KolumbienEine stolze StadtSeite 3/4

Medellin
In Medellin wird viel getan, um die Stadt freundlicher zu gestalten. Hier versucht man es mit Blumenbeleuchtung an der Bibliothek San Javier

In Medellin wird viel getan, um die Stadt freundlicher zu gestalten. Hier versucht man es mit Blumenbeleuchtung an der Bibliothek San Javier

Mein Schwiegervater hat darunter gelitten, dass von der Stadt, die er mir ans Herz legen wollte, so viel Gefahr ausging. Nach wie vor lässt er mich ungern allein auf die Straße gehen. Aber er läuft nicht mehr wie früher einen halben Schritt hinter mir und legt seine Hand wie zufällig auf meinen Rücken, um mich zu beschützen. Wir spazieren auf gleicher Höhe. Als ich ein Schild sehe, das ermahnt, Abfälle nur mittwochs auf die Straße zu stellen – »Seien Sie kein Ferkel!« – will er nicht, dass ich ein Bild davon mache. »Fotografier doch lieber was Schönes.« Ich bin sicher, dass er die Händler und Schulkinder nur deshalb nach dem Weg zur Bibliothek fragt, damit ich merke, wie freundlich sie antworten.

Die neue Sicherheit in Kolumbien ist kein Geschenk des Himmels. Sie wird von einem Sicherheitsapparat durchgesetzt, der unter der Regierung des ultrakonservativen Uribe drastisch angewachsen ist. Landstraßen sind sicher, weil sie bewacht werden. Einkaufszentren sind sicher, weil die Autos in ihren Tiefgaragen mit langen Stielspiegeln auf Bomben untersucht werden. Strände sind sicher, weil Polizisten an den Ufern patrouillieren. Das kolumbianische Sicherheitskonzept lebt vom wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahre und von finanzieller Unterstützung aus den USA. Beide Säulen sind durch die globale Krise gefährdet. Nachdem Uribe zwar die Symptome, nicht aber die Ursachen der Gewalt bekämpft hat, ist es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis Reisen nach Kolumbien wieder lebensgefährlich werden.

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Wir unterbrechen die Heimfahrt im Zentrum, am schachbrettscheckigen Bau der Vieja Gobernación, die heute Kunst ausstellt. Wenige Schritte weiter versammelt der Skulpturenpark unter freiem Himmel oxidierte Figuren: Männer, Frauen und Tiere von groteskem Körperumfang, die der Künstler Fernando Botero seiner Heimatstadt vermacht hat. Ein Pärchen lässt sich von einer Polizistin vor einem männlichen Akt fotografieren, von dem man sagt, es bringe Glück, sein pummeliges, längst blank gefummeltes Geschlecht zu berühren. Wir laufen hinüber zur Calle Carabobo, früher ein Nadelöhr stinkender Busse und drängelnder Passanten. Heute beziehen fliegende Händler Aufstellung in der Fußgängerzone, in zweiter Reihe vor Geschäften, aus denen Rhythmen von Salsa und Cumbia, Gerüche von Maisfladen und Bohnen wabern. Wir betreten ein Warenhaus, wo in der ersten Etage Goldschmuck und Smaragde in Vitrinen glänzen. Mein Schwiegervater findet, dass ich das erste Paar Kreolen kaufen sollte, das ich mir ans Ohr halte. Ich sehe ihn streng an. Elf Paare später beglückwünscht er mich zum Kauf. Ich bin froh, dass mein Schwiegervater weiß, wie man sich in brenzligen Situationen verhält.

Das letzte Stück unserer Metrofahrt endet zwei Stationen vor Envigado, dem Viertel, in dem Pablo Escobar aufgewachsen ist. Viele seiner Bewohner verehren ihn bis heute. Don Pablo, sagen sie, hat mehr für uns getan als jeder Politiker. Mit einem Teil seiner Milliarden aus dem Drogenhandel baute er Wohnviertel für die Armen. Das haben sie ihm nie vergessen. Im Kino startete dieser Tage eine Dokumentation mit dem Titel Pablo Escobar – Engel oder Dämon?. Mein Schwiegervater hält die Frage für absurd. Er sagt, dass er sich den Film nicht ansehen möchte, weil es ihn zu sehr aufregen würde. Aber er will auch nicht, dass ich allein ins Kino gehe.

Im Metrowaggon sind alle Sitzplätze belegt. Ich sinke aus dem Stand auf den Boden, müde vom Laufen. Ein Mitreisender ermahnt mich, Haltung zu bewahren. Er ist etwa 16 Jahre alt. Man könne sich nicht so gehen lassen, sagt er, nicht in der Metro von Medellín.

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