Niemand, der dieses Buch aufschlägt, wird es lesen können wie irgendeines. Der ungeheure und in Wahrheit ja auch nicht geheure Erfolg des vorangegangenen Romans Die Vermessung der Welt steht dazwischen, ein Erfolg, der, wenn überhaupt, Romanen vom Format der Buddenbrooks, des Prozesses oder der Blechtrommel angemessen schiene, aber nicht diesem Buch, das zwar eine Menge Qualitäten hat, aber gewiss kein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Literatur ist.

Auch die Figur des Autors macht es nicht einfacher, unbefangen loszulesen. Daniel Kehlmann hat ja für sein Alter – Jahrgang 1975 – nicht nur ein bereits stattliches und üppig bepreistes Werk vorgelegt, sondern er verbirgt auch hinter der Physiognomie des Knaben Wundermild ein Wissen, ja eine Bildung von geradezu professoralem Ausmaß, die er mit feiner Rhetorik vorzuführen weiß: Erst vor wenigen Monaten hat er sich anlässlich der Entgegennahme des Lübecker Thomas-Mann-Preises ebenso brillant wie einfühlsam und anregend seines großen Vorgängers angenommen, sodass man seit Langem endlich wieder einmal den Dichter Mann vorgestellt bekam.

Im Übrigen ist Kehlmann – ungewöhnlich genug in unserer personalitysüchtigen Medienwelt – einer, der sich durchaus nicht versteckt und doch bedeckt hält, gleichsam ein Mann ohne Unterleib, brain man and storyteller, einer, der intelligent zu unterhalten weiß und einem obendrein etwas beibringt: Was wusste man schon von Humboldt und Gauß?

Eine dritte Hürde gab es auch noch, wenngleich nur für Leser der FAZ: Dort hat der selbstbewusste Autor nämlich knapp vor Erscheinen des neuen Buches in einem termingerechten Interview allen Interpreten vorgesagt, was das Besondere und Gelungene an diesem Roman ist, wie er funktioniert, wie man ihn lesen sollte und so weiter, also all das, was zumindest Kritiker einem Autor bekanntlich erst einmal überhaupt nicht glauben. Aber Autoren glauben Kritikern ja auch nicht alles.

»Ein Roman in neun Geschichten« lautet die eher ungewöhnliche Gattungsbezeichnung, und ungewöhnlich ist auch der Clou der ersten Geschichte: Da hat sich jemand ein fabrikneues Handy gekauft, und sofort bekommt er Anrufe, die nicht ihm gelten, sondern einem gewissen Ralf, der offenkundig ein sehr viel aufregenderes Leben hat als unser Mann, Anrufe von Frauen und Agenten, Dramatisches und Entscheidendes. Und wie das Leben oder wer auch immer so spielt: Der Mann nimmt die Gespräche an und tut, als sei er Ralf.

Die Töne und Themen sind schon in dieser ersten Erzählung im Wesentlichen angeschlagen, und ehe wir der Versuchung nachgeben und alle neun Geschichten nacherzählen, fassen wir lieber gleich zusammen, was hier des Pudels Kern ist: In allen Erzählungen spielen Handys – die in diesem Buch übrigens konstant Mobiltelefon heißen, wohl damit der Leser das Unruhestiftende an ihnen nicht vergisst – eine entscheidende, wirklichkeitsverwirrende Rolle. Sie stellen Verbindungen her in alle Richtungen und Räume, und in entscheidenden Momenten versagen sie. Ein Leben ohne sie ist zwar nicht mehr denkbar, das Leben mit ihnen aber nach Meinung Daniel Kehlmanns noch lange nicht wirklich eingeübt.