Obama Vorbild Michelle

Eine lesenswerte Biografie über die neue amerikanische First Lady

Die neue First Lady der USA: Michelle Obama

Die neue First Lady der USA: Michelle Obama

Am 20. Januar werden Herr und Frau Obama in ihr neues Amt eingeführt, am 15. Januar erscheint in Deutschland die 320 Seiten starke Biografie über Michelle Obama aus der Feder der amerikanischen Journalistin Liza Mundy. Ein Werk, dreimal so umfangreich wie Goethes Wahlverwandtschaften. Wozu ein solcher Aufwand nur für die Frau an seiner Seite?

Hierzulande wäre es undenkbar, seine Abende mit einem Ziegelstein über Doris Schröder-Köpf oder Minu Barati zu verbringen. Selbst von Carla Bruni möchte man sich lieber mit Lautenklängen und nicht mit Sekundärliteratur durch den Tag helfen lassen. Ist es also nur die kleinfamiliäre amerikanische Hysterie, die Michelle Obama zu derartigen Ehren verhilft? Dieselbe amerikanische Ehepaarneurose, die sie im Wahlkampf zu einer umstrittenen, aber markanten Quasipräsidentschaftsbewerberin gemacht hat?

Das mag eine Rolle spielen. Entscheidend ist aber etwas anderes. Während Europa sich tapfer weiter mit den bewährten Paarungsriten des 20. Jahrhunderts herumschlägt und die liberale alteuropäische Führungskraft es seinem Herzensweibchen gerne nachsieht, wenn es sich die Freiheit nimmt, halb nackt für den Kauf von Automobilen zu werben oder nach Pudelart auf allen vieren vor der Presse zu posieren, sind die Obamas ein Paar des 21. Jahrhunderts. Und wenn es stimmt, dass die Wahl des Liebespartners der Wahrheitstest für einen Menschen ist, ist die stolze, beruflich sehr erfolgreiche und intelligente Michelle Obama, wie Liza Mundy diskret, aber dezidiert und gut informiert erläutert, eine lebendige Auskunft über die stabile und reife Persönlichkeit des neuen Präsidenten.

Der Kurzschluss zwischen Liebe und Politik mag ein sehr weiblicher und überdies fragwürdig sein, denn die Welt hat schon viele Staatenlenker gesehen, deren politische Vernunft ihre amouröse bei Weitem übertraf. Doch drei Schlussfolgerungen machen die Lektüre der umfangreichen Präsidentengattinnen-Biografie empfehlenswert. Erstens: Es gibt offenbar eine neue erotische Korrektheit bei den jungen Eliten, die nicht in Prüderie, sondern in einer Liebe auf Augenhöhe gründet. Zweitens: Michelle Obama könnte das zukünftige role model für die jungen Frauen der westlichen Welt werden. Und drittens: Das Liebesmodell des Präsidentenpaars kann zum revolutionären Vorbild werden in einer Zeit, in der die meisten prominenten Paare in vierter oder fünfter Ehe zusammenleben, eine Legion vaterloser Kinder hinter sich zurücklassen und Enkelersatz im Zweifel selber herstellen oder im Ausland ordern.

Bill Clintons Botschaft an die selbstbewussten, intelligenten amerikanischen Frauen hieß Monica, schreibt Liza Mundy nicht ohne Bitterkeit. Barack Obamas Botschaft heißt Michelle. Womit gemeint ist: Eine Frau darf im neuen amerikanischen Jahrhundert nicht nur schön, sondern auch eigenwillig sein. Bei Bedarf vorlaut und bissig wie Elke Heidenreich, scharfzüngig wie Ruth Klüger, kämpferisch wie Sigrid Löffler und all die anderen klugen Frauen, an deren Kanten sich die männlich dominierte Öffentlichkeit auch in Europa hoffentlich nicht länger stören wird. Iris Radisch

 
Leser-Kommentare
  1. Und noch etwas unterscheidet die Obamas von europäischen Paaren. Sie sind nicht nur beide gutaussehend, charismatisch und intelligent, sondern auch religiös. Übrigens sind Frau und Herr Merkel auch ein Paar, das dem Ideal der Autorin entsprechen dürfte, wenngleich es in punkto erotischer Ausstrahlung mit den Obamas nicht mithalten kann.

  2. das wäre auch ein Buch wert: Frau Schröder die vorletzte, politisch selbst aktiv, musste erst medienwirksam fertig gemacht werden, bevor Herr Schröder Bundeskanzler werden konnte.

    Dass wir jetzt eine Bundeskanzlerin haben, verdanken wir vielleicht nicht nur der Ostfrau, sondern auch ihrem Ost-Mann, der sich doch offenbar absichtlich im Hintergrund hält. Gewagte These: Wäre Herr Sauer ein Westmann, wäre vielleicht er jetzt Bundeskanzler. Jedenfalls aber nicht seine Frau.

  3. Botschaft an den selbstbewussten, intelligenten Mann heißt ....?
    Ihr Privatleben sei kompliziert. Schön, wenn man es ihr läßt und nicht als Botschaft an wenn auch immer gedeutet wird.

    Jeder Mensch ist nur ein Mensch – auch Bill, Barack und Michelle.

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