Schon immer haben ja Autoren auf der Suche nach neuen Stoffzündern gern nach technischen Neuerungen gegriffen und dann behauptet, dass Mörser, Autos, Flugzeuge und Computer des Menschen Tun und Treiben völlig umgekrempelt haben, nur weil der alte Adam sich für eine Weile in neuen Kleidern zeigt. Gewiss, die kleinen Kommunikationsmaschinchen können allerhand Unheil anstiften, gehen wir mit diesem Unheil dann aber nicht doch so um, wie unsere Väter und Großmütter es getan hätten?

Das andere verbindende Thema dieser Geschichten ist der Rollentausch – auch das ein Klassiker der Literatur, und nicht erst seit dem Schneiderlein Strapinski. Einer tut am Telefon, als sei er ein anderer, der wiederum tut, als sei er sein Double, und dann auch für dieses gehalten wird, ein Dritter tut, als wär er überhaupt wer und ist doch nur eine Null, eine Vierte ersetzt einen anderen und löscht sich derart selber aus, und eine Fünfte entschließt sich zur Sterbehilfe in der Schweiz und hofft, dass dieser Kelch in letzter Minute von ihr abgewendet wird. Das aber kann nur einer – der Autor, und weil der’s kann, tut er es auch.

Dieser Autor heißt hier zunächst einmal nicht Kehlmann, der sich vorläufig noch im Hintergrund amüsiert, sondern Leo Richter, vor dem sich eine Sechste fürchtet, die nicht in seine Geschichten hineinwill, in denen sich eine Siebente aber bereits sehr wohlfühlt etc. pp. Man sieht, hinter alldem, so kulturkritisch es sich auch immer geben mag, steckt vor allem das Vergnügen des allmächtigen und allgegenwärtigen Erzählers, der seine Souveränität ausreizt, so weit die Einfälle tragen. (Der Beruf, der in diesem Buch am häufigsten genannt wird, ist übrigens der des Schriftstellers – ob das schon den Sinn des Buchtitels erklärt?)

Dass jemand am Rand der einen Geschichte auftritt, in der nächsten die Hauptfigur ist und in einer weiteren noch einmal auftaucht und dann vielleicht ein viertes Mal da, wo man gar nicht mehr mit ihm gerechnet hatte, das alles hat mit dem Leben und den Erfahrungen, die wir in ihm machen können oder gar müssen, wenig zu tun. Es ist vielmehr nichts als das harmlose Vergnügen eines Virtuosen, der mit seinen Trillern und Doppelgriffen vorführt, was er kann, und dieser hier kann einiges.

Der Autor greift in die Geschichten ein, er ändert abrupt deren Lauf und bringt sich so immer wieder selbst in Erinnerung. Sein Interesse gilt aber (mit der Ausnahme der Sterbewilligen vielleicht) in Wahrheit nicht seinen Figuren – unseres daraufhin auch nicht –, wohl aber dem eigenen Können, dem nun auch wir mehr oder weniger gebannt zuschauen. Die technische Seite des Erzählens wird uns hier vorgeführt, das Skelett, nicht das Fleisch der Erzählung, die Fabel, nicht das Ineffabile. Das gibt dem Ganzen gelegentlich auch etwas Ausgedachtes und Demonstratives – Realist ist Kehlmann ja nicht –, durch die Offenkundigkeit des Verfahrens wirkt es aber auch spielerisch. Vermutlich zeugt es von der Klugheit des Autors, dass er sich, ehe er neuerlich die Risiken sucht, die man für eine große bedeutende Arbeit eingehen muss, zwischendurch ganz einfach auf sein unterhaltsames Können verlässt: Das große Vorbild Thomas Mann hat es auf seiner Ebene übrigens nicht anders gehalten.

Kein Wunder, dass das Individuelle dabei auf der Strecke bleibt. Der Einzelne bekommt ein Fähnchen oder zwei, Beruf, Typ, dazu ein Name wie Rappenzilch, von Stückenbrock, Riedergott oder Mollwitz (Max Goldt, dem Kehlmann gerade den Kleist-Preis zugesprochen hat, lässt herzlich grüßen), und schon wird er in die Maschine eingebaut, auf dass sie schnurre. Und sie schnurrt durchaus.