Die Maschine des Verderbens

Ein Österreicher in England: Therapeut Gerhard Payrhuber, 42, hilft Menschen in Lebenskrisen

Als junger Regieassistent hatte ich in London Gelegenheit, an großartigen Opernproduktionen mitzuwirken, etwa Don Giovanni inszeniert von Jonathan Miller, der nicht nur in der Oper, sondern auch als Neurologe gearbeitet hat. Daraus erwuchs mein Interesse an einer Kunst, die sprachlosen Menschen wieder eine Sprache gibt. Das bewog mich letztlich, Psychotherapeut zu werden.

Seit zwei Jahren bin ich nun Direktor und Therapeut bei Maytree, einer Organisation, die Menschen in Suizidkrisen hilft. Nach dem ersten Telefonat bieten wir Betroffenen die Möglichkeit, für fünf Tage als Gäste in unser Haus zu kommen. Dort betreuen wir sie in therapeutischen Sitzungen, vor allem aber bieten wir ihnen die Möglichkeit zum Gespräch mit einem unserer freiwilligen Helfer. So wie unsere Gäste kommen auch sie aus allen Bereichen des Lebens.

Ich beginne zu begreifen, wie komplex das Thema Selbstmord ist. All unsere Gäste haben die Hoffnung verloren, jemals wieder ein erträgliches Leben führen zu können. Oft spielt Gewalt in der Kindheit oder ein Selbstmord in der Familie eine Rolle. Manchmal sind traumatische Verluste, komplexe Trauersituationen oder finanzielle Krisen die Auslöser. Daher ist es so wichtig, jeden als einzigartig zu verstehen. Wir bieten eine Atmosphäre der Sicherheit und zärtlichen Respekt, um einen Dialog entwickeln zu können.

Allein in London begehen im Schnitt täglich zwei Menschen Selbstmord. Zwar sind die Suizidraten über die Jahre gesunken. Das bedeutet aber nicht, dass die Zahl jener abnimmt, die sich mit Selbstmordgedanken tragen. Immer mehr Junge sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Dazu kommt in der Wirtschaftskrise, dass Angst und Fantasie die Oberhand gewinnen: Die Vorstellungskraft ist eine grauenhafte Maschine – einmal angeworfen, produziert sie immer neues Verderben.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

Foto: privat

 
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