Der Zauberwürfel begegnete mir in der Straßenbahn wieder, in den Händen eines Jungen, der vielleicht 18 war. Er drehte gedankenverloren an seinem Würfel, versuchte, alle weißen Steinchen auf eine Seite zu bringen. Das Geräusch, das dabei entstand, erinnerte mich an jenes von Spaziergängern in frischem Schnee. Das Wiedersehen mit dem Würfel machte mich froh, ohne dass ich hätte sagen können, warum: War es nur Nostalgie? Oder noch ein anderer Zauber?

Nachdem ich den Würfel in der Straßenbahn gesehen hatte, entdeckte ich ihn plötzlich überall: im Schaufenster bei Karstadt , in der Werbung für eBay , im Fernsehen bei Stefan Raab. Modedesigner entwerfen Taschen, T-Shirts und Stilettos, die die Farben und Vierecke des Würfels übernehmen. Eine Firma verkauft einen Lautsprecher, der aussieht wie ein Zauberwürfel. Adam Green, der Sänger, hat ein Lied geschrieben, in dem er sich wünscht, mit einem Zauberwürfel beerdigt zu werden. Und in dem Trickfilm Wall-E, einem der erfolgreichsten Filme des vorigen Jahres, beeindruckt die Roboterfrau Eva den Robotermann Wall-E damit, in Sekundenschnelle die sechs Farben des Würfels auf die richtigen Seiten zu bringen.

Der Zauberwürfel ist zurück. 1980 kam er in die Hände der Menschen, ein paar Jahre zuvor hatte ihn ein Professor aus Budapest erfunden, Ernő Rubik. Er wollte seinen Designstudenten damit räumliches Denken beibringen. In Deutschland heißt der Würfel aus 26 bunten Einzelsteinchen Zauberwürfel, im Rest der Welt ist er nach seinem Erfinder benannt, Rubik’s Cube. 1982 verschwand der Zauberwürfel wieder – die New York Times vermutete damals in einem Nachruf, wegen der Computerspiele, die gerade aufkamen. Und nun verkaufen sich die Würfel wieder gut: acht Millionen im Jahr 2006, neun Millionen im Jahr 2007 und zwölf Millionen im gerade vergangenen Jahr.

Auf der ganzen Welt treffen sich "Speedcuber", Hochgeschwindigkeitswürfler, um verdrehte Würfel in wenigen Sekunden wieder in Ordnung zu bringen . Mathematiker, die sich seit Jahren mit dem Würfel befassen, sind gerade dabei, das größte Rätsel des Würfels zu lösen. Was sie suchen, nennen sie ehrfürchtig die "Gotteszahl" und meinen damit die Anzahl von Drehungen, die maximal notwendig sind, um jeden beliebig verdrehten Würfel wieder in Ordnung zu bringen.

Warum beschäftigt der Würfel die Menschen wieder? Es beginnt eine kleine Reise.

Viel zarter Flaum ist in Essen versammelt, als sich die Speedcuber zur offenen Deutschen Speedcubing-Meisterschaft treffen, mitten im Trubel einer Spielzeugmesse. Über den sechs Tischen, an denen die Spieler sitzen und stehen, hängen überdimensionale Zauberwürfel. Messebesucher bleiben stehen, staunen, drehen Videos. In den letzten Tagen haben sich, für den Veranstalter überraschend, so viele zusätzliche Teilnehmer angemeldet, dass die Spieler mit den Ellenbogen aneinanderstoßen, während sie schweigend schon mal an ihren Würfeln drehen, um sich aufzuwärmen.

Ich bin mit Ron van Bruchem verabredet, einem Holländer, 41 Jahre alt, ein Mann in Cargohosen und Hilfiger-Pullover, der so ernst schaut wie ein Sportlehrer, der Noten vergibt. Er ist ein Zauberwürfelbegeisterter der ersten Stunde. Seit vier Jahren reist er als Missionar für den Würfel um die Welt. Eigentlich will er mir erzählen, wie alles ein zweites Mal begann. Aber erst einmal hat er keine Zeit. Er steht inmitten seiner Gemeinde und bringt nach einem vorgegebenen Muster die Würfel durcheinander, die dann "gelöst" werden sollen, wie es im Jargon heißt. Jeder Spieler hat fünf Versuche, ermittelt wird die durchschnittliche Zeit.

Unter den Spielern ist einer, den jetzt am Morgen noch keiner hier kennt. Ein schlaksiger Junge mit halblanger Scheitelfrisur und Kapuzenpulli. Michael Pohl, 17 Jahre alt, ist am Vorabend mit seinem Vater aus Kirchheim bei München gekommen, mit seinen Würfeln im Gepäck und der Hoffnung, diese Meisterschaft zu gewinnen. Von seinem Vater bekam er seinen ersten Würfel – die zweite Welle der Würfelmanie folgt ziemlich genau eine Generation nach der ersten. Die erste Welle war getragen vom Spaß, mit dem Würfel zu spielen. Die Spieler von heute strahlen eine Ernsthaftigkeit aus, die an Schachspieler erinnert.

Michael Pohl fand den geschenkten Würfel zunächst einmal ziemlich langweilig. Erst ein Filmchen auf YouTube weckte seinen Eifer. Darin sieht man die Hände des Kanadiers Harris Chan , Nummer acht der Weltrangliste, die den Würfel in Sekundenschnelle lösen. Michael Pohl suchte im Internet nach Anleitungen, lernte Drehkombination nach Drehkombination auswendig, mehr als hundert, und merkte sich, welche wann funktioniert.