Martenstein Anders als die anderen
Unser Kolumnist will nicht, dass sein Sohn sich tätowieren lässt
Mein Sohn möchte sich tätowieren lassen. Und piercen.
Die meistverkauften deutschen Bücher des Jahres 2008 heißen Feuchtgebiete und Die Leber wächst mit ihren Aufgaben. In beiden Fällen geht es zu weiten Teilen um Verdauung, den Darm, innere Organe und Körpersäfte. Ist dies eine deutsche Obsession? Ist das Anale typisch deutsch?
Außerdem sagt mein Sohn, dass er sich die Haare färben wird. Grün? Lila? Mein Gott. Wenn »typisch deutsch« oder »deutsch« als abwertende Begriffe verwendet werden, finde ich das dümmlich. Solche Formulierungen sind ein Appell an Vorurteile oder Minderwertigkeitsgefühle, einen Niveauunterschied zwischen dem Satz »Schwarze sind faul« und dem Satz »Deutsche sind fremdenfeindlich« kann ich nicht erkennen.
Wahrscheinlich gibt es so etwas, es gibt das Typische tatsächlich, aber was man selber oder irgendein anderer Dödel für typisch deutsch hält, ist doch nur eine Mischung aus zufälligen Eindrücken, Mediengebimmel und Wunschfantasien. Bevor ich so etwas glaube, überprüfe ich es lieber, empirisch. Die Behauptung, etwas sei »typisch deutsch«, hält einer Überprüfung meistens nicht stand.
Ich kann mich heute nicht konzentrieren. Ich kann mich gar nicht beruhigen.
Wenn man aber tatsächlich nachweisen könnte, dass die Deutschen humorloser, verbissener, fremdenfeindlicher et cetera wären als andere, dann besäßen andere Völker ja auch zahlreiche nachweisbare miese Eigenschaften. Das heißt, die deutsche Fremdenfeindlichkeit wäre dann keine irrationale Charaktereigenschaft mehr, sondern eine vernünftige Verhaltensweise.
Mein Sohn hat so schöne, blonde, fast weißblonde Haare, wie der junge Robert Redford. Millionen von Menschen, sage ich ihm, möchten deine Haarfarbe besitzen, lassen sich für Geld deine Haarfarbe machen, und du, der du sie von Natur besitzt, lässt sie wegmachen?
Ich habe nachgeschaut, welches deutschsprachige Buch auf Platz eins der ewigen Bestsellerliste steht. Es ist von Johanna Spyri, Schweiz, und heißt Heidis Lehr- und Wanderjahre, 50 Millionen Auflage. Auf Platz zwei liegt Das Parfum, 15 Millionen. In beiden Büchern geht es um Wanderschaft und Selbstfindung. Selbstfindung ist typisch deutsch.
Warum möchte er aussehen wie Alice Cooper? Er hat doch gar nicht das Wesen. Er ist doch ruhig und friedlich.
Erst auf Platz drei kommt, gleichauf mit dem Kommunistischen Manifest, Hitlers Mein Kampf, beide zehn Millionen. Eigentlich war Mein Kampf nicht besonders erfolgreich, zehn Millionen haben auch Alice Sebold und Carlos Ruiz Zafón mit irgendwelchen Büchern verkauft, die ich nicht kenne. Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik ist besser gelaufen als Mein Kampf, ganz zu schweigen vom Pferdeflüsterer, 15 Millionen. Im Film spielt den Pferdeflüsterer Robert Redford.
Das Piercing soll an die Nase kommen. Was wird das für eine Tätowierung sein? Eine Rune? Ein Feuchtgebiet? Herr im Himmel, bewahre mich vor dem Übel. Mein Sohn sagt: »Ich will es einfach ausprobieren.« Klingt vernünftig. Vielleicht habe ich einfach nur Angst vor dem Fremden, bin intolerant. Albert Einstein soll tätowiert gewesen sein, die Piercings von Charlotte Roche sind süß.
Man möchte anders sein als die anderen, sich spüren, deswegen trage ich doch auch die Haare lang. Also sage ich: »Es soll aber, bitte, wenigstens ein staatlich anerkannter Tätowierer sein, mit Meisterbrief.« Aber mein Sohn sagt jetzt, dass er nichts dergleichen vorhat. Er habe mich nur provozieren wollen. Woher hat er diesen Drang, ständig zu provozieren?
Zu hören unter
www.zeit.de/audio
- Datum 18.03.2009 - 11:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Ich kann Martensteins Sprössling nur zurufen: Weiter so! Was habe ich ab der Pointe Tränen gelacht. Provokationen können durchaus Gutes bewirken.
?
hm,früher mal hat Sohn ab und zu kleine Gegenstände in Papas Schuh verstaut und sich tierisch über die Reaktion gefreut
heute lässt Sohn, Papa mit kleinen Provos ins leere laufen und amüsiert sich köstlich über Papas besorgte Äusserungen
kann es sein das Papa alt wird :-/
Also ob das jetzt bunte Haare, Tätowierungen oder Piercings sind, ich finde es ist doch typisch menschlich, dass man sich irgendwie schmückt, also irgendwie bemalt und sich mit irgendwelchen Gegenständen behängt. Aber natürlich ist es eventuell noch typisch menschlicher, dass Vater und Sohn in jeder Generation und jedem Kulturkreis ihre typischen Konflikte austragen.
________________________________________________________________
Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
...das wird deutlich und ist nicht zu übersehen.
Der dahinter stehende Satz trifft genau das Gefühl, welches mich bei der Lektüre Ihres Aufsatzes befiel, Herr Martenstein.
Geschichtsvergessen, wie Sie ja wohl sind, stellen Sie in einem unzuläßigen Vergleich die Fremdenfeindlichkeit, Verbissenheit und Humorlosigkeit der Deutschen zu anderen europäischen Ländern her und vergessen dabei, dass diese mit ihrer Fremdenfeindlichkeit, Verbissenheit und Humorlosigkeit nicht vor noch nicht einmal 65 Jahren halb Europa in Schutt und Asche gelegt und darin einen hocheffizienten Schlachthof errichtet haben.
Das haben nur wir Deutschen verbrochen . Schreiben Sie sich das hinter die Ohren. Und diese Art von Fremdenfeindlichkeit, Verbissenheit und Humorlosigkeit hat eine jahrhundertelange Tradition in Deutschland, die mit der Vertreibung und halbherzigen Verurteilung einiger Täter nach 1945 längst nicht beseitigt worden ist.
Schauen Sie über Ihren Tellerrand. Wer sich in Kreisen bewegt, in denen political correctness selbstverständlich sein sollte und Verstöße dagegen zumindest missbilligt werden, wie es in aufgeklärten Journalistenkreisen meistens der Fall ist, unterliegt gerne dem Irrglauben, dass es sich dabei um die reale Welt und das Mehrheitsverhalten handelt. Das Gegenteil ist der Fall! Die Mehrheit der Deutschen ist nach wie vor genauso fremdenfeindlich, verbissen und humorlos wie Sie, der diese Latenz allerdings wortgewand und scheinheilig hinter einer Glosse über seinen pubertierenden, quietschblonden, arischen Robert-Redford-Sohn zu verbergen versucht.
Und sowas nennen Sie empirisch! Das ist nicht komisch, Mann
Ich kann geradezu deutlich hören, wie Sie auf die Frage, ob es Sie stört, wenn in Ihrer Nachbarschaft ein Asylantenheim errichtet werden sollte, antworten:"Ich habe nichts gegen Ausländer, aber.....".
(...)
[Entfernt. Bitte tragen Sie zu einer sachlichen Diskussion bei. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren