Der Pudel hebt das Hinterbein

Ernst Kahls gereimte Hundekunde, hinreißend illustriert von Eva Muggenthaler

Papa, ich will einen Hund – der Buchtitel ist fast schon pure Ironie. Unzählige Kindergeschichten beginnen so. Hier allerdings reagiert der Vater ungewohnt: »Weißt du überhaupt, wie viele Hunderassen es gibt?«

Treu sich selbst und pädagogisch grundfalsch, gibt er auch gleich die Antwort: »Dreihundertzehn!« Das kleine Mädchen kann nur »Oha!« sagen, denn jetzt legt Papa los. Beziehungsweise Ernst Kahl, der Filmemacher, Maler und Autor aus Altona, der in seinen Arbeiten wie kaum ein anderer das Adjektiv »tierisch« nutzt, fies und frech, mit Freude an Lust und Laster. Hier allerdings reimt er jugendfrei.

»Die lange Zunge vom Chow-Chow / ist nicht rötlich, sondern blau.« Das Bild zeigt einen Halbkreis mit vielen Hunden, alle zeigen ihre Zunge, nur einer hat das Maul geschlossen. »Der Kettenhund wär lieber frei. / Der Mops, der stahl dem Koch ein Ei.« Oder: »Aus Tibet kam zu uns der Lhasa. / Er sieht hier mehr als er je da sah.« Im Bild sitzt der vor dem Fernseher und trinkt – Yakmilch? – mit einem Strohhalm.

Kahl kalauert und überrascht mit seiner Kunst des Lapidaren, seine Verse hüpfen und springen, kichern und klappern, halten sich aber immer, mit fröhlicher Treue, an die Gesetze der gebundenen Rede. Demgegenüber nutzt die junge, in Nordfriesland lebende Grafikerin Eva Muggenthaler alle Freiheiten des Bildtextes, und sei es nur, dass dem Kettenhund zwei Hühner dicht vor der Schnauze herumspazieren, pfeifend quasi mit gespitztem Schnabel.

Manche Anspielungen und viele Finessen der Zeichnungen werden selbst Erwachsene erst bei wiederholter Lektüre entdecken – und einige nie. Und dass Kindern teils das Wissen fehlt, jede Pointe zu verstehen, heißt noch lange nicht, dass dieses Erwachsenenbuch nicht auch ein Kinderbuch sein kann. »Von Ast zu Ast der Flughund schwebt. / Sein Hinterbein der Pudel hebt.« Natürlich ist der Flughund ein Fledertier. Muggenthalers Zeichnung bestätigt das. Vor allem aber lässt sie ihn von Baumwipfel zu Baumwipfel hopsen – an der Leine, und Herrchen im Flugzeug.

Das Buch ist für alle, die das Spiel zwischen Wort und Bild mögen, und besonders für diejenigen, die sich an der Präzision der scheinbar raschen Linie freuen. Eva Muggenthaler zeigt mit diesen gut hundert Illustrationen wieder einmal ihre ganz besondere Klasse – denn tatsächlich darf man ihre Kunst, das brillante Nebeneinander von Stilen, Techniken und Farbgebungen schon jetzt mit der Saul Steinbergs oder F. K. Waechters vergleichen. Ihr gelingt eine unbekümmert wilde Mischung und doch ein in sich stimmiger Stil, mit Collagen und eingefärbten Papieren, mit karger Linie, schraffierten Flächen und verwischtem Strich, mal mit dem Pinsel gezeichnet, mal mit Kreide gemalt. Und doch ergibt die Vielfalt der Zeichnungen samt der ratternden Verse ein Ganzes: ein kleines Gesamtkunstwerk.

Bleibt noch die Frage, welchen Hund das Mädchen zum Schluss wählt. »Ich möchte doch lieber einen Zierfisch.« – »Aha, weißt du überhaupt, wie viele Zierfischarten es gibt? Fünfhundertzehn!« Oha, da sind wir aber gespannt. Hans ten Doornkaat

Ernst Kahl/Eva Muggenthaler (Ill.): Papa, ich will einen Hund

Kein & Aber, Zürich 2008; 96 S., 16,90 € (für alle)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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    • Schlagworte Tibet | Literatur | Zeichnung | Kinderbuch | Zürich
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