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om Kommunismus reden? Warum? Etwa, weil Marx jetzt, in der Finanz- und Wirtschaftskrise, wieder »aktuell« sein soll? Tatsächlich ist das Kapital neuerdings öfter in den Buchhandlungen zu sehen. Manche Linke machen sich Hoffnungen, dass ihre Zeit noch einmal gekommen sei. In Wahrheit hat der Kommunismus keine große Zukunft – aber eine große Vergangenheit.
Er hat eine ungeheuerliche Geschichte von Hoffnungen und Verbrechen, er ist verdientermaßen untergegangen und eine gewaltige Menschheitserfahrung. Der Kommunismus war gottlos und gläubig, utopisch auf die Zukunft versessen und verstockt gegen die Moderne, er war die Parole der Unterdrückten und die Herrschaftsideologie einer Weltmacht. Vielleicht können wir davon jetzt zum ersten Mal frei sprechen – in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der DDR war alles Reden über den Sozialismus waffenstarrend, bitter und politisiert. Es war ein Schlachtfeld von Anklagen und Rechtfertigungsversuchen, von Lebensgeschichten, die um ihr Recht kämpften. Vielleicht ist es Zeit, Frieden zu schließen mit dieser Geschichte – die Größe der zerstörten, halb verwitterten Ruine, die wir geerbt haben, ebenso zu sehen wie die Notwendigkeit ihrer Zerstörung. Der Kalender jedenfalls hat an den Anfang des Gedenkjahrs 2009 nicht die Erinnerung an den Kriegsbeginn 1939, die Gründung der Bundesrepublik 1949 oder den Mauerfall 1989 gestellt, sondern das Schlüsseldatum der Helden- und Passionsgeschichte des deutschen Kommunismus: Vor 90 Jahren, am 15. November 1919, wurden in Berlin Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet, von rechten Milizionären, hinter denen die sozialdemokratische Reichsregierung stand.
Rosa und Karl sind frei vom Makel der Diktaturzwerge späterer Jahre
Luxemburg und Liebknecht, die Opfer der Gegenrevolution, deren Traum einer deutschen Räterepublik nie die Chance zur Verwirklichung hatte, sind die unbefleckten Heroen der kommunistischen Bewegung. Sie sind nicht beschmutzt von Macht und Machtmissbrauch wie die siegreichen Revolutionäre Lenin und Trotzkij, der Massenmörder Stalin, die Diktaturzwerge Ulbricht und Honecker. Obwohl eine Radikale und eine Verfechterin der Diktatur des Proletariats, hat Rosa Luxemburg den Kommandocharakter des russischen Bolschewismus verurteilt; das Lieblingszitat aller demokratischen Sozialisten stammt von ihr: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein –, ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.«
Aber stärker noch als mit der Unschuldsfaszination wirken Luxemburg und Liebknecht mit ihrer Leidensgeschichte. Ihre Gräber sind Märtyrergräber. Wie Bischöfe und Domherren um die Heiligenreliquien in der Krypta herum haben sich die höchsten Parteifunktionäre der DDR in der »Gedenkstätte der Sozialisten« auf dem Friedhof Friedrichsfelde in der Nähe von Karl und Rosa beisetzen lassen. Jedes Jahr zum Todestag der beiden findet eine Prozession zu ihren Gräbern statt – zu DDR-Zeiten eine Staatskundgebung, heute eine Veranstaltung unter Schirmherrschaft der Linkspartei, an deren Rand Dutzende marxistischer Kleinformationen und Splittergruppen mit ihren museumswürdigen Fahnen, Transparenten und Mitgliedern eine Kundgebung abhalten. Einige Zehntausend dürften am vergangenen Sonntag da gewesen sein. Und man erlebte eine seltsame Verwandlung: Der Demonstrationszug im Anmarsch, vor Erreichen der Gedenkstätte, war ein etwas struppiger Haufen, aus dem aggressive Frustparolen gegen das westliche System und sogar einige Sprechchöre zu Ehren Stalins drangen. Doch sobald sie den Gräberhain betreten hatte, wurde aus der unbehaglichen Menge ein würdiger Trauerzug, die militanten Transparente waren verschwunden, während aus den eigens aufgebauten Lautsprechern getragene Musik kam, Christoph Willibald Glucks Reigen seliger Geister und Bach (freilich nichts Geistliches).
Die religiöse Intensität ist die Tiefe, in die man steigen muss, um den Glutkern, aber auch die inquisitorische Kälte des Kommunismus zu erfassen – das Erbarmen mit den Erniedrigten und Beleidigten, wie in der Bibel, und die Schauprozesse gegen die Ketzer und Abweichler, mit dem Erschießungskommando als Scheiterhaufen. Eine Heiligenreliquie lag im Zentrum der Sowjetmacht: der einbalsamierte Lenin, der immer noch an der Kremlmauer aufgebahrt ist. Er war für das kommunistische Weltsystem, was das Apostelgrab im Petersdom für den Katholizismus bedeutet. Wie die Priesterschaft in der Kirche hat Lenin seine Partei angelegt, als disziplinierte Elitetruppe, als Avantgarde, die den unreifen Glauben der Massen zur Klarheit und zum Sieg führt. Rosa Luxemburg selbst hat in ihrem letzten Zeitungsartikel, erschienen am Tag vor ihrem Tode, das Wiederaufleben der blutig niedergeschlagenen Rebellion wie eine Auferstehung von den Toten prophezeit: »Die Revolution wird sich morgen schon ›rasselnd wieder in die Höh’ richten‹ und zu Eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!« Den Schlusssatz hat die kommunistische Partei auf ein 1926 errichtetes erstes, dann 1935 von den Nazis zerstörtes Monument für ihre ermordete Gründerin setzen lassen: Fanfare und Credo zugleich.
Nirgends sonst im 20. Jahrhundert ist so groß entworfen, gerühmt und geklagt worden wie im Kommunismus. Die Häuser in der Stalinallee in Ost-Berlin sollten »Wohnpaläste« für den neuen Menschen sein – ein rücksichtslos durchgesetztes politisches Statement gegen die Architekturmoderne des Bauhaus-Stils waren sie auch. Der DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin hat eine Erzählung über den Mord an Liebknecht und Luxemburg mit Zitaten aus den Evangelien durchschossen, aus der Leidensgeschichte Jesu, die zum Urbild für die Passion der Revolutionäre wird – ein paar Sätze darüber, was die Soldateska ihren wehrlosen Opfern antat, und dann übergangslos das Bibelwort: »Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.« Bizarr oder bewegend? Es ist wohl beides. Man kann nicht anders, als die seelischen Energien zu bestaunen, die in diesem Pathos am Werk sind – aber es waren dieselben Kräfte, die treue Kommunisten unter Stalin dazu gebracht haben, sich im Parteiauftrag nie begangener Schandtaten zu bezichtigen oder ihre engsten Angehörigen und Freunde der Geheimpolizei auszuliefern.
Die polnische oder tschechische Christa Wolf gab es nicht
In Deutschland hat der Kommunismus immer noch mehr und anderes bedeutet als anderswo. Als 1989 das Sowjetreich in sich zusammensackte, wunderten sich die Intellektuellen in Warschau und Prag darüber, wie lange ihre Kollegen in Ost-Berlin am Sozialismus festhielten – an einem menschlichen, von Diktatur und Bürokratie befreiten Traumsozialismus, aber Sozialismus gleichwohl. In den übrigen Ostblockländern war man eine Stütze des Systems oder man war dagegen – aber man war nicht kritischer, leidender, hoffender, halb oppositioneller Moralkommunist. Die polnische oder tschechische Christa Wolf gab es nicht.
Dass es in Deutschland anders war, lag am einmaligen historischen Kredit der kommunistischen Bewegung hier. Liebknecht und Luxemburg waren gegen den Ersten Weltkrieg gewesen – nicht bloß gegen die kaiserliche Regierung, sondern auch gegen die Parteiführung der SPD, die einen »Burgfrieden« mit dem Regime geschlossen hatte. Die Kommunisten waren es, die 1918 eine wirkliche Revolution wollten, den totalen Bruch mit dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat, während die Sozialdemokraten sich mit der alten Elite arrangierten. Nicht aus ihrem marxistischen Programm oder der Anlehnung an die Sowjetunion bezogen die Kommunisten ihre moralische Stärke, sondern weil sie den schärfsten Kontrast zum Deutschland der Feldwebel und Ruhrbarone verkörperten, weil sie für die Welt der Mietskasernen standen, für die Arbeiter und Arbeitslosen, für alles, was unten war und endlich auch ans Licht wollte. Die Vorläuferorganisation der kommunistischen Partei nannte sich Spartakusbund – nach dem Führer eines Sklavenaufstands im antiken Rom, der mit der Kreuzigung von Tausenden Rebellen endete. Das war die weltgeschichtliche Geste, mit der die radikale Linke auftrat, als Anwältin eines Proletariats, das eine echte Gegenkultur vertrat, vom Bürgertum ignoriert und unterdrückt. Dieses Deutschland war noch nicht die Bundesrepublik, mit sozialer Marktwirtschaft und Wohlstand für alle, es war tatsächlich noch eine Klassengesellschaft, und dagegen stellten die Kommunisten den Klassenkampf.
Der höchste aller moralischen Trümpfe aber, der 1989 noch stach, war der Antifaschismus. Es ist viel Legende und Lüge daran, noch 1939 hatte Stalin mit Hitler einen schamlosen Pakt geschlossen. Ehemalige Nazis haben (seltener als im Westen allerdings) auch in der DDR Karriere gemacht, wenn sie sich mit den neuen Verhältnissen arrangierten, und die Judenvernichtung ist im parteioffiziellen Bild des »Faschismus« auf skandalöse Weise an den Rand gedrängt worden. Aber kommunistische Widerstandskämpfer gab es, die Sowjetunion trug seit 1941 die Hauptlast im Krieg gegen Hitler, und nach 1945 rief das sozialistische Ostdeutschland die Emigranten aus dem Exil zurück, während Adenauers Bundesrepublik sich an der Heimkehr der Verjagten und Geflohenen herzlich desinteressiert zeigte. Wie das Monumentalbild eines antihitlerschen geistigen Deutschlands stehen die Linken da, die Brecht und Anna Seghers und Heinrich Mann, die sich nach dem Krieg für Ost-Berlin entschieden. Wie nirgendwo sonst hat im schuldbeladenen Deutschland der Antifaschismus den Kommunisten das Gefühl gegeben, auf der richtigen Seite zu stehen.
Den Kommunismus als Doktrin und System rettet das gute Gewissen seiner Anhänger nicht – es kann ein Glaube die größten Kunstwerke und die selbstlosesten Opfer hervorgebracht haben und trotzdem Verblendung sein. Gegenüber der gewaltigen Sozialisten-Gedenkstätte in Friedrichsfelde wurde 2006 eine kleine Tafel mit der Inschrift »Den Opfern des Stalinismus« errichtet. Auch da haben die Demonstranten am vorigen Sonntag ein paar rote Nelken hingelegt. Es war ein Akt der Buße – und der Verschleierung zugleich. Als millionenfacher Mörder von Staats wegen ist Stalin in der Geschichte des 20. Jahrhunderts tatsächlich nur Hitler (und dem Mitkommunisten Mao) zu vergleichen. Aber nicht erst mit Stalin hat das Übel begonnen. Schon bei Lenin, dem Sieger der russischen Oktoberrevolution von 1917, ist das Modell der Parteidiktatur voll entwickelt, Terror gegen den sozialen und politischen Gegner inbegriffen. Und es geht noch weiter zurück, bis zu Marx selbst, der zwar keine Gelegenheit zum Machtmissbrauch hatte, aber in seinem ganzen Schreiben die Rücksichtslosigkeit eines Theoriekriegers offenbart, der durch Polemik vernichten will.
Für das unpolitische Leid hat der Kommunismus kein Rezept
Die Brutalität hat an der Wiege der kommunistischen Bewegung gestanden. Als sie sich weitgehend ausgerast hatte, nach Stalins Tod, kam eine bleierne Zeit der kleinbürgerlichen Gefängnisatmosphäre, das Regiment der farblosen Parteisekretäre, das bis 1989 dauerte. In Friedrichsfelde hat dieser Bürokratensozialismus sich selbst ein Denkmal gesetzt, indem sich die DDR-Partei-, Staats- und Regierungsführer Ulbricht, Pieck und Grotewohl tatsächlich direkt neben Liebknecht und Luxemburg unter gleich großen Grabplatten beisetzen ließen. Was für eine Frechheit! Dann aber auch: Was für eine Banalisierung des Außerordentlichen! Der Kommunismus ist zweimal gescheitert – erst durch Verbrechen, dann durch Verspießerung.
Der brutale Zug bezeichnet dann doch, bei allen Anklängen an das Gerechtigkeitspathos jüdischer Propheten oder die Gleichheitsideale des Urchristentums, die Trennlinie zur echten Religion. Nicht dass es in der Kirchengeschichte an Fanatismus und Blutvergießen fehlen würde. Aber das Prinzip des Christentums, sein Kerngedanke und Leitmotiv, ist die Liebe – und für den Kommunismus ist es der Kampf. Daher seine Aggressivität, und daher auch seine Verwundbarkeit. Der Kommunismus spricht wohl für die Geknechteten, aber er sieht in ihnen die künftigen Sieger der Geschichte, das Proletariat, dem die Zukunft gehört, während die Bourgeoisie zum Untergang verurteilt ist, und so marschiert er am Ende doch mit den stärkeren Bataillonen. Wenn sie sich als die schwächeren erweisen, ist der Kommunismus mit seiner Weisheit am Ende. Für das Scheitern, für die Schwachen, die nicht die Starken von morgen sind, für das unpolitische Leid, hat er kein Rezept und keine Antwort. Er ist ein Glaube, aber mit der Niederlage muss er sterben.
Der Kommunismus ist Vergangenheit. Man soll widersprechen, wenn seine Verbrechen beschönigt werden, und man wird alle verrückt nennen, die ihn sich zurückwünschen. Er wird auch keine Renaissance erleben, nur weil der Kapitalismus eine Krise durchmacht – die Überzeugung von der allmächtigen Wahrheit der Marxschen Theorie, die Parteidisziplin à la Lenin, die kompakte, schlagkräftige Lebenswelt des Proletariats: Das alles ist dahin. Aber, mit Thomas Mann zu sprechen, »buchenswert« ist es. Am Grab dieses Glaubens in ordentlicher Haltung und nachdenklich für einen Augenblick zu verweilen, die Mütze in der Hand, das steht der Bundesrepublik zu Beginn ihres großen Jubiläumsjahrs 2009 nicht schlecht an.
Siehe auch Literatur, Seite 51
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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