Was kommt nach Amerika Das Ende der ArroganzWas kommt nach Amerika?

Mit der Ära Bush endet auch die Vormachtstellung der USA. Unter Barack Obama muss das Land vor allem eines lernen: Bescheidenheit

Auf Barack Obama ruhen viele Hoffnungen, auch auf einen neuen Politikstil

Auf Barack Obama ruhen viele Hoffnungen, auch auf einen neuen Politikstil

Wenn der neue Präsident Barack Obama in sein Amt eingeführt wird, ist der Augenblick gekommen, in dem die Vereinigten Staaten endlich jene Selbstgerechtigkeit über Bord werfen sollten, mit der sie die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges behelligt haben. Selbstgerecht war der Anspruch, eine unipolar herrschende Supermacht zu sein; selbstgerecht die Vorstellung, die USA seien eine ebenso exzeptionelle wie unverzichtbare Nation. Diese Ansprüche haben Amerika schon in dem Augenblick geschadet, als sie zum ersten Mal geäußert wurden. Doch die vergangenen acht Jahre haben unmissverständlich gezeigt, dass sie auf absurde Weise falsch waren.

Was die Kunst der Staatsführung betrifft, so erteilt uns die Ära Bush im Wesentlichen drei Lektionen: Arroganz und Überheblichkeit offenbarten die Grenzen der globalen Führerschaft Amerikas; Leichtsinn und Stümperhaftigkeit enthüllten die Grenzen seiner militärischen Stärke; und die ebenso törichte wie maßlose Weigerung der Amerikaner, ihren Reichtum nicht auf Pump zu bauen und nicht ständig über ihre Verhältnisse zu leben, zeigte die Grenzen des amerikanischen Wohlstands. Gewiss, das Volk und seine politische Führung mögen es vorziehen, diese Lehren zu ignorieren. Auch die neokonservativen Intellektuellen werden diese Lektionen in den Wind schlagen wollen. Doch für den Fall, dass sie es tun, werden wir alle schwerwiegende Konsequenzen zu fürchten haben.

Die Ära Bush und die amerikanische Vormachtstellung gehen zu Ende, das Zeitalter Obamas beginnt. Dennoch glaube ich nicht, dass die Vereinigten Staaten künftig zum Niedergang verurteilt sind und sich ihre Macht in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale befindet. Auch in einer postamerikanischen Welt bleiben die USA ein wichtiger Akteur auf internationaler Bühne. Doch im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der Bush-Administration wird die neue Regierung nicht mehr in der Lage sein, die Interessen anderer wichtiger Akteure massiv zu missachten. Anstatt andere Länder einfach einem Diktat zu unterwerfen, wird Barack Obama – anders als George W. Bush – nicht umhinkommen, mit ihnen zu verhandeln, mit ihnen zusammenzuarbeiten – und sich ihnen manchmal sogar anzupassen.

Was bedeutet die neue weltpolitische Lage für die Regierung Obama noch darüber hinaus? Nun, in nächster Zeit wird es für die Amerikaner Vorrang haben müssen, ihr Haus wieder in Ordnung zu bringen und sich selbst zu bessern. Für die Außenpolitik heißt dies, dass sie wieder ein Gleichgewicht herstellen muss zwischen den internationalen Verpflichtungen der USA und den verfügbaren Mitteln, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Vieles muss überprüft und manches revidiert werden, vor allem die von Grund auf falsche Vorstellung, ein grenzenloser und unbefristeter »globaler Krieg« sei die einzig richtige Antwort auf die Bedrohung durch den gewaltbereiten islamistischen Radikalismus.

Bushs »Krieg gegen den Terror« entsprang der strategischen Überzeugung, die USA müssten den Mittleren Osten militärisch befrieden, um eine Wiederholung des 11. September dauerhaft zu verhindern. Die geballte amerikanische Macht sollte eingesetzt werden, um die gesamte Region umzugestalten. Auf diese Weise sollte eine neue Ordnung erzwungen und demokratische Freiheit ermöglicht werden. Machen wir uns nichts vor: Im Wesentlichen ging es darum, eine Vorherrschaft der USA zu errichten. Sie sollte verhindern, dass die islamische Welt auf Dauer eine Brutstätte für Terroristen ist, die den Westen in Angst und Schrecken versetzen. Deshalb machten sich Bush und seine Offiziere daran, im Mittleren Osten jene historische Transformation einzuleiten, die die Vereinigten Staaten – allerdings unter vollkommen anderen Umständen – nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Japan auch schon ins Werk gesetzt hatten.

Niemand wird behaupten können, die Bush-Regierung habe sich große Mühe gegeben, um ihre ehrgeizigen Ziele beim war on terror zu verbergen. Erinnern wir uns: Der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld begründete auf einer Pressekonferenz des Pentagons am 18. September 2001 das gigantische Unternehmen, das die Vereinigten Staaten in Angriff nehmen wollten, mit folgenden Worten: »Wir haben die Wahl, entweder die Art, wie wir leben, zu ändern, was nicht annehmbar ist, oder die Art, wie sie leben, zu ändern, und wir haben uns für das Letztere entschieden.«

Die Invasion des Iraks im Jahr 2003 sollte den Auftakt bilden zu dieser Strategie der »generellen Neuordnung«, wie es Douglas Feith, der neokonservative Chefstratege des Pentagons, im Mai 2004 in einem Memorandum an Rumsfeld formuliert hatte. Der Irak war als Demonstrationsobjekt gedacht, und alle glaubten, das Land sei ein leichtes Ziel, sozusagen ein »Kinderspiel«. Der Erfolg im Irak würde den USA den nötigen Einfluss verschaffen, um anderswo in der Region Erfolg zu haben – in Iran, Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan. Nach dem Fall von Bagdad antwortete John Bolton, damals leitender Beamter im Außenministerium, auf die Frage, welche Lehren denn das Nachbarland Iran aus der Irakinvasion ziehen könne: »Warten Sie’s ab.«

Doch die Invasion des Iraks hat das Gesicht des Mittleren Ostens nicht verändert, zumindest nicht in der Weise, wie es die US-Außenministerin Condoleezza Rice und andere erwartet hatten. Sie brachte der Region keine Stabilität, im Gegenteil. Auch hat die Irakinvasion den Einfluss und das Ansehen der Vereinigten Staaten in der islamischen Welt nicht vergrößert; vielmehr gab sie einem weltweiten Antiamerikanismus neue Nahrung.

Wenn Präsident Obama sein Amt antritt, jährt sich der Beginn des Irakkriegs bald zum sechsten Mal. Die Vereinigten Staaten haben für diesen Krieg das Leben von über 4000 Soldaten geopfert, ganz zu schweigen von den unzähligen anderen Opfern. Außerdem hat die Regierung die unfassbare Summe von annähernd einer Billion Dollar für den Krieg ausgegeben. Eine Truppe von etwa 130000 Mann wird im Irak verbleiben – neben weiteren 30000 Soldaten, die versuchen, in Afghanistan eine demokratische Ordnung durchzusetzen. Während seiner zwei Amtsperioden hat Präsident George W. Bush zwei Kriege begonnen. Er wird aus dem Amt scheiden, ohne auch nur einen der beiden zu Ende gebracht zu haben. Er wird seinem Nachfolger Barack Obama zu viel Krieg hinterlassen – und zu wenig Krieger, um die von ihm begonnenen Kriege zu Ende zu führen.

Wer also wird heute noch eine politische Strategie plausibel finden, die darauf abzielt, in Regionen »die Art, wie dort die Menschen leben, zu ändern«? Man kann es nicht oft genug wiederholen: Der weltpolitische Plan, den sich die Bush-Administration nach den Ereignissen vom 11. September ausgedacht hatte, ist von Grund auf gescheitert. Wer sich einbildet, er könne diese Strategie beibehalten und ganze Länder besetzen, um gewissermaßen im Schnellverfahren ihren Weg in die Moderne abzukürzen, der wird nur noch mehr Menschenleben und Ressourcen vergeuden. Unabhängig davon, wie sich die Verhältnisse im Irak in den kommenden Monaten entwickeln werden, ist das Iraqui-Freedom-Programm kein Vorbild mehr für zukünftige Politik der USA. Hier liegt die zentrale außenpolitische Herausforderung, der sich der neue Präsident in den ersten Tagen seiner Amtszeit wird stellen müssen. Auch wenn die Vereinigten Staaten mit der schwersten ökonomischen Krise seit der Großen Depression konfrontiert sind, auch wenn die Bevölkerung von Obama verlangen wird, den Wirtschaftsaufschwung an die oberste Stelle seiner Agenda zu setzen, so wird seine Regierung als Erstes den strategischen Scherbenhaufen aufarbeiten müssen, den ihm sein Vorgänger Bush überlassen hat.

Obamas Jugendlichkeit, sein Charisma und seine Intelligenz haben den überwältigenden Eindruck erzeugt, als Präsident werde er in der Lage sein, alles zu erreichen, was er sich vorgenommen hat. Dieser Eindruck ist trügerisch. Wenn die Begeisterung eines Tages abklingt, was zwangsläufig der Fall sein wird, dann werden die Schwierigkeiten, mit denen Obama fertig werden muss, offen zutage treten. Die Probleme auf der Welt werden kein bisschen einfacher, nur weil der neue Mann im Oval Office sympathischer erscheint, und weder Russland noch Iran, weder die Israelis noch die Palästinenser werden allein Obamas Charme erliegen. Deshalb brauchen die Vereinigten Staaten für die Zukunft endlich wieder einen Sinn für Bescheidenheit und einen neuen Realismus – also genau die Eigenschaften, die in Washington in den vergangenen acht Jahren weitgehend gefehlt haben. Keineswegs muss Europa dabei fürchten, dass sich die Vereinigten Staaten in einen neuen Isolationismus zurückziehen werden.

Kurzum, alle wichtigen Fragen liegen auf dem Tisch. Auch wenn die Welt derzeit von Amerikas neuem Präsidenten hellauf begeistert ist: Es ist schwer vorstellbar, dass die Antworten, die Obama auf diese Fragen geben wird, allen gefallen.

Andrew J. Bacevich studierte an der Militärakademie West Point und ist Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Boston University. Sein Sohn Andrew starb im Mai 2007 im Irak-Krieg. Bacevich’ jüngstes Buch trägt den Titel »The Limits of Power. The End of American Exceptionalism«

Aus dem Englischen von Karin Wördemann

 
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