Trittbrettfahrer

über junge Männer, deren Bücher garantiert keine Generationenfrage sind

Marco Weiss ist bekanntlich der Name des jungen Mannes, der Ostern 2007 mit seinen Eltern in der Türkei Ferien machte, unter dem Verdacht, eine 13-jährige Engländerin missbraucht zu haben, von der türkischen Polizei verhaftet wurde und bis kurz vor Weihnachten desselben Jahres in Antalya in Untersuchungshaft saß. Der Fall machte Schlagzeilen und wurde zum Politikum. Inzwischen ist der junge Mann aus Uelzen volljährig und wartet in Deutschland auf das Ende des in der Türkei geführten Prozesses.

Ungute Kräfte haben ihn nun veranlasst, schon mal ein Buch an die Öffentlichkeit zu bringen, in dem er seine Geschichte und deren öffentlichen Widerhall ausführlich rekapituliert: Marco W., Meine 247 Tage im türkischen Knast, Hamburger Kinderbuchverlag, 2008; 191 S., 14,95 €. Über die schreiende Geschmacklosigkeit, die kommerzielle Anrüchigkeit und wohl auch juristische Tölpelhaftigkeit (seine deutschen Anwälte trennten sich auf der Stelle von ihrem Mandanten, als das Buch, offensichtlich ohne ihr Wissen, auf den Markt kam) muss man nicht viel sagen. Es wirkt merkwürdig, wenn ein 18-Jähriger in aktuellen Nöten ein Buchprojekt über ebendiese zu Wege bringt. Oder sich dazu überreden lässt. Wie auch immer.

Beachtenswert ist an dem Werk, das es auf die Bestsellerliste geschafft hat, ein spezieller Produktionsfaktor: die abstandslose Schnelligkeit. Kaum erlebt, hockt das Erlebte schon zwischen zwei Buchdeckeln und macht sich auf dem Buchmarkt breit. Ein Buch wie dieses beruht auf dem medialen Modell der Gleichzeitigkeit. Es funktioniert, wie Nachrichten funktionieren, wie Blogs im Internet funktionieren. Kommt aber in der äußeren Gestalt eines Buches daher. Bedient sich parasitär beim medialen Modell der Zeitverschiebung, das zum Wesen eines Buches gehört. Oder gehören sollte. Nur wird es langsam zum Normalfall, dass jeder, der gerade irgendwas erlebt oder geleistet hat, einen Sommerspaziergang, eine Ehescheidung, eine Goldene Schallplatte, sich hinsetzt und 200 oder 300 Buchseiten vollkritzelt, wo es ein kleiner Sermon auf der Website auch getan hätte.

Ein Viertel dessen, was die Sachbuch-Bestsellerliste offeriert, ist unter Parasitentum abzubuchen. Bushido beispielsweise, verfasst mit Lars Amend, riva Verlag, München 2008, 428 S., 19,90 €. Es handelt sich um die Selbst- und Lebensdarstellung eines 30-jährigen deutschen Rappers, der Teenies mit Sätzen wie: »Generell finde ich Sex heute nicht mehr so interessant wie früher«(!!!) ihr Taschengeld entlockt.

Nein, das ist jetzt mal KEINE Generationsfrage, so jung kann man gar nicht sein, um das präpotente Gelaber eines Bushido lesbar zu finden. Das ist aber nicht der Punkt. Es geht nicht darum, ob es sich um ein ganz oder halb blödes Buch, sondern ob es sich überhaupt um ein Buch oder um einen Clip im Buchkostüm handelt. Wenn der Junge 70 wäre, könnte man den oben zitierten Satz ja noch verstehen. Der Satz hat indes keinen anderen Zweck, als die Texthaltung zu erschwindeln, die von Biografien in Buchform erwartet wird.

Vom Stapel

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle »Taschenbuch« von Franz Schuh

 
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