Im Schoß der Kleinfamilie
Hanif Kureishis Roman »Das sag ich dir« ist eine ungezähmte Mischung aus Talk, Trash und Tiefsinn Von Ursula März
Die erstaunlichste Interviewauskunft Hanif Kureishis ist wohl die, in der der 54jährige englische Kultautor, gefragt nach seinen Arbeitsgewohnheiten, mitteilt, er gehöre zu den Langsamschreibern. Er arbeite hart, konzentriert und mühsam, täglich ab sieben in der Früh. Weder Plots noch Sprache flögen ihm so einfach zu. Das spricht für Kureishis künstlerischen Ernst. Doch hätte man schwören können, es sei anders und Kureishi ein begnadeter, vergnügter Schnellschreiber, der zwischen zwei Terminen ein Romankapitel in den PC klimpert und die Krankheit namens writer’s block kennt wie ein Fisch den Sonnenbrand. Liest man seinen neuen Roman Das sag ich dir, ist es schwer vorstellbar, dass Kureishi seine aparten grauen Haarsträhnen dem Ringen um Metaphern oder die optimale Verstrebung von Erzählteilen verdankt.
Hanif Kureishi liebt das Multikulti genannte ethnische Durcheinander moderner Gesellschaften, er liebt zudem die literarische Darstellung von Orgien und hält sich als Autor an das Prinzip der Fülle. In seinem neuen Roman kommt eigentlich alles vor; Sub- und Hochkultur, Trash und Bildungskanon, Kleinfamilie und Swingerklub, Perversion und Philosophie. Mick Jagger erhält einen Gastauftritt, Tony Blairs Irakpolitik einen bösen Rüffel. Auf durchaus sympathische Weise erinnert Kureishis Erzählen ein bisschen an literarische Kirmes. Es ist viel los, es ist alles ein bisschen grell, und die Attraktionen folgen so dicht aufeinander, dass man bisweilen die Orientierung verliert. Möglicherweise geht es dem Leser hierbei nicht viel anders als dem Autor. Manches wird zweimal oder dreimal erzählt, manches gerät im Romanverlauf in Vergessenheit, und manchmal schickt Kureishi eine Romanfigur einfach deshalb in eine Bettgeschichte, weil Bettgeschichten als Anhaltspunkt im Handlungsgewühl immer eine sichere Sache sind.
Kurzum: Der schräge Charme dieses Buches ergibt sich aus einer gewissen Sorglosigkeit, ja Schlampigkeit. Und er ergibt sich aus unermüdlicher Geschwätzigkeit. Munter springt sie vom Icherzähler auf die Romanfiguren über. Der Titel Das sag ich dir ist ernst zu nehmen. Denn dieses Buch palavert ohne Ende, und die Leute darin tun es auch. Dieses Buch berührt, um es gleich zu sagen, nicht unbedingt die Tür, die zum Olymp der Weltliteratur führt. Aber es berührt die Tür, hinter der sich ein Hauptmerkmal der Gegenwart entfaltet: ihre alles verschlingende und vereinnahmende Quasselkultur. Jene Kultur unspezifischen, unscharfen, aber ubiquitären Kommunizierens auf dem mittleren Niveau der lebensklugen Floskel. Hanif Kureishis neues Buch ist voll von Sätzen, die von der Mehrheit der durchschnittlich gebildeten Bevölkerung stammen könnten. Allein der Epilog des Icherzählers. Er beginnt mit der Passage:
»Ich bin nicht mehr jung, und ich bin noch nicht alt. Ich bin in einem Alter, in dem man sich die Frage stellt, wie man sein Leben führen will und wie man die Zeit und die Lust nutzen möchte, die einem noch bleiben. Immerhin weiß ich, dass ich arbeiten muss, dass ich lesen, denken und schreiben und mit meinen Freunden und Kollegen essen und reden möchte.« Solche Sätze sind durchaus klug, richtig und angemessen. Und sie sind durch ihre katalogartige Brauchbarkeit gleichzeitig ein bisschen hohl und dadurch anonym. Wer auch immer in irgendeine Talkshow eingeladen und zum Scheitelpunkt seiner Lebenszeit befragt wird, kann und wird diese Sätze verwenden. Mr Smith ebenso wie Mr Blair und Mr Jagger.
Der äußere Schauplatz von Kureishis Roman ist London im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, genauer gesagt, in der Phase, als England unter Tony Blair den Irakkrieg forcierte. Der innere Schauplatz aber ist die allgemeine Redemaschine, an der jeder Zeitgenosse, passiv oder aktiv, freiwillig oder unfreiwillig teilhat. Ihren Erfolg verdankt sie den technischen Medien, ihre Erfindung aber Dr. Freud, der vor hundert Jahren im Redefluss des Patienten eine Heilungsmethode erkannte. Insofern ist es plausibel, dass der Icherzähler beruflich in der Branche freudianischer Seelenheilung zu Hause ist. Er ist Psychoanalytiker. In seiner Londoner Praxis sitzt Jamal Khan, Sohn einer Engländerin und eines pakistanischen Einwanderers (wie Kureishi selbst), am Kopfende der Couch und hört zu. Als Hauptfigur und Erzähler des Romans wechselt er die Position. Er legt sich selbst auf die Couch, redet drauflos und macht den Leser zum Zuhörer und Zeugen seiner nach und nach enthüllten Geheimnisse. Das sag ich dir ist eine menschliche Komödie aus der Londoner Gegenwart und aus dem Geist der talking cure.
Jamal Khan, ein Fiftysomething, lebt zu Beginn der Geschichte von Frau und halbwüchsigem Sohn getrennt. Er wird versorgt von seiner Haushälterin. Bei Laune gehalten von Henry, einem dicken, polternd durchgeknallten Theaterregisseur. Gepiesakt von seiner Schwester Miriam, die man sich als tätowiertes, gepierctes Unterschichtsungetüm fortgeschrittenen Alters vorstellen darf. Gequält wird Jamal indes von dunklen Erinnerungen. Im Keller des Romans liegt eine Leiche, zu der sich Jamal Stufe um Stufe hinunterredet. Vorher aber geht es episodisch noch mal ziemlich rund. Und wie immer in Kureishis Romanen geht es dabei nicht ohne Kolportagen ab: Freund Henry beginnt eine sexuell deftige Liaison mit Schwester Miriam. Die beiden kennen sich zwar durch Jamal schon seit Jahren. Der Bohemien der Hochkultur und die Bewohnerin einer Sozialsiedlung haben außer körperlichem Übergewicht auch nicht viel gemeinsam. Aber wo der Blitz der Amour fou einschlägt, schlägt er halt ein. Das Lieblingshobby von Henry und Miriam ist der Besuch sadomasochistischer Swingerklubs. Das ist erotisch nicht ganz nach Jamals Geschmack. Aber erstens ermöglicht es Hanif Kureishi, seinen Roman durch die Londoner Sexszene stromern zu lassen. Außerdem wirkt sich die erotische Hochspannung der beiden Turteltäubchen auf Jamals eingerostetes Seelen- und Männerleben belebend aus. Er beginnt sich zu begrübeln. Er grübelt immer weiter, bis zu dem Punkt, an dem die Einrostung begann, an dem er zu einem Mann wurde, der viele Frauen liebt und keine richtig. Der Punkt liegt rund drei Jahrzehnte zurück.
Damals, in den siebziger Jahren, traf der Philosophiestudent Jamal seine große Liebe, Ajita, Tochter eines indischen Unternehmers. Jamal hält sich bis heute für den Mörder dieses Vaters. Als Ajita ihm gestand, dass der Vater sie missbraucht, setzte Jamal ihm mit einem Freund körperlich so zu, dass der Vater an einem plötzlichen Herzinfarkt starb. Die ödipale Richtung dieses Erzählstrangs ist ziemlich dick ausgewiesen. Auch Politik, Studentenrevolte, Arbeitsstreik und unüberbrückbare Milieuunterschiede spielten in das private Liebesparadies hinein. Ajita verschwand vor drei Jahrzehnten von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche und ließ Jamal mit einem Schatten auf der Seele zurück. So wurde er Psychoanalytiker, ein Mann, der anderen hilft, ihre Schatten zu vertreiben. Klingt einfach und logisch und ist vielleicht nicht ganz unrealistisch. Wäre es unrealistisch, hätte der Romancier Hanif Kureishi damit allerdings auch kein allzu großes Problem.
Bisweilen hilft er der Handlungsführung mit drastischen Methoden nach. Was ein wenig unwahrscheinlich wirkt, geschieht: Nach 30 Jahren, die der Erzähler in alle Richtungen kulturgeschichtlich bebildert und bewertet, nach zwei Romandritteln, ist Ajita im letzten Romandrittel wieder da. Herbeigezaubert wie das Kaninchen aus dem Hut, dient sie nun als schönste Allegorie der Wiederkehr des Verdrängten. Sie trinkt zu viel Weißwein, und obwohl sie immer noch hochattraktiv ist, merkt Jamal, dass er die Lust verloren hat, die große Liebe seines Lebens aufzuwärmen.
Nein, am Ende des Romans zieht es den Icherzähler Jamal plötzlich zu seiner Exfrau. Dies ist fast noch erstaunlicher als Ajitas Wiederkehr im dramaturgischen Ruck-zuck-Verfahren. Denn bis dahin wurde Jamals Exfrau vom Roman arg vernachlässigt. Über 500 Seiten war über sie nicht sehr viel mehr zu erfahren, als dass sie Jamal mit ihrer Bürgerlichkeit nervt und er sich preist, ihr entronnen zu sein. Dass seine talking cure dem Ziel dient, in den Schoß der Kleinfamilie zurückzukehren, scheint über 500 Seiten sein geheimstes Geheimnis gewesen zu sein. Eigentlich erstaunlich. Aber dass Theaterregisseure Fessel- und Babyspielchen mit den dickleibigen Hippie-Schwestern ihrer besten Freunde treiben, ist auch erstaunlich und kommt bestimmt nicht alle Tage vor. Nur suggeriert der ausgeprägte sozialgesellschaftliche Touch, den Hanif Kureishis Erzählwelten und all seine Romanen besitzen, einen am Dokumentarischen orientierten Realismus.
Was Kureishi in Wahrheit interessiert, ist Realismus im Stil bizarrer Überhöhung und boulevardesker Episoden. Als Romancier steht Kureishi, der sich in den achtziger Jahren zunächst als Szenarist und Autor für Filme wie Mein wunderbarer Waschsalon einen Namen machte, bevor er 1990 den Romanbestseller Der Buddha der Vorstadt verfasste, auf freundschaftlichem Fuß mit jenen Kollegen, die sich die achterbahnartigen Drehbücher ungezählter Soaps und Serien ausdenken. Das sag ich dir ist beileibe kein Trivialroman. Aber seine Denk- und Redeweise, dieser unendliche Strom aus Talk, Trash und Tiefsinn, der uns von früh bis spät umgibt, lehnen am Trivialen. Diesen Strom vorzüglich ins Deutsche transportiert zu haben ist das Verdienst des Schriftstellers und Übersetzers Henning Ahrens.
Hanif Kureishi: Das sag ich dir
Roman; aus dem Englischen von Henning Ahrens; Fischer, Frankfurt a. M. 2008; 509 S., 19,90 €
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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