Der Fußballspieler Andrés Escobar wurde auf dem Parkplatz einer Diskothek in den Bergen von Medellín erschossen, am Vorabend meines ersten Besuchs in der Stadt des ewigen Frühlings. Er war der Schütze des Eigentors, das wenige Tage zuvor bei der Weltmeisterschaft 1994 zum frühen Ausscheiden der kolumbianischen Nationalmannschaft geführt hatte. Niemand glaubte damals ernsthaft, dass sein Mörder einem wütenden Impuls gefolgt war. Wahrscheinlich hatte er die Tat im Auftrag der Wettmafia begangen. Ein paar Wochen lang verkauften Straßenhändler zwischen Kaugummis, Lotterielosen und Zigaretten Schlüsselanhänger mit dem Bild des Fußballspielers. Dann ging Andrés Escobar als Zahl in die Kriminalitätsstatistik ein, die Medellín, Hauptstadt des kolumbianischen Departamento Antioquia, als einen der gefährlichsten Orte der Welt auswies.

Ich wohnte damals mit meinem Mann bei meinen Schwiegereltern im Poblado, einem Viertel der gehobenen Mittelschicht. Wenige Straßen weiter beteten Jugendliche zur Statue der Jungfrau María Auxiliadora, la virgen de los sicarios, Schutzheilige der Auftragsmörder. Sie baten um Vergebung, ehe sie sich durch Schüsse vom Rücksitz eines Motorrads aus schuldig machten. Es waren nicht die schlechtesten Tage von Medellín. Die lagen weiter zurück, in den späten achtziger Jahren, als ein anderer Escobar, der berüchtigte Rauschgiftkartellchef »Don Pablo«, die Stadt mit Autobomben terrorisierte. 1993 wurde er bei einer Razzia erschossen. Doch auch nach seinem Tod sah es aus, als würde sich das Leben in dieser Stadt nie mehr von seiner inflationären Missachtung erholen.

Meinem Schwiegervater stahlen zwei junge Männer den Wagen. Sie stiegen ein, während er vor einem Supermarkt auf meine Schwiegermutter wartete, hielten ihm eine Pistole an den Kopf und befahlen ihm, in die Berge zu fahren. Unterwegs diskutierten die Männer darüber, ob sie ihn erschießen oder laufen lassen sollten. Er ging zu Fuß nach Hause, auf der Landstraße, von der aus gesehen Medellín im Tal liegt wie ein glücklicher Wurf der Götter: weiße Gebäuderiegel, rote Backsteinwürfel, grüne Hänge. Wenig später wurde die Hochzeitsgesellschaft meiner Schwägerin überfallen und ausgeraubt, inklusive Eheringen. Schulfreunde meines Mannes starben bei Schießereien, mit deren Anlass sie nichts zu tun hatten. Mein Schwiegervater lebte in Angst. Dennoch hätte er seine Heimatstadt nie verlassen.

Für seine Schönheit ließ mir Medellín damals keine Ruhe. Ich achtete nicht auf die Blumenverkäufer, die an Straßenkreuzungen armdicke Sträuße weißer Callas, roter Bromelien und orange-blauer Paradiesvogelblumen in Plastikbottichen bündeln, nicht auf den eleganten Schwung des nadelspitzen Coltejer-Hochhauses und die tinterillos – Lohnschreiber, die in der Calle 52 Calibío administrative Gesuche in alte Olivettis tippen. Selbst auf dem Gipfel des Hausbergs Cerro Nutibarra wartete ich auf den Moment, in dem man mir ein Messer in die Seite drücken und zischend die Herausgabe meiner Wertsachen fordern würde. Mir ist nie etwas passiert, nicht bei diesem Besuch und bei keinem der vielen darauffolgenden. Ich hatte Glück.

Seit Álvaro Uribe 2002 die Präsidentschaft übernommen hat und Kolumbien mit seiner »Politik der harten Hand« regiert, sind die Städte sicherer geworden. Auch deutsche Reiseveranstalter schicken wieder Touristen ins Land. Und zum ersten Mal liegt kein heiserer Schatten von Sorge auf der Stimme meines Schwiegervaters, als ich anrufe und sage, dass ich zu Besuch komme.