Wandgemälde

Sie sind die unwirtlichsten Orte der Alpen. Die großen Nordwände ziehen Bergsteiger magisch an. Schade nur, dass die gar keine Zeit mehr haben, die Felsen anzuschauen

Fotos Olaf Unverzart

Matterhorn-Nordwand, Walliser AlpenPetit-Dru-Nordwand, Montblanc-MassivEiger-Nordwand, Berner AlpenGroße-Zinne-Nordwand, Dolomiten

Er stellte sein Zelt unterhalb der 1100 Meter hohen Wand auf den Gletscher, legte sich schlafen, und am frühen Morgen des 28. Dezember 2008 kletterte er los. Bei minus 16 Grad und ohne Seilsicherung: »So sparte ich drei Kilogramm Ausrüstung.« Zwei Stunden und 21 Minuten später stand Ueli Steck auf dem Gipfel des 4208 Meter hohen Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Massiv. Damit hat der Zimmermann und Extrembergsteiger aus dem schweizerischen Ringgenberg im Kanton Bern auch die dritte der drei großen Nordwände der Alpen in Rekordzeit und solo erklommen. Seine Disziplin ist das Hochgeschwindigkeitsklettern: Er kämpft nicht gegen den Berg, sondern gegen die Uhr.

Nach dem Matterhorn, das er 2005 bestieg, war vor knapp einem Jahr der Eiger an der Reihe: Nur zwei Stunden, 47 Minuten und 33 Sekunden brauchte er für jene senkrechte Wand, an deren Fuß einst das Wortspiel von der »Mordwand« entstand.

An der Schattenseite des Eigers fanden 50 Bergsteiger den Tod. Sie ist von den sechs legendären Nordwänden der Alpen, die lange als unbezwingbar galten, diejenige, die am längsten unbezwungen blieb: Erst im Sommer 1938 wurde sie von Anderl Heckmair und drei Kollegen durchquert. Das Quartett war für die Heldentat vier Tage lang unterwegs.

Die Erstbesteiger hatten exakt jene Route entdeckt, die 70 Jahre später Ueli Steck, der Vertikalsprinter mit der Stoppuhr, bei seinem Rekord nachkletterte. Sie hatten Seile dabei, die sich in der Feuchtigkeit vollsogen. Er hatte an seinen Füßen Hightech-Steigeisen, die es heute einfacher machen, im Winter die Mordwand zu besteigen. Wenn das Gestein mit Eis überfroren ist, sprintgerecht.

Pioniere müssen kreativ sein. Seitdem der Engländer Edward Whymper 1865 das Matterhorn im Wettlauf gegen ein italienisches Team von der Schweiz aus erklomm, gibt es keine hohen Alpengipfel mehr zu erobern. Im europäischen Leistungsbergsteigen der Gegenwart geht es deshalb um spezielle, nie gekletterte, waghalsige Routen. Und um Zeiten, manchmal sind es nur Minuten.

Lange vor Steck eröffnete der Südtiroler Hans Kammerlander fantasievolle Dimensionen. 1992 bestieg er das Matterhorn gleich viermal in 24 Stunden, von allen vier Seiten. »Ueli Steck kann durch die Eiger-Nordwand wie ein Jogger«, sagt Kammerlander staunend. Aber den größten Respekt zollt er den Erstbesteigern. »Die waren einfach stark, mit ihren Steigeisen und Filzhüten. Die mussten sich einen Weg suchen, den keiner vor ihnen gegangen war.«

Den rauen, massigen Wänden hat sich der Fotograf Olaf Unverzart auf seine Art genähert. Er ist kein Bergsteiger. Aber ähnlich wie der erfahrene Alpinist rechnet er: die Hälfte der Energie bis zum idealen Kamerastandort, die andere Hälfte zum Runterkommen. Mit 30 Kilo Ausrüstung stieg er sechsmal ins hochalpine Gebiet, wartete die Dämmerung ab und belichtete lange (bis zu 30 Minuten, aber bevor die Sterne dazwischenfunkelten). Dann packte er die Kamera ein, drehte die Stirnlampe an und marschierte stundenlang zurück. Im Rucksack jedes Mal das Bild einer Nordwand. Urs Willmann

Grandes-Jorasses-Nordwand, Montblanc-MassivPiz-Badile-Nordwand, Bergeller Alpen

 
  • Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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  • Schlagworte Matterhorn | Schweiz | Dolomiten | Alpen | Gletscher | Bern
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