Kinderbuch LUCHS des Jahres 2008

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen prämiert den Roman der englischen Autorin Sally Nicholls "Wie man unsterblich wird"

Du schreibst doch nicht so ein tränenreiches Buch mit lauter Geschichten und Bildern von Regenbögen, oder?«, fragt Sams Vater besorgt, als Sam ihm erzählt, dass er ein Buch über sich selbst und seine Krankheit schreiben will. »Die Art von Buch wird es nicht«, beruhigt ihn Sam. Und wir, seine Leser, können es bestätigen, denn der jungen, in London lebenden Sally Nicholls ist in ihrem Debütroman Wie man unsterblich wirdeine Geschichte vom Sterben gelungen, die voller Lebensfreude ist.

Jede Minute zählt lautet der Untertitel des Buches, das Birgitt Kollmann mit feinem Gespür für die ambivalente Stimmung des Romans ins Deutsche übersetzt hat. Der leukämiekranke elfjährige Sam und der zwei Jahre ältere Felix, die sich im Krankenhaus angefreundet haben, sind fest entschlossen, jede Minute ihres kurzen Lebens auszukosten. Der Leser erlebt ein wahres Wechselbad der Gefühle. Doch die Autorin gerät nie aus der Balance, vermeidet jede Sentimentalität – und dies ist wohl der Grund, warum sich dieser Roman, in dem es um nichts weniger als um das Sterben eines Kindes geht, unter den zwölf Luchsen des Jahres 2008 durchgesetzt hat.

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Zwei Bücher mit gleicher Punktzahl kamen dem Siegerbuch sehr nahe. Da ist einmal Andreas Steinhöfels herrlich komisches und zärtliches Porträt eines »tiefbegabten« Jungen: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Rico trifft in Oskar einen Partner mit dem gegenteiligen Problem, denn der trägt das Etikett »hochbegabt«, was bei näherem Hinsehen keineswegs ein Vorteil ist, wie Rico bald erkennt.

Auch das schmale Büchlein für Leseanfänger von Bart Moeyaert Mut für Drei, in dem der flämische Autor lustig und poetisch zugleich aus dem Kinderalltag erzählt und das von Rotraut Susanne Berner mit vielen fröhlichen Kinderfiguren wunderschön ausgestattet wurde, hat den Jahresluchs nur knapp verpasst.

Drei sehr unterschiedliche Titel an der Spitze, die eines gemeinsam haben: Sie bringen – trotz tieftrauriger Momente – ihre Leser zum Lachen, was die Jury dankbar honoriert hat in einem Jahr, das nicht gerade gesegnet war mit heiteren Büchern. So treibt Patricia McCormicks ergreifender Roman Verkauft, in dem die amerikanische Autorin vom Schicksal der 13-jährigen Lakshmi aus Nepal erzählt, die in ein indisches Bordell verkauft wird und dort die Hölle erlebt, den Leser noch lange um, und er ist dankbar für den tröstlichen Ausgang der gut recherchierten und glaubwürdigen Geschichte.

Durch eine Hölle anderer Art geht der 16jährige »Skater« in Blake Nelsons packendem, psychologisch hochinteressantem Jugendroman Paranoid Park. »Skater« wird schuldig am Tod eines Wachmanns, und da er sich der Polizei nicht stellt, versinkt er in Angst und Einsamkeit. Bis er Hilfe bei einer Freundin findet, die ihn – ohne den Grund seiner Verzweiflung zu kennen – zum Schreiben eines Briefes ermutigt, den er allerdings nicht abschickt.

Ein wenig Trost und eine glückliche Wendung brauchen die Leserinnen und Leser von Kinder- und Jugendliteratur, da sie sich mit den Helden der oft so harten Geschichten identifizieren. Das hatte die niederländische Autorin Marjolijn Hof wohl auch im Sinn, deren Kinderbuch Tote Maus für Papas Leben von der großen Angst eines Kindes um ihren Vater handelt, der als Arzt in einem afrikanischen Krieg vermisst wird. So erzählt sie die Geschichte aus der Perspektive und mit der schrägen Logik ihrer kleinen Heldin und nimmt ihr alle Schwere.

Um den Krieg geht es ebenfalls in dem Bilderbuch Der Gänsegeneral, in dem die aus Finnland stammende Marjaleena Lembcke ihren tragikomischen Helden zum Pazifisten werden lässt und die grandiosen Collagen von Heike Ellermann ihre eigene Antikriegsbotschaft vermitteln.

In Amsterdam, zwischen Krieg und Frieden, spielt der ambitionierte Roman Wintereisdes Niederländers Peter van Gestel, dessen besondere Sprache Mirjam Pressler kongenial ins Deutsche übertragen hat. »Wintereis« steht als Metapher für die Wunden des Krieges, an denen die jüdischen Freunde des Icherzählers Thomas auch nach dem Krieg noch leiden. Das Eis taut am Ende auf, und es gibt für Thomas Erinnerungen, die voller sinnlicher Lebensfreude sind.

Ein Blick zurück gewährt auch das einzige Sachbuch unter den zwölf Luchsen Die DDR, in dem Hermann Vinke sich mit Sachkenntnis und packend formuliert an all jene wendet, die die DDR nur noch aus Erzählungen und den Medien kennen.

Bunt und sehr vergnüglich geht es zu im Bilderbuch Zwei lange, lange Ohren der niederländischen Künstlerin Erna Kuik, die in ihrem Erstlingswerk erzählt und malt, wie der Hase Bastian Künstler werden will und sich und seine Freunde mit seinen Werken beglückt. Text und Bilder von einer Hand – das ist selten geworden.

Der australische Buchkünstler Shaun Tan beherrscht beides bravourös, wie wir in seinen Geschichten aus der Vorstadt des Universums bewundern können. »Ein Spiel voller Melancholie und Poesie« nannte es Hans ten Doornkaat in seiner Laudatio.

Ein Multitalent anderer Art ist der Autor, Maler und Schauspieler Martin Baltscheit, der die von Gisbert Haefs grandios neu übersetzten Dschungelbücher Rudyard Kiplings auf so ungewöhnlich kraftvolle Weise neu interpretiert und illustriert hat, dass die Luchs-Jury dem Prachtband freudig den Dezember-Luchs verliehen hat. Hilde Elisabeth Menzel

Die Luchs-Jury gratuliert und lädt zusammen mit der ZEIT und Radio Bremen am 11. Februar um 18 Uhr zu einer öffentlichen Veranstaltung ins Hamburger Literaturhaus, Schwanenwik 38, wo der Literatur-Chef der ZEIT, Ulrich Greiner, und der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Matthias Naß, den Preis überreichen. Sally Nicholls und ihre Übersetzerin Birgitt Kollmann werden aus dem Roman lesen

 
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