Belletristik Wenn das Handy neunmal klingeltWenn das Handy…Seite 3/3
Sprachlich, das kann nicht ganz verschwiegen werden, fällt dabei nicht viel ab. In der längsten Geschichte, die dem ältesten Thema, dem Ehebruch, gewidmet ist und dem – natürlich vergeblichen – Versuch, ihn vielleicht doch als Vorstufe zum Dreierglück in unsere Gesellschaft einzubauen, kommt für einmal – nein, nicht die Liebe, aber doch ein ungemachtes Bett vor, und was da dann zeitweilig mehr wie Wrestling als wie Leidenschaft aussieht, das geschieht mit einer Dame, an der der Mann »ihren langen Hals und das Spiel der Muskeln unter der Haut ihrer Schulter und das des Lichts auf dem Seidenglanz ihrer Haare« bewundert. Und etwas weiter liest man dann (ohne jede Ironie): »Sekunden später lagen wir da, und ich spürte die Festheit ihrer Glieder, sah aus der Nähe die Dunkelheit ihrer Augen. Ihre Hände nestelten an meinem Gürtel, meine Hände glitten unter ihre Bluse, all das ganz von selbst, ohne Zögern und Überlegen, es lief ab wie ohne unser Zutun: Dann die Decke und die Nacktheit und das Keuchen und ihre kräftigen Hände, und sie, die mich, und ich, der sie…« et cetera, am Ende fehlt auch nicht »auf ihrer Haut ein dünner Film von Schweiß«. Nun gut, man muss nicht alles können.
Ob’s wirklich ein Roman ist, was man da am Ende gelesen hat, das sei dahingestellt ebenso wie die sich auch am Ende nicht recht erschließende Bedeutung des Titels. Der Roman an sich hat ja ein weites Herz, dann mag auch dieser neue Text von Kehlmann einer sein. In jedem Fall aber ist das Ganze eine kleine Scheherazaderie, ein hübsch gemusterter, nicht ungeschickt gewobener Teppich. Fliegen kann er allerdings nicht.
Daniel Kehlmann: Ruhm
Ein Roman in neun Geschichten; Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 224 S., 18,90 €
- Datum 16.01.2009 - 15:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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Jungs Rezension zerbröselt Kehlmanns neues Buch Ruhm zwischen den Mühlsteinen von Thomas Manns Buddenbrooks und Günter Grass' Blechtrommel. Er kommt zum Schluss, dass außer einer guten schriftstellerischen Idee zum Buch nur eine Sammlung von neun Geschichten aus Tausendundeinernacht herausgekommen sei, ja dass sogar, was heutige Leser besonders an der Lektüre eines Buches reizt, nämlich die erotischen Szenen, schlecht geschrieben und erzählt seien.
Ist das nicht zu viel Anspruch, der hier von vorneherein gesetzt wird und wurde? Muss es immer gleich Thomas Mann und Grass sein, wenn von Erfolg im Literaturbetrieb, wenn von jungen Autoren gesprochen wird? Ist Kehlmann, der Komet am Sternenhimmel des Buchmarktes gefeiert wird und wurde, der mit Literaturpreisen und sonstigen Auszeichnungen und Belobigungen schnell überhäuft wurde, schlicht und ergreifend nicht einfach nur zu bedauern? Es scheint, man lobte hoch, um tief fallen zu lassen – um weg, um aus dem Literaturbetrieb fort zu loben.
Durch sein erfolgreiches Megabuch Vermessung der Welt scheint man ihn zum Niveau, das da sofort heißen muss Thomas Mann und Günter Grass verdonnert, verpflichtet, gezwungen zu haben (Und dem Rezensenten ist zugute zu halten, dass er es sagt, nicht nur denkt). Aber warum? Um ihn gleich fertig zu machen? Ihn tief fallen lassen zu können? Er wird gemessen an dem, was er einst erreichte; vermessen an dem, was für Rezensenten und lesendes Publikum nun aus dem Stand möglich sein müsse. Ist das opportun? Oder will man damit nur sagen, dass man immer wieder nur lieber die alten Hasen, die Grass', die Walsers', die .... lesen will? (Hinweis: Ich habe nichts gegen diese Autoren! Sie gehören ohne Frage zum Besten, was die deutsche Literatur seit 1945 geboten hat!).
Aber, bei aller Kritik an den Erwartungen von Rezensenten und Buchmarkt, zwei unprofessionelle Fehler hat Kehlmann im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit auf jeden Fall gemacht:
Er hat erstens im FAZ-Interview sein neues Buch erklärt, ja interpretiert, was zeigt, dass er Angst hat, es könnte missverstanden, in seiner Güte nicht erkannt; es könnte ein Flop werden, nicht auf der Höhe der Vermessbarkeit sein.
Er hat zweitens zu viel über sich, über seine schriftstellerische Werkstatt, seine zwischenzeitlichen Schreibversuche und -probleme preisgegeben. Er hat sich gegenüber Kritik und Öffentlichkeit vermessbar gemacht. Er hat öffentlich gemacht, dass zwischen großem Erfolg und Autorenwirklichkeit Welten liegen könnten. Er hat selbst dem Anspruch, den er in sich setzt und in ihn gesetzt sieht, geschadet: damit seinen zukünftigen Büchern, seinem Ruhm.
So könnte geschehen, was schon so vielen Autoren geschah: Ein Autor, der mit seinem Erstling zu solcher Quote kam, könnte tot sein, bevor er richtig gelebt hat. So erging es vielen, wird es vielen ergehen, auch wenn es noch viel mehr andere gibt, die nur für die Schublade schrieben, niemals diese Chance bekamen, die Kehlmann hat. Wir sehen daran: Der Buchmarkt ist ein hartes Brot. Aber härter ist die Angst, es nicht noch einmal zu schaffen! Und diese Angst heißt, die falsche Tugend zum Ratgeber zu machen.
www.burkhard-wittek.de
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