Kunstmarkt
Ein geschäftstüchtiger Händler sollte Kunst nicht sammeln. Außer es handelt sich um einen seltenen Turner»Für welchen Maler ich viel Geld ausgeben würde? William Turner«
»Der Tempel des Jupiter Panellenius« von William Turner, 1814–1816
Bei manchen großen Kunsthändlern kann ein Blick ins private Arbeitszimmer noch aufregender sein als der Besuch in ihren großartigen Galerien. Im kleinen Büro von Eberhard Kornfeld in Bern etwa hingen bereits einige der schönsten Davos-Ansichten von Ernst Ludwig Kirchner. Bei Jan Krugier in der Genfer Grand-Rue fanden sich häufig Picasso-Gemälde von solcher Bedeutung, dass einige seiner Kunden ein Vermögen dafür bezahlt hätten, wären sie jemals verkäuflich gewesen. Und dass Ernst Beyeler bei Weitem nicht alle Kunstwerke, auf die er Zugriff hatte, auch dem Markt zur Verfügung stellen wollte, wurde spätestens deutlich, als er 1997 im Basler Vorort Riehen sein Privatmuseum eröffnete.
Über die private Kunstsammlung von Richard L. Feigen ist nur wenig bekannt. Anders als seine europäischen Kollegen hat der legendäre New Yorker Galerist seine privaten Schätze nie zusammenhängend öffentlich gezeigt. In Ausstellungen und als Leihgaben an Museen tauchte mal hier ein van Rysselberghe, mal dort ein van Gogh auf. Den ganzen Umfang seiner Kollektion aber kennt nur, wer einmal in seine Privaträume an der Upper East Side in Manhattan vorgelassen wurde. In einem der Wohnräume hängt eine Landschaft von John Constable, in einem anderen eines von drei Gemälden von Orazio Gentileschi, die Feigen besitzt.
Nun trennt sich der vielfache Millionär von einem seiner wertvollsten Schätze. Am 29. Januar wird bei Sotheby’s in New York Joseph Mallord William Turners Der Tempel des Jupiter Panellenius versteigert werden: Vor dem Heiligtum des »Gottes aller Griechen« tanzen bei aufgehender Sonne mehrere Figuren und verkörpern auf diese Weise das griechische Ideal einer freien Gesellschaft. Als Richard L. Feigen die 119 mal 178 Zentimeter große Leinwand im Juli 1982 bei Christie’s aus der Sammlung von Lord Wraxhall ersteigerte, musste er dafür 1,1 Millionen Dollar bezahlen. Nun erwartet Sotheby’s 12 bis 16 Millionen Dollar dafür.
Richard L. Feigen kennt sich mit Geldfragen nicht nur aus, weil er zu seinen Kunden prominente Großsammler wie Ronald Lauder, Henry Kravis, Wendell Cherry und Alfred Taubman, den ehemaligen Eigentümer des Auktionshauses Sotheby’s, zählt. Nach dem Studium in Yale und Harvard hatte der heute 78-Jährige seinen ersten Job beim Bankhaus Lehman Brothers. Von Turners Jupiter-Tempel trennt er sich nun, um frühzeitig mit der Regelung seines Nachlasses zu beginnen – nicht ohne Netz und doppelten Boden allerdings. Sotheby’s hat für das Bild keine Garantie gegeben. Falls es sich nicht verkauft, kehrt es zu Richard L. Feigen an die Upper East Side zurück. Stefan Koldehoff
Frank Bsirske, geboren 1952 in Helmstedt, ist Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di
ZEIT magazin Fotos –––Henning Schacht/action press; Sotheby’s
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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