Fall Mannichl Im Zweifel leben

Niedergestochen, gefeiert, verdächtigt: Wer ist der Passauer Polizeichef Alois Mannichl?

Von der Tat spürt Alois Mannichl nur manchmal noch einen Schmerz. »Zahnweh ist schlimmer«, sagt der Polizeidirektor.

Ihn verletzt etwas anderes. Ihn verletzt, wie zusehends unklar wird, was anfangs klar zu sein schien. Anfangs, da waren die Rollen verteilt. Da gab es das Opfer und den Täter. Den Polizisten, einen Kämpfer gegen rechts, den ein Rechtsextremist zu Haus aufsucht und ihm ein Messer knapp unters Herz sticht. Jetzt sind die Konturen verwischt, kein Täter ist in Sicht und das Opfer im Nebel der Spekulationen kaum mehr auszumachen.

Alois Mannichl erlebt gerade, wie es sich anfühlt zum zweiten Mal Opfer zu werden. Das Opfer von Zweifeln, die noch tiefer gehen als jener Messerstich, der ihn auf einen Schlag bundesweit bekannt machte: »Ich gehe durch ein tiefes Tal.«

Wo es Antworten geben sollte, stehen Fragezeichen, auch fast fünf Wochen nach der Tat. Warum stammt die Tatwaffe aus dem Haus des Opfers? Warum sind an ihr keine Spuren des Täters zu finden, warum keine fremde DNA an der Kleidung Mannichls? Warum kann das Opfer den Täter nur unzureichend beschreiben, sich aber an Beschimpfungen, rechtsextremen Jargon, eindeutig erinnern? War etwa alles ganz anders, war der Messerstich vielleicht eine Beziehungstat?

Der Fall gerät zur Tragödie. Es scheint kein gutes Ende mehr zu geben

Für die einen ist das bis heute Spinnerei, Unverschämtheit gegenüber dem Opfer. Für andere ist das Opfer mittlerweile selbst verdächtig. Hat der »Held« vielleicht gar gelogen? Der Fall droht zur Tragödie zu werden. Egal, wie er ausgeht, so scheint es mittlerweile, für Mannichl kann es kein gutes Ende mehr geben.

Seit mehr als einer Woche sitzt er wieder an seinem Schreibtisch, im kleinen Chefzimmer jener Betonfestung der Polizei an der Passauer Nibelungenstraße. Dienstbeginn ist morgens, 7.15 Uhr. Mannichl weiß, wie schnell sich Fälle drehen können. Er ist Profi, seit 35 Jahren Polizeibeamter. Er stammt aus dem Bayerischen Wald, einem kleinen Dorf, in dem es ihm bald zu eng wurde. Er stieg vom Wachtmeister zum Polizeidirektor auf, jetzt trägt er drei goldene Sterne auf der Schulterklappe.

Er wollte immer Polizist werden, sagt Mannichl. Obwohl seine Mutter ihn gewarnt habe. Aus Angst, ihrem Sohn könne etwas zustoßen.

Im Advent, in den Tagen nach der Messerattacke am frühen Abend des 13. Dezember, sind sie an sein Krankenbett nach Passau gepilgert. Bayerns Innenminister Herrmann, Ministerpräsident Seehofer. Tief bewegt haben sie, draußen in der Kälte vor dem Klinikum, in die Fernsehkameras versprochen, hinter ihrem Polizisten zu stehen und alles zu tun, um künftig einen derartigen »Angriff auf den Rechtsstaat« zu verhindern.

Es schien doch alles so eindeutig.

Jetzt sind die Absatzbewegungen, die Distanzierungen und Rückzugsgefechte, unübersehbar. Der Staatsanwalt räumt »Merkwürdigkeiten« bei den Ermittlungen ein. Andere Ermittler, die nicht mit Namen genannt werden wollen, sagen noch deutlicher: »Da passt etwas nicht zusammen.« Der Innenminister tadelt solche Leute offiziell als »Hilfssheriffs«, die besser »ihren Mund halten« sollten. Mannichl rät er per Interview, der Polizeidirektor sei »gut beraten, die Ermittlungsarbeit seiner Kollegen nicht durch öffentliche Interviewaussagen zu erschweren«. Horst Seehofers Besuch im Passauer Krankenhaus wird aus der Staatskanzlei dieser Tage zur »privaten Geschichte« herabgestuft. Rückendeckung klingt anders.

Konsequent. Dieses Wort durchzieht jede Beschreibung des Beamten. Konsequent zu sein, das ist seine Maxime. »Wenn ich was mach, muss ich’s g’scheit machen«, heißt es im Dialekt des 52-Jährigen. Wer verstehen will, warum der Polizist Mannichl in den vergangenen Jahren auch persönlich mit größter Konsequenz gegen Straftäter vorgegangen ist – gegen alle Straftäter, das ist ihm wichtig –, muss an den Anfang seiner Karriere schauen. Als der Hauptwachtmeister Dienst am deutsch-österreichischen Grenzübergang Achleiten bei Passau schob. Mannichl war am 26. Mai 1978 nicht im Dienst, als dort zwei junge Männer mit einem gestohlenen Renault die Kontrollen durchbrachen. Österreichische Kollegen, gute Bekannte des jungen Mannichl, die die Flüchtigen verfolgten, gerieten in einen Hinterhalt. Sie wurden ermordet, mit aufgesetzten Kopfschüssen. »Diese brutale Tat hat den jungen Kollegen sehr geprägt«, meint Werner Gugger, damals Mannichls Chef bei der Grenzpolizei. Sie war ein »einschneidendes Erlebnis«, sagt Mannichl selbst. Es hat ihm jene Härte, eine gewisse Unerbittlichkeit gegen Straftäter gegeben. Weil er das Böse erlebt hatte, in aller Konsequenz.

Der Niederbayer ist kein Beamter, der an den Grenzen seiner Kompetenzen den Stift niederlegt. Sondern einer, dem es zuerst um die Missstände geht, die er beseitigen will. Er hat die Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr in Passau ermahnt, jüngere Kollegen davon abzuhalten, von Feuerwehrfesten betrunken nach Haus zu fahren: »Ihr seid’s diejenigen, die die Opfer rausschneiden müssen aus den Autos.« Er hat »Flatrate-Partys« in Passau bekämpft, bei denen Jugendliche bis zum Umfallen Alkohol tranken. Er hat persönlich Gastwirte aufgefordert, Rechtsextremen keine Räume zu vermieten. Er geht bei Demonstrationen draußen in den Einsatz. »Wenn es den Kollegen an den Füßen friert, soll es mich auch frieren.«

Seinen persönlichen Einsatz weist er indes bis an die Grenze der Selbstverleugnung von sich. Mannichl möchte das Etikett eines »Helden« loswerden, es abstreifen wie eine lästige Armbinde von seiner Dienstuniform. Seine »Tätigkeit« sei »völlig überbewertet«, sagt er. Wer Mannichl auf die Tatsache anspricht, dass er privat einen Anwalt bezahlen musste, damit Beleidigungen von Rechtsextremen aus dem Internet verschwanden, erntet nur ein Kopfschütteln. Dazu möchte er sich nicht äußern.

Niemand, den man in Passau spricht, kann sich vorstellen, dass dieser Mannichl lügt, dass seine Version erheblich von der Wahrheit abweicht, bei allen berechtigten Fragen. Für integer halten sie ihn, für aufrecht, uneigennützig. Polizeigewerkschaftler loben den Passauer Polizeichef für seine Fürsorge, Bekannte für seine Hilfsbereitschaft.

Eine halbe Stunde vor der Messerattacke hatte der Polizeidirektor die Nachricht erhalten, einer seiner Beamten habe einen Herzinfarkt erlitten. Als Mannichl an die Haustür ging, glaubte er nach eigenen Angaben, Kollegen zu öffnen, die ihn abholen würden, damit er der Familie beistehen könne.

Sicher, Mannichl gilt in der Passauer Polizei als einer, der intern auch mal laut wird, ziemlich laut sogar. Und er hat einen Ruf als »Auflöser«, als Polizist, der politische Vorgaben ausführt. Er hat die bayerische Grenzpolizei ebenso mit entsorgt wie jetzt »seine« Polizeidirektion Passau. Sie wird vom Sommer an, als Folge einer umstrittenen Reform, von Straubing aus geführt. Aber auch in diesem Zusammenhang fällt kaum ein böses Wort.

Bekannte, die ihn im Krankenhaus besucht haben, sagen, Alois Mannichl sei verändert nach der Tat. Nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielen Gewaltopfern geht es so. Und doch scheint kaum einer der Besucher dem Menschen Mannichl ganz nah zu kommen. Nicht in diesen Tagen, nicht davor. Nicht die Kollegen und auch nicht jene unter ihnen, die sagen, man sei durchaus befreundet. Es bleibt beim Bild eines gläubigen Katholiken, der zu seiner Brotzeit ein Weißbier schätzt. So manchem Bekannten mag erst nach dem Besuch am Krankenbett bewusst geworden sein, wie wenig sie dem Menschen Mannichl bisher nahe gekommen waren.

»Ich habe früher gedacht, so etwas würde ich allein durchstehen«

Der Polizeidirektor selbst lüftet im Gespräch nur für einen kurzen Moment seinen eisernen Vorhang. Der Täter hat auch seine Psyche verletzt, ihn an einer schwachen Stelle gepackt. »Ich habe früher gedacht, so etwas würde ich allein durchstehen.« Jetzt aber, sagt Mannichl, sei er froh über die Gespräche mit Psychologen: »Die engen Kontakte tun mir gut.« Aber wenn es ans Eingemachte geht, an die offenen Fragen, die Unterstellungen, die ihn jetzt vom Opfer in einen Täter verwandeln würden, wenn an ihnen etwas dran wäre, wird das Gesicht des 52-Jährigen undurchdringlich.

Er habe Verständnis dafür, dass die Polizei auch in seinem Umfeld ermittele, sagt der Polizeidirektor knapp. Er selbst hat Bayerns Landespolizeipräsident in einem Brief gebeten, das Landeskriminalamt solle den Fall übernehmen, um unbefangen zu ermitteln. Um endlich den Nebel zu lichten, der über der Messerattacke vom 13. Dezember liegt.

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