Nun gibt es keine Entschuldigung mehr für die groteske Aufregung, die hierzulande schon die Ankündigung auslöste, dass Tom Cruise in einem Stauffenberg-Film die Hauptrolle spielt. Nun ist der Film da, nächste Woche kommt er in die deutschen Kinos, und er entzaubert auf einen Schlag alle Hoffnungen und alle Befürchtungen, die sich daran knüpften, dass ein deutscher Heldenmythos von einem amerikanischen Superstar verkörpert werde.

Insbesondere der Argwohn, Tom Cruise könne die Rolle des Hitler-Attentäters zu einer Werbung für die Scientology-Sekte missbrauchen, der er angehört, verfliegt augenblicks angesichts der Vorsicht und ängstlichen Demut, mit der er sich der historischen Figur – nun eben nicht: bemächtigt. Er schlüpft in die Stauffenberg-Maske und das Stauffenberg-Kostüm, hinter die schwarze Augenklappe und in die Wehrmachtsuniform, aber er anverwandelt sie nicht, er bewegt sie nur von innen wie eine kostbare Marionette, die bei der ersten unvorsichtigen Geste zerbrechen könnte. So entsteht kein Charisma, nicht einmal die aggressive Energie, die Tom Cruise sonst in seine Rollen trägt. Der Attentäter und sein Schauspieler, sie bleiben gleichermaßen blass.

Der Image-Transfer, den manche befürchtet haben, vom einstmals verfolgten deutschen Widerstand zu der Sekte, die sich in Deutschland heute verfolgt fühlt, er findet nicht statt. Es findet aber auch der umgekehrte Image-Transfer nicht statt, den andere sich erhofft, ja geradezu delirierend herbeigejubelt hatten: dass der Superstar die verblassende deutsche Heldenfigur in aller Welt bekannt machen, mit seinem eigenen vitalen Blut durchpulsen und wieder beleben könnte. Der bizarre Gedanke, dass sich damit auch das Bild der Deutschen in der Welt verbessern ließe, »ein Imagegewinn, größer als zehn Fußballweltmeisterschaften«, den ein deutscher Nachwuchsregisseur, Florian Henckel von Donnersmarck, beschworen hatte – all die hysterische, von dummen Medien planvoll hochgetriebene Erwartung wird an der Blässe, an der Zurückhaltung, aber auch Seriosität des Films ebenso planvoll zuschanden.

Im Bendlerblock gewinnt der Film fast dokumentarische Züge

Tatsächlich Seriosität. Gewiss gibt es ein paar Dutzend kleiner Details, an denen zu nörgeln wäre, Auslassungen, Retuschen, Zusammenlegungen von verschiedenen Figuren und Szenen zu einer einzigen, aber so muss Filmdramaturgie nun einmal arbeiten, um mit der Handlung voranzukommen. Fast immer lässt sich der aufkeimende historische Ärger durch einen erkennbaren Sinn wieder beruhigen. Mag auch das Gespräch mit dem einen feigen General nicht stattgefunden haben, der sich zum Anschluss an die Verschwörer nur halbherzig gewinnen ließ, so hat es doch viele andere solche Gespräche gegeben. Allein zu dem Feldmarschall Hans Günther von Kluge sind Carl Friedrich Goerdeler und Rudolph-Christoph von Gersdorff und Jens Jessen (der Großvater des Rezensenten) und viele andere immer wieder gepilgert, Henning von Tresckow hat Tag für Tag an ihn heran geredet, um ihn zu gewinnen, aber es war mit seinem Widerstandswillen, wie Gersdorff in seinen Erinnerungen erzählt, wie mit einer Uhr: Am Morgen aufgezogen, war sie am Abend schon wieder abgelaufen. Soll man dem Film vorwerfen, dass er dieses Beispiel aus der Realität nicht bringt, sondern ein anderes erfindet? Nein. Das Typische hat der Film zuverlässig eingefangen.

Und in der Wolfsschanze, wo das Sprengstoffattentat des Claus Graf Schenk von Stauffenberg scheitert, aber mehr noch im Bendlerblock, beim Oberkommando des Ersatzheeres, wo der Staatsstreich als Simulation noch eine Zeit lang über das Scheitern des Attentats hinweg aufrechterhalten wird, gewinnt der Film sogar dokumentarische Qualitäten. Die Wortwechsel mit General Friedrich Fromm, dem Chef des Ersatzheeres, der dem Widerstand so hinhaltend opportunistisch begegnete wie Kluge, sind fast wörtlich; das plötzliche Zögern des Generals Friedrich Olbricht, den selbst erfundenen Einsatzbefehl zur Operation Walküre zu geben (wonach der Film seinen Titel hat), das ist ein gespenstischer Moment nicht nur der Wahrhaftigkeit, sondern historischer Wahrheit. Soll man da dem Film vorwerfen, dass er an anderer Stelle, als die Verschwörer schon verhaftet sind, den Selbstmord des Generalobersten Ludwig Beck abkürzt? Und nicht zeigt, wie Beck nach zwei erfolglosen Versuchen, sich selbst zu erschießen, schließlich von einem Feldwebel über den Haufen geknallt wird?

Es gibt aber etwas anderes, das mit Beck nicht stimmt, und das führt zu dem einen großen Versäumnis des Films, fast einer Unterschlagung. Die Szene (sie ist aus mehreren historischen Begegnungen zusammengesetzt), in der Stauffenberg zum ersten Mal dem schon bestehenden Kreis der Verschwörer vorgeführt wird, zeigt eine vertrottelte Riege älterer Herren, unter ihnen einen verkalkten Beck, einen schwatzhaften Goerdeler, einen stummen Erwin von Witzleben, die allesamt keine Pläne für die Zukunft im Falle eines glückenden Attentats haben. Die filmdramaturgische Botschaft, vielleicht sogar von den Drehbuchautoren zwingend empfundene Notwendigkeit der Szene ist klar: Erst ein Stauffenberg muss ihnen sagen, wo es langgeht.

Umfeld und Herkunft des Widerstands bleiben ausgeblendet

Das ist falsch. Es war nachgerade umgekehrt. Es gab sehr viele Pläne, es gab präzise Szenarien, Kabinettslisten für eine Übergangsregierung, Entwürfe für Rundfunkansprachen an das Volk, es gab nur inzwischen, nach mehreren missglückten Attentatsversuchen, keinen Mann mehr für die entscheidende Tat. Man kann dem Film nicht vorwerfen, dass er den Widerstand in Stauffenberg personalisiert; aber er personalisiert ihn genau in die falsche Richtung. Eine bittere historische Ironie: Der Zuschauer, wenn er dem Film glauben würde, verfiele dem gleichen Irrtum wie die Gestapo, die in den ersten Verhören den Eindruck gewann, es handele sich wirklich nur um eine kleine Clique von Offizieren. Erst der Fund der Tagebücher des Admirals Wilhelm Canaris, der als Chef der Heeresabwehr den Widerstand deckte, und die Vernehmung Goerdelers ließen das ganze planvolle Netz und das Gewicht der beteiligten Personen erkennen.

Ohne die karikierten älteren Herren ist die ganze Dynamik der Verschwörung nicht zu verstehen. Anders als die Jüngeren wie Tresckow und Stauffenberg, die sich erst unter dem Eindruck der Ostfrontverbrechen von Anhängern der Nazis zu Widerständlern wandelten, haben Beck und Goerdeler seit Ende der dreißiger Jahre auf einen Staatsstreich gesonnen. Beck steckte schon hinter der Septemberverschwörung, die am Münchner Abkommen scheiterte, er war 1938 von seinem Posten als Generalstabschef zurückgetreten, um gegen die Vorbereitung des Krieges zu protestieren. Die Denkschrift, mit der er die übrige Generalität ebenfalls zum Rücktritt aufzufordern suchte, enthielt schon die Vorschau des kommenden Grauens. Becks unangefochtene, auf allen anderen lastende moralische Autorität beruhte gerade auf der Unbeugsamkeit, mit der er sich niemals die Finger schmutzig gemacht hatte.