Chicago ist seit den Präsidentschaftswahlen am 4. November sehr zufrieden mit sich. "Seit 200 Jahren habt ihr darauf gewartet, der Mittelpunkt der Weltkultur zu werden", zieht mich ein befreundeter Historiker auf. Und ich antworte ihm: "Ja, haben wir, und jetzt sind wir es."

Ich lebe zwar seit den siebziger Jahren in New York, besuche aber bis heute immer wieder meine Mutter und alte Freunde im Chicagoer Stadtteil Hyde Park. "Obamas Haus ist nur ein paar Straßenecken vom Haus meiner Mutter entfernt!", erzähle ich anderen New Yorkern, wie ein prahlendes Kind. "Er trainiert in einem Fitnessclub im Haus meiner Mutter! Seine Töchter haben die Laboratory School an der University of Chicago besucht, genau wie meine Schwester und ich!"

In diesem Moment möchte ich gern glauben, dass ich mein ganzes Leben lang eine Hyde Parkerin war. Und so klinge ich fast etwas gekränkt, wenn ich meine 92-jährige Mutter frage: "Wir sind in ein weißes Viertel gezogen, als ich drei war. Warum sind wir erst zehn Jahre später nach Hyde Park gegangen?"

"Das wäre schwierig gewesen", sagt sie trocken. Bis damals, 1951, war es nicht mehr als zehn afroamerikanischen Familien gestattet worden, sich in Hyde Park niederzulassen. Seit dem 19. Jahrhundert wurde in Chicago jedes erdenkliche Mittel angewandt, um Schwarze davon abzuhalten, Seite an Seite mit Weißen zu leben. Die bevorzugte Methode war ein Vertrag, der es Weißen verbot, ihre Häuser an Schwarze zu verkaufen. Als das nicht mehr ging – das Oberste Gericht der USA erklärte solche Verträge 1948 für verfassungswidrig –, schwenkte man um auf Drohungen und Krawalle. Die erfüllten meistens ihren Zweck.

Sicher, die Weißen in Chicago hatten sich gegenseitig schon seit Jahrzehnten bekämpft: Britische Protestanten blickten herab auf irische Katholiken; beide Gruppen blickten herab auf Deutsche und Skandinavier, und als Nordeuropäer blickten sie gemeinsam herab auf Leute aus Ost- und Südeuropa. Doch die Neue Welt brachte sie alle dazu, sich zu verbünden gegen die wachsende Zahl von Schwarzen, die – genau wie sie – nach Chicago gekommen waren auf der Suche nach einem besseren Leben.

Nein, Rassentrennung war damals nichts Ungewöhnliches. Aber in Hyde Park war sie besonders bitter, denn dieser Bezirk sah sich als Hort des intellektuellen und sozialen Fortschritts. Hort? Eher ein kleines Königreich, stolz und wohlwollend regiert von der University of Chicago. Hyde Park schwebte immer etwas über den mühsamen Kämpfen der Großstädte. Als der Dichter Carl Sandburg 1916 Chicago die "Stadt der breiten Schultern" nannte, wollte er nicht nur die Kraft eines jungen Industriegiganten rühmen, sondern auch dessen Rücksichtslosigkeit beschreiben. Hyde Park hingegen war anfangs ein eleganter, waldiger Ort abseits der Stadt.

Und es kultivierte diesen Unterschied. Erhabene Villen aus dem 19. Jahrhundert harmonierten mit den klaren Linien der Gebäude moderner Architekten wie Frank Lloyd Wright. Willkommen waren hier Ärzte und Anwälte, Gelehrte, Künstler und Studenten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden in Hyde Park sozialistische Theorien entwickelt, die Philosophie des Pragmatismus und konservative Wirtschaftslehren. Die Beat Poets, improvisiertes Theater und experimenteller Jazz – für sie alle war Hyde Park ein wichtiges Zentrum. Doch bis in die sechziger Jahre hinein lebten dort kaum schwarze Ärzte, Anwälte, Künstler oder Studenten. Bis dahin tauchten schwarze Familien, wie meine und die Obamas, höchstens als Besucher in Hyde Park auf, als Gäste, auf deren perfektes Benehmen Verlass war.

1947 wurde unser Freund Allison Davis als erster schwarzer Professor an eine weiße Universität in den USA berufen. Die University of Chicago hatte diese bemerkenswerte Entscheidung getroffen. Aber sie erlaubte Dr. Davis nicht, in Hyde Park bei seinen Kollegen zu wohnen. Also wanderte er jeden Tag über den Midway-Park zum Campus.

Ich liebte den Midway. Der Midway war ein langer Grünstreifen, auf dem Schüler, darunter auch Davis Söhne, meine Schwester und ich, Fußball spielten, picknickten, Schlittschuh liefen und mit Eishockeyschlägern rumfuchtelten. Doch als wir nicht mehr zur Schule gingen, trennte der Midway uns von denen.

Die Geschichte liebt Wiederholung und Ironie. Als in Chicago die erste Weltausstellung stattfand, 1893, wurden im Midway Menschen aus "primitiven" Stämmen ausgestellt, dazu wurden niedere Formen des Entertainments wie Bauchtanz und Ragtime dargeboten. All das im Kontrast zur "Weißen Stadt" – einem grandiosen Ensemble neoklassizistischer Gebäude, in denen die überlegenen Errungenschaften der westlichen Zivilisation zu bewundern waren.

Die Geschichte liebt allerdings auch Tricks und Überraschungen. In Hyde Park begann, trotz allem, auch die Integration. Dazu kam es, weil Schwarze und Weiße als Kinder zusammen zur Schule gingen und weil diese Schulen aufgeklärt genug waren, uns zusammen lernen und spielen und Freunde werden zu lassen. Es kam sogar vor, dass wir uns (anders als unsere Eltern) gegenseitig zu Hause zu besuchten.

Wir waren also ein gemischter Freundeskreis. Gemeinsam gingen wir zu Chorproben und Basketballspielen. Wir versuchten cool auszusehen, indem wir vor Steinway’s Drugstore Zigaretten rauchten. In der kitschigen Bar Tropical Hut tranken wir psychedelisch grünes Sprudelwasser. Im Buchladen an der 57. Straße blätterten wir in den Werken von Camus und Kerouac, in der Hoffnung, die Studenten und Professoren zu beeindrucken, die dort ihre Bücher kauften.

All das geschah zu einer Zeit, als den meisten Weißen jede Form von Integration zuwider war und sie den meisten Schwarzen noch unvorstellbar erschien. Ich fragte Allison Davis’ Sohn Gordon, ob seine Eltern an der Universität weiße Freunde hatten. "Oh ja", sagte er, "wir waren sehr ungewöhnlich." Ich fragte: "Haben sie euch denn auch besucht?" Gordon lachte. "Zu uns kamen ständig Weiße. Ich war jung, also erschien mir das ganz normal. Aber bei den ersten Besuchen von Weißen kamen die Leute in unserer Straße" – schwarze Leute – "aus ihren Wohnungen und starrten sie an."

Viele Jahre später in Hyde Park war es anders. Die Weißen dort starrten uns nicht an (wie es Weiße in anderen Teilen der Stadt taten). Denn Ende der vierziger Jahre hatten weiße Hyde Parker etwas Erstaunliches getan.

Die Bürgerrechtsbewegung war in Gang gekommen, und nach der Entscheidung des Obersten Gerichts 1948 konnte der Hausverkauf an Schwarze nicht mehr vertraglich verboten werden. In anderen Teilen Chicagos warfen weiße Bürger mit Ziegelsteinen, verbrannten Kreuze und zündeten Häuser an, sobald Schwarze versuchten, in ihre Gegend zu ziehen. Andere flohen, sobald die erste schwarze Familie auftauchte. Dadurch wurden viele Gegenden bald vollkommen "schwarz". Die Rassentrennung endete nicht, sie eroberte nur neue Territorien.

1949 erklärte eine kleine Gruppe von Hyde Parkern (unter ihnen Quäker, Pfarrer, Rabbiner und Professoren), dass sie nicht an Diskriminierung und Rassentrennung glaubten und daran arbeiten – arbeiten! – würden, eine ethnisch gemischte Gemeinde aufzubauen. Sie wollten das Denken, Fühlen und Leben ihrer Nachbarn verändern. Sie wollten ein Vorbild werden für die restliche Stadt und das ganze Land. (Barack Obama könnte das als einen wunderbaren Fall von community organizing anführen.) Dieses Vorhaben erforderte viel Verhandlungsgeschick, Überredungskunst, einige juristische Manöver und die Art leidenschaftlicher Rhetorik, die, wie man heute gern sagt, "Bewusstsein schafft". Es war unglaublich. Eine Bürgerinitiative der oberen Mittelklasse. Ihr offizieller Slogan lautete: "Eine gemischte Community mit hohen Standards." Diese Organisation hatte Ideale.

Die Universität jedoch war nicht an Idealen interessiert, sondern an Bestandswahrung. Diese Bestandswahrung benötigte ein Umfeld, das auch weiterhin die besten Studenten und Professoren der USA anziehen würde: eine solide, bürgerliche Umgebung ohne Arme in Sozialwohnungen, vor denen sich die Studenten fürchten würden. Also kaufte die Universität umliegende Flächen und Immobilien, riss viele Gebäude ab, vertrieb sowohl schwarze als auch weiße Angehörige der Arbeiterschicht, kleine Läden und Jazzclubs verschwanden. An ihre Stelle traten öde, aber blitzsaubere Seminarräume und Studentenwohnheime.

Die schwarzen Chicagoer, die zur gleichen Zeit Hyde Park nach und nach in eine einzigartig integrierte Gemeinde verwandelten, glichen in Wohlstand, Status und Kultur ihren neuen weißen Nachbarn. Die ersten sechs Familien, die 1949 einzogen, waren Ärzte, Unternehmer, Lehrer. Der Hausverkauf an Schwarze mochte inzwischen erlaubt sein, gern gesehen war er nicht. Zum Glück war unter den ersten Familien auch ein Immobilienmakler, der die nötigen Tricks kannte. Als er von Häusern hörte, die zum Verkauf standen, verkleidete er sich als Maler und konnte sie sich so von innen ansehen. Dann ging er wieder, zog seinen Anzug an, fuhr ins Büro und machte den Deal klar.

Diese Geschichte erzähle ich gern. Meine Leute waren auf der richtigen Seite. Wir waren vereint gegen diejenigen, die uns unsere Rechte verweigern wollten. Aber das ist nur die Rassenseite der Geschichte. Die Klassenseite ist nicht so leicht zu erzählen, denn in dieser Geschichte waren "meine Leute" – meine Klasse von Schwarzen – für gleiche Rechte für manche. Nicht für alle.

Viele Schwarze, die in den Fünfzigern und Sechzigern nach Hyde Park zogen, taten das nicht nur, weil es eine attraktive, interessante Gegend war. Wir zogen dorthin, weil wir zu viele arme Leute in unsere eigenen Viertel kommen sahen, Leute, die gefährlich oder einfach nur ungebildet wirkten und die Stereotypen entsprachen, die wir verabscheuten. Meine Eltern emigrierten nach Hyde Park, als meine Schwester und ich anfingen, Ärger mit den ärmeren Kindern am Ende unserer Straße zu bekommen. Es war 1961, und wir wurden in unserer neuen Nachbarschaft herzlich empfangen. Die progressiven Aktivisten hatten "eine gemischte Community mit hohen Standards" beschworen. "Schwarz und Weiß marschieren Schulter an Schulter, Arm in Arm, gegen die Armen", spottete Mike Nichols, heute ein weltberühmter Regisseur, damals ein scharfzüngiger Satiriker und Hyde Parker.

Hyde Park ist sich seiner Geschichte sehr bewusst. Nur in wenigen Wohngegenden wird die Vergangenheit ähnlich intensiv erkundet. Wir können es uns leisten, selbstgerecht zu sein. Eine Website über Hyde Park verkündet stolz: "Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist farbig", der Bezirk Hyde Park-Kenwood habe "eine der höchsten Konzentrationen von Kaufkraft in der Stadt", und "über 62 Prozent der Bewohner besitzen einen College- oder Universitätsabschluss".

Hyde Park hat schon immer gern viel von sich gehalten (eine Eigenschaft, die manche Kritiker auch an Obama bemerkt haben wollen). Der Grund aber, warum Obama sich für den Wohnort Hyde Park entschieden hat, dürfte darin liegen, dass kein anderer Ort eine Geschichte hat, die seiner so sehr ähnelt. Es ist, in beiden Fällen, eine Geschichte komplexer ethnischer und sozialer Tatsachen, intellektueller Neugier und emotionaler Möglichkeiten.

Diese Geschichte lässt sogar Komik zu. Ich finde es wunderbar, dass Obama sich in seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl als "Mischling" bezeichnet hat. Mischlinge wissen Widersprüche zu schätzen. Und in Hyde Park ist eine Mischlingskultur entstanden, in der die mächtigen gotischen Bauten der Universität mit Harold’s Chicken Shack koexistieren müssen, einem verrückten, äußerst beliebten Schnellimbiss, der seinen Ursprung in den schwarzen Ghettos der fünfziger Jahre hat. Bilder in den Fenstern zeigen einen axtschwingenden Koch, der ein riesiges Huhn jagt. Bestellungen werden hinter kugelsicherem Glas entgegengenommen. Die Kunden lieben Harold’s Chicken Shack auf dieselbe Art, mit der sie Erinnerungen an Al Capone lieben.

Vorige Woche, auf dem Wochenmarkt von Hyde Park, hörte meine Mutter eine allem Anschein nach weiße Frau, die laut und fröhlich zu einem weißen Freund sagte: "Oh ja! Ich habe herausgefunden, dass ich schwarzes Blut habe!"

Margo Jefferson, 61, wuchs in Hyde Park auf. Sie lebt heute in New York. Als Theaterkritikerin der "New York Times" wurde sie 1995 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. An der Columbia University lehrt sie die Kunst des Schreibens. 2008 erschien ihr Essayband "Über Michael Jackson" im Berliner Taschenbuch Verlag.