Hotel im Winterlook

Lässig und stilvoll: The George in Hamburg inszeniert sich als britischer Club

In der Mode der Designhotels ist es wie bei den Autos: Bis ein neues Modell den Markt erobert, braucht es in der Regel sechs bis acht Jahre. Die alte Mode sah für Hotels eine Art Sommeranmutung vor. Kühle Räume, helle Farben, viel Weiß. Die neue Mode bringt Hotels mit Winterflair. Kuschelig und bequem sind sie, mehr dekoriert als designt. Das erste dieser Art war das von Ian Schrager umgebaute Hotel The Royalton in New York. In Deutschland hat der Hamburger Hotelier Kai Hollmann nun das The George eröffnet. Er inszeniert darin einen englischen Club, den man ja perserteppichgedämpft, kaminfeuererwärmt und armsesselmöbliert kennt.

Das The George liegt im Hamburger Stadtteil St. Georg. Drei Gehminuten sind es bis zur Außenalster, acht bis zum Bahnhof und ein paar mehr zu den bedeutenden Museen der Stadt. Von außen gleicht der Bau einer Jugendherberge, doch hinter der schlichten, konkaven Betonfassade, vier Stockwerke, wird der Gast von einer warmen Beleuchtung und dunklen Materialien angenehm überrascht. Beim Einchecken (sehr freundlich, das Personal) fallen schöne Details auf, etwa ein beleuchtetes Schlüsselfach aus Holz und Glas oder eine hölzerne Sprossenwand, die die Lobby von der Bar trennt.

Die Bar ist lässig. Jedes britische Clubmitglied würde das Hotel schon ihretwegen als smashing, »eine Wucht«, bezeichnen. Lounge-Ecken mit bunten Kissen, dunkle Stehtische und Barhocker. Man hängt sein Tweedjackett über die Lehne und wirft an diesem frühen Abend gleich mal einen Blick auf die Karte, die Giovanni Massimo als kleines Buch verfasst hat. Er ist der Chef der Bar und der beste Barchef von allen Hamburger Hotels. Er kennt jeden Whisky, als habe er ihn selbst gebrannt. Einen Johnnie Walker Gold Label empfiehlt er, 18 Jahre alt, da sei unter anderem ein Clynelish drin, ein trockener Malz mit starkem Charakter. Massimo serviert ihn auf einem kleinen Tablett aus Fassholz, dazu gibt es einen Tonkrug mit schottischem Wasser und ein Stück Amedei-Schokolade. Das hat Stil!

Massimos Credo »Wir lieben die Einfachheit« gilt auch für das an die Bar angrenzende Restaurant. Dort isst man zum Beispiel Carpaccio vom Fassone-Rind mit schwarzem Trüffel, beides aus dem Piemont, oder einen Loup de mer mit Bohnen. Perfekt. Der Kellner empfiehlt dazu Riesling. Wer an so einem Abend die Toilette aufsucht, erlebt jedoch einen Stilbruch. Er wird ins kahle Treppenhaus verwiesen, eine Etage tiefer, Eingang vor der Tiefgarage, keine Seife im Spender.

Ernüchtert beschließt man, noch einen Tee in der Bibliothek hinter der Lobby einzunehmen. Diese Bibliothek wird noch oft zu sehen seien, viele Werbefotografen haben sie bereits als Kulisse für Modeaufnahmen gewählt, Bulgari war auch schon da. Zwei lilafarbene Samtsessel vor einer floral gemusterten Tapete, ein Bücherregal, Bildbände zu Mode, Autos, Reisen. Der Ober serviert den Tee, eine Früchtemischung mit Zimt, die als »Kaminfeuer« gepriesen wird. Oh, wie das passt, denkt man, bis man merkt, dass der Kamin in diesem Winterhotel eine Attrappe ist. Und das Licht ist zu dunkel zum Lesen. Hier blättert man eher mal durch eines der Coffeetable-Books oder beobachtet Leute. Der Blick fällt direkt auf die Rezeption, wo zu dieser späten Stunde gerade eine junge Frau im Pelz (Ozelot?) eincheckt, an der Leine ein italienisches Windhündchen. Wie das Hündchen zittert!

In Zimmer 408 ist es wie in der Bibliothek. Gemütlich, könnte man sagen, wenn man so etwas sagen würde. Mustertapete, warme Brauntöne, weiße Bettwäsche mit den Insignien »The George« und ein dunkler Teppichboden mit langem Flor, schallschluckend. Eine Art Schatulle – man fühlt sich als Gast sorgsam aufbewahrt wie teures Besteck. Dass die Badetücher viel zu weit von der Dusche entfernt hängen und auch das Licht am Bett nicht für die Nachtlektüre geeignet ist, stimmt ein wenig mürrisch. Auch ein paar Extravaganzen, wie sie in einem englischen Club üblich sind, hätte man sich in diesem modernen Winterdekor gewünscht, etwas Antikes zum Beispiel, selbst wenn es das Gediegene nur ironisch zitiert. Aber zumindest sind Stühle und Sessel bequem. Und das ist schon viel, gemessen an den Hotels der vergangenen Mode, in denen sie zwar hübsch designt sind, aber zum Sitzen nicht wirklich taugen.

Tomas Niederberghaus

The George, Barcastraße 3, 22087 Hamburg, Tel. 040/2800300, www.thegeorge-hotel.de, EZ ab 159 Euro, DZ ab 166 Euro, Suite ab 239 Euro, Frühstück 19 Euro

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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    • Schlagworte Hotel | Tourismus | Mode | Bulgari | Bibliothek | Trüffel | New York | Hamburg
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