohelied der Therapiefreiheit ihren Patienten scharlataneristische mittelalterliche Heilmethoden angedeihen lassen und Ihnen Zugang zur wissenschaftlichen Konsensmedizin verwehren und dies standespolitisch im Rahmen von zB einigen (nicht allen!) IGEL-Leistungen auch noch salonfähig gemacht haben. Mit gutem Grund ist der ärztliche Beruf ein verkammerter Beruf und die Berufsausübung mit der Approbation an eine nach sensiblen Kriterien zu erteilende und auch zu widerrufende Erlaubnis gebunden. Viel häufiger sollte aus eigenem inneren Betreiben die Ärzteschaft dafür Sorge tragen, dass zumindest die abwegigsten Meinungen (wie zB. die Ablehnung der Masernimpfung aber auch die Anwendung bestimmter Therapien) von Vertretern der Ärzteschaft nicht mehr straflos vertreten werden können. Der Entzug der Approbation wegen standeswidrigem Verhalten wäre hier ein probates Mittel, das viel zu selten Anwendung findet. Trotz Meinungsfreiheit kann nicht zugelassen werden, dass jemand unter der autoritätsstiftenden Position als behandelnder Arzt jeden Schwachsinn vertreten darf. Es reicht, wenn dieser Job von den vielen verbleibenden Stimmen wahrgenommen wird. Statt der (zugegeben juristisch nicht ganz einfachen) Säuberung von Innen ruft man (Beschluss Bundesärztetag) nach Impfpflicht, mit ihren viel weitreichenderen grundrechtlichen Abwägungen und der somit geringen Chance auf Umsetzung. Schade!

    • Anonym
    • 16.01.2009 um 14:43 Uhr

    Der Artikel wirft für mich als Laien eine Frage auf.

    So wurde noch vor einiger Zeit verbreitet, das Impfung im Prinzip bei jeder Krankheit ein zweischneidiges Schwert ist, weil Erreger durch Impfungen aggressiver werden und damit gefährlicher. So soll heute bei vielen Krankheiten eine Infektion genau deshalb weit gefährlicher verlaufen als früher.
    Deshalb gab es durchaus Empfehlungen auf Impfungen bei "harmlosen" Kinderkrankheiten zu verzichten.

    Deshalb die Frage, ist das Unsinn?

    Berthold Grabe

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    • Khen
    • 16.01.2009 um 16:19 Uhr

    Ich habe den Eindruck, dass da das Phänomen der multiresistenten Krankheitserreger aufgrund exzessiv oder falsch verwendeter Antibiotika, die Evolutionstheorie und eben die Wirkungsweise der Impfungen durcheinander gewürfelt werden.

    Da das Prinzip der Impfung aber auf einem Stimulieren der körpereigenen Krankheitsabwehr beruht, eine Antibiotikatherapie hingegen eine "externe" Abwehrmaßnahme ist, dürfte zumindestens aus meiner Sicht heraus das "Heranzüchten" eines resistenten Erregers eher eine äußerst geringe Wahrscheinlichkeit besitzen.

    • Khen
    • 16.01.2009 um 16:19 Uhr

    Ich habe den Eindruck, dass da das Phänomen der multiresistenten Krankheitserreger aufgrund exzessiv oder falsch verwendeter Antibiotika, die Evolutionstheorie und eben die Wirkungsweise der Impfungen durcheinander gewürfelt werden.

    Da das Prinzip der Impfung aber auf einem Stimulieren der körpereigenen Krankheitsabwehr beruht, eine Antibiotikatherapie hingegen eine "externe" Abwehrmaßnahme ist, dürfte zumindestens aus meiner Sicht heraus das "Heranzüchten" eines resistenten Erregers eher eine äußerst geringe Wahrscheinlichkeit besitzen.

    • rorro
    • 16.01.2009 um 15:20 Uhr

    Ich frage mich (ebenfalls als Arzt outend), wie das Vorurteil geknackt werden kann, mit einer Impfung werde, Zitat hier eines Kommentars, "unnütz der Kindeskörper belastet".

    Von einer generellen Impfpflicht halte ich zwar wenig, aber eine partielle Impfpflicht für die Inanspruchnahme bestimmter Angebote (Kindergarten, Schule) halte ich für erstrebenswert.

    Hier in Düsseldorf gab es mal eine Masernepidemie in einer Waldorfschule.

    Anschließend kam kein Kind ohne Nachweis der Impfungen mehr in die Schule rein - obwohl anfangs mehr als die Hälfte überhaupt nicht geimpft waren (eben Eltern als Impfverweigerer).

    Sowas kann der Gesetzgeber (hier sogar Landessache) leicht verhindern, ohne eine generelle Impfpflicht zu fordern, die ja auch Erwachsene mit Tetanus et al. einbeziehen müßte.

    Ohne MMR-Impfung kein Schulbesuch. Wer so viel Wert auf Impflosigkeit legt, kann ja in Österreich dann Homeschooling machen.

  2. Der "Mitnahmeneffekt" dass das eigene ungeimpfte Kind durch die Tatsache, dass die anderen Kinder geimpft sind einem geringeren risiko ausgesetzt ist, wird hingegen auch von Impfgegnern gerne mitgenommen.

  3. Da eine Impfung genau wie eine effektive Behandlung bei Masern nicht sofort møglich ist, schuetzen die Impfungen auch Neugeborene und Kleinkinder.

    Nicht, dass es am Ende einen Unterschied macht, aber den meisten wird das kleine Brüderchen oder Schwesterchen oder das Nachbarsbaby einfach gefühlsmæssig næher sein als anonyme Opfer in Entwicklungslændern.

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