Raubkunst Im Namen meines Vaters

Der jüdische Arzt Hans Sachs besaß die wichtigste Plakatsammlung der Welt. Die Nazis raubten sie, die DDR schloss sie weg. Nun fordert der Sohn diesen Schatz vom Staat zurück

Auf dem Weg zum Schatz riecht es nach Linoleum und scharfem Reinigungsmittel. Die Schritte hallen, die Wände sind dick, kaltes Neonlicht erhellt den Flur. Dann fünf identische Türen, dahinter liegt er, der Schatz, um den mit allen Mitteln gekämpft wird. Ein Sicherheitsschlüssel wird herausgeholt, eine Tür geöffnet zu 24 verschlossenen grauen Schubladenschränken aus Metall. Darinnen, in dicken Mappen zwischen säuregepuffertem Papier, liegen 100-jährige Filmplakate, Ausstellungsankündigungen, Reklameblätter, ein Stück Geschichte Deutschlands, erzählt durch die Augen der Werbegrafik. Eine Sammlung, die mit einst 12.500 Plakaten die größte der Welt war und deren verbleibende 4000 Poster heute auf einen Wert von mehreren Millionen Euro geschätzt werden.

Es ist die Sammlung des jüdischen Zahnarztes Hans Sachs, der sie zwischen 1896 und 1938 zusammengetragen hatte, bis die Nazis ihn enteigneten. Die Plakate galten nach dem Krieg lange als verschollen, tauchten dann in einem Keller in Ost-Berlin wieder auf und liegen nun seit einiger Zeit in der ehemaligen Friedrich-Engels-Kaserne in Berlin-Mitte, dem Plakatlager des Deutschen Historischen Museums. Das Klimakontrollgerät auf den Schubladenschänken tickt leise, doch die Stille trügt. Ein lärmender Streit ist ausgebrochen und hat die Sammlung Sachs zu einem Rechtsfall gemacht. Schon bald könnten die vielen tausend Plakate aus Berlin verschwinden.

Es ist der Sohn, Peter Sachs, der mit allen juristischen Mitteln die Herausgabe der Sammlung verlangt und sie in die USA holen will. Am 20. Januar soll darüber das Landgericht Berlin entscheiden, es muss viele strittige Fragen klären: Hat der Sohn ein Anrecht auf die Plakate seines Vaters, obwohl dieser schon einmal entschädigt wurde, damals, als man noch dachte, die Sammlung sei verloren? Oder müssen die Bilder für die Allgemeinheit erhalten bleiben? Und: Wie konnte es dazu kommen, dass ein Teil der Sammlung durch das Deutsche Historische Museum verschlampt wurde? Wem gehört die Kunst? Darum geht es, 60 Jahre nach dem Ende des Krieges.

Ohne Hans Sachs wäre die Plakatkunst nicht, was sie heute ist

Peter Sachs steht auf seiner Veranda in Florida und raucht. Ein alter Whirlpool blubbert, der nächste Nachbar wohnt weit entfernt. Sachs trägt weiße Turnschuhe und kurze Hosen, er sieht aus wie ein gealterter Schuljunge. Sein Vater hätte so etwas nie getragen. Der stammte aus einer begüterten Breslauer Zahnarztfamilie, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin übersiedelte. Hans Sachs war immer im Dreireiher gekleidet, ein Großbürger mit beeindruckendem Bart. Er hatte in den USA studiert und einige Standardwerke zur Parodontose verfasst, der Rest seines Lebens gehörte den Plakaten. Ein Filmplakat aus Frankreich war das erste Sammelstück, das er als Jugendlicher in die Hände bekommen hatte, dann kamen Toulouse-Lautrec-Plakate dazu, Steinlen-, Valloton-, heutzutage sehr seltene Beggarstaff- und Lucien-Bernhard-Plakate. Sachs organisierte Ausstellungen und hielt Vorträge, er sammelte die Signaturen der Künstler und gab sie in einem Buch heraus. Noch heute dient es Kunsthistorikern dazu, die Herkunft von Plakaten zu bestimmen.

Als die Sammlung auf 12000 Poster angewachsen war, ließ Sachs für sie ein Privatmuseum in seinem Haus in Berlin-Nikolassee bauen. 1938 beschlagnahmten die Nazis die Sammlung, kurze Zeit später wurde Sachs in das KZ Sachsenhausen deportiert. Mit großem Glück gelang es seiner Frau, ihn dort herauszubekommen, und mit 20 Mark in der Tasche setzten sie nach New York über. Ohne Hans Sachs wäre die Plakatkunst nicht das, was sie heute ist.

Peter Sachs steht noch immer auf seiner Veranda und zündet sich erneut eine Zigarette an. Er hat es nie geschafft, damit aufzuhören. Vielleicht, weil ihm die eiserne Disziplin seines Vaters fehlt. Überhaupt ist Peter Sachs in vielen Dingen das genaue Gegenteil seines Vaters. Bis zu seiner Pensionierung 1994 war Peter Sachs Pilot. Seit 44 Jahren ist der Vater nun tot, er selbst ist in diesem Jahr 71 geworden. Warum bemüht er sich jetzt plötzlich um die Sammlung seines Vaters? »Weil ich bislang geglaubt habe, die Sammlung sei im Krieg zerstört worden«, sagt der Sohn. »Erst vor einigen Jahren bin ich im Internet drauf gestoßen, dass sie in Berlin ist.«

Sollte er seine Klage gewinnen, müsste er die bereits gezahlte Wiedergutmachung, heute gleichbedeutend mit etwa 600000 Euro, zurückerstatten. Sollte er verlieren, betragen die Gerichtskosten knapp 100.000 Euro. Und der Sohn ist kein reicher Mann. Warum macht er das?

»Ich will Gerechtigkeit«, sagt er und schweigt. Für wen? »Für meinen Vater. Er hat in seinen Erinnerungen geschrieben, der Verlust der Sammlung sei das schlimmste Ereignis in seinem Leben gewesen.« Was will er denn mit den Plakaten machen? »Das weiß ich noch nicht.« Will er sie hier bei sich aufbewahren? »Nein, das wäre viel zu teuer.« Was will er also damit machen? »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.«

Hans Ottomeyer sitzt in seinem großen Büro mit den hohen Decken zwischen Humboldt-Universität und Berliner Dom, einen Schal um den Hals, auf dem Finger einen Siegelring. Ottomeyer ist seit 2000 Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums und somit der Verwalter der Sammlung Sachs. Er glaubt dem Sohn nicht. Kann es sein, dass der Vater seinem Sohn nichts von der Wiederentdeckung der Sammlung erzählt hat? Spätestens seit der Ausstellung Kunst. Kommerz. Visionen 1992 im Deutschen Historischen Museum war die Sammlung im Internet zu finden. Ottomeyer ist ein promovierter Büchermensch, ein Bildungsbürger, der Archäologie, Literatur- und Kunstgeschichte studiert hat. Mit Hans Sachs verbindet ihn sein Leben für die Deutsche Kultur, wie Sachs ist er Sammler, wenn auch nur von Heftzwecken.

Ottomeyer steht auf und geht zum großen weißen Bücherregal hinter seinem computerfreien Schreibtisch. Der Holzfußboden knarzt unter seiner mächtigen Gestalt. Er streicht mit dem Daumen über den angegilbten Umschlag eines alten Lexikons. »So sieht das Papier solcher Plakate schnell aus, wenn man sich nicht darum kümmert. Plakate sind ja nicht gemacht, um mehr als eine Woche zu überdauern, sondern dafür, nach der Klebezeit abgerissen zu werden. Das Verwahren von bedrucktem Papier kann daher nur in einem Museum vonstatten gehen.« Ottomeyer holt Luft. »Von Restitutionsverfahren wie unserem hier haben eigentlich nur amerikanische Rechtsanwälte, Auktionshäuser und Historiker etwas. Denn es wird wenig in Familienbesitz zurückgegeben, das meiste landet auf Auktionen.«

Im Geiste fühlt sich Ottomeyer dem Sammler Sachs sehr nah, und so ist er überzeugt, Hans Sachs habe gewollt, dass die Sammlung in seinem Museum bleibt. Er glaubt, das auch beweisen zu können. Ottomeyer zieht die Kopie eines Briefes hervor, den Hans Sachs 1966 geschrieben hatte. Nachdem die Sammlung nach dem Krieg als verschollen galt, hatte Sachs 1961 von der Bundesregierung eine Wiedergutmachungssumme von 225.000 Mark erhalten. Fünf Jahre später erreichte den Sammler dann die überraschende Mitteilung, dass Teile seiner Sammlung den Krieg doch überlebt hatten. Im Keller eines Hauses in der Ostberliner Clara-Zetkin-Straße waren 8000 Plakate, in Packpapier gewickelt, gefunden worden und dem Museum für Deutsche Geschichte übergeben worden. Und dort waren sie auch verblieben, denn die DDR sah sich selbst als Opfer des Faschismus und lehnte es ab, andere Opfer zu restituieren. Die Sammlung war zum Faustpfand im Krieg der Ideologien geworden, unerreichbar für Hans Sachs. Der Brief war nun der Versuch, Kontakt mit dem für die Plakate zuständigen Angestellten des Museums in Ost-Berlin aufzunehmen. Sachs wollte seine Mitarbeit bei der Archivierung anbieten.

Ottomeyer nimmt Sachs’ Brief und liest vor: »Von vornherein möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich materiell überhaupt nicht an einer solchen Zusammenarbeit interessiert bin, sondern lediglich ideell. Nach mehrjährigen Verhandlungen habe ich schon vor einiger Zeit durch einen deutschen Gerichtsbeschluss eine größere Abfindungssumme ausgezahlt bekommen, die alle meine Ansprüche gedeckt hat.« Ottomeyer macht eine Pause und tippt auf das Blatt. »Er hat den Brief selbst getippt, der Brief hat ein Datum, und Sachs hat darin handschriftlich Korrekturen gemacht. Das hat testamentarischen Charakter.« So sah es auch die in solchen Fällen beratende Limbach-Kommission, als sie im Januar 2007 ihre Empfehlung zu dem Fall aussprach: Sachs hatte damals keine Ansprüche angemeldet, er habe also gewollt, dass die Sammlung im Museum in Berlin blieb.

Was wollte der Sammler wirklich? Wie hätte er entschieden?

»Natürlich hat er so etwas geschrieben, sonst hätte er doch gleich all seine Chancen verbaut, die Sammlung noch einmal zu sehen«, sagt der Sohn. »Außerdem war er damals schon 85 Jahre. In dem Alter zettelt man keinen Rechtsstreit mehr an.«

Peter Sachs ist ein scheuer Mensch, und erst wenn man ihm eine Weile zugehört hat, wie er zögerlich von seiner Kindheit erzählt, erahnt man, worum es bei dieser Klage im Kern wohl geht. Als Peter Sachs 1938 geboren wurde, ist sein Vater 56. Der Sohn wird im Amerika der Fünfziger groß, als das Land Rock’n’Roll tanzt und Fast Food entdeckt, während der Vater im Kopf weiter in Deutschland lebt. In den seltenen Fällen, in denen die Eltern Deutsch sprechen, fingen die Sätze immer mit »Der Jung« an. Denn der Jung hat auf jeder Schule, auf der er angemeldet wird, Probleme. Er fährt Taxi und arbeitet als Verkäufer. »Ich war ein Loser«, sagt Sachs, und es klingt, als sei diese Zeit noch immer nicht vorbei. Liest man die Briefe, die der Vater damals an Freunde schreibt, kann man verstehen, warum der Sohn sich so fühlt. Da schreibt ein von sich und seiner Kunst eingenommener Mensch (»Da ich seit 1896 Sammler, seit 1910 Herausgeber der Zeitschrift Das Plakat, natürlich auch Gründer, Verleger und Hauptartikelschreiber bin…«), mit dem eigentlich nur der Freund und Grafiker Lucien Bernhard auskam.

»Mit mir hat er nie über seine Liebe für das Plakatsammeln gesprochen«, sagt der Sohn. »Er hat eigentlich nie etwas Privates mit mir geteilt.« Peter Sachs geht die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf und kommt mit einer Emailleschachtel wieder zurück. In der Schachtel liegt eine Zahnbrücke aus Titan, die der Vater als Student angefertigt hat. Es ist das Einzige, was der Vater seinem Sohn hinterlassen hat. »Wäre er noch im Besitz seiner Sammlung gewesen, hätte er nicht gewollt, dass ich, der Sohn, seine Sammlung bekomme?«, fragt Peter Sachs, und es hört sich an wie der letzte Versuch, dem fremden Vater etwas Nähe abzuringen.

Aber müsste er die Sammlung am Ende nicht verkaufen? Vielleicht, sagt er. Ob das im Sinne seines Vaters sei? Ja, sagt der Sohn, denn seinem Vater sei vor allem wichtig gewesen, dass die Plakate ein Publikum hatten. Die Deutschen aber haben sie seit dem Krieg nur zweimal ausgestellt. – Was wollte Hans Sachs wirklich? Das Beste für seinen Sohn, oder das Beste für seine Sammlung? Es scheint, als schwinge diese Frage zwischen allen Sätzen in diesem einsamen Haus in Florida immer mit.

Bei der Frage, was das Beste für die Sammlung wäre, ist man schnell bei dem New Yorker Galeristen Robert Brown angekommen. Die Galerie liegt im zweiten Stock an der Madison Avenue, der Central Park ist nur einen Block entfernt. Robert Brown und Susan Reinhold sind die beiden Galeristen, die Sachs’ Anwalt zur Begutachtung der Sammlung eingeschaltet hat. Brown öffnet die Tür zu einer großen hellen Wohnung, an deren Wänden aufwendig gerahmte Plakate hängen. Brown setzt sich an den Computer und ruft ein Programm auf, das ihm ein Freund geschrieben hat und mit dem er die Bestandsveränderungen der Sammlung seit Jahren wie ein Klimaforscher beobachtet. Was gar nicht so einfach ist, denn jedes Sachs-Plakat hat mittlerweile drei verschiedene Inventarnummern. Monate hat Brown damit verbracht, auf die abstrakten Zahlen zu starren. Und während er so vor dem Computer saß, ist ihm aufgefallen, dass zum Beispiel das Poster von August Hajduk aus dem Jahr 1914 noch 2005 auf der Webseite des Museums aufgeführt war. Jetzt fehlt es, und viele andere fehlen auch. Nur 4000 der ehemals 8000 in Ost-Berlin gefundenen Sachs-Plakaten sind noch vorhanden. »Was ist mit dem Rest passiert?«, fragt Brown.

Dass einige hundert Poster bereits Ende der Achtziger den Weg in die Galerie Ketterer in München gefunden hatten, ist Brown und auch dem Deutschen Historischen Museum bekannt. Ein Museumsmitarbeiter hatte sie gestohlen. Drei Plakate sind 1988 auf einer Auktion bei Christie’s in London aufgetaucht und versteigert worden. Von einem Kollegen weiß die Galeristin Susan Reinhold außerdem, dass er nach der Wende ein wertloses Aids-Plakat gegen ein wertvolles Plakat aus der Sachs-Sammlung getauscht hat. »Wie kann Ottomeyer nun Peter Sachs vorwerfen, er würde die Sammlung verkaufen wollen, wenn er selbst keine Ahnung hat, was mit der Hälfte davon passiert ist?«, fragt Brown.

3770 Plakate sind verschwunden – wie konnte dem Museum das passieren?

Ottomeyer ist diese Frage mehr als unangenehm. Deshalb arbeitet sein Museum nun endlich an einer ersten systematischen Katalogisierung und Aufarbeitung der Sachs-Sammlung. Man hatte die Plakate nach der Entdeckung im Osten einfach in die allgemeine Sammlung eingeordnet, zum Teil nach Themengebieten, zum Teil nach Künstlern oder einfach nach Entstehungsjahr. Das schwerste ist nun, sagt die Kuratorin Andrea von Hegel, die Sachs-Plakate in den Beständen des Museums mit mehr als 80000 Plakaten überhaupt zu finden. 4230 Sachs-Plakate wurden bislang identifiziert, alle durch den Sachs-Stempel oder Aufkleber erkennbar. Und die restlichen 3770 Plakate? Andrea von Hegel zuckt mit den Schultern. »Vielleicht waren sie einfach fälschlicherweise als Sachs-Poster bezeichnet worden?«

Rene Grohnert, ehemaliger Assistent in der Plakatabteilung und jetzt Leiter des Plakatmuseums in Essen, weiß, dass Sachs nicht alle seine Plakate markiert hat, denn viele waren zum Tausch vorgesehen. »Welche Plakate unmarkierte Sachs-Plakate sind, ist nach so langer Zeit fast unmöglich festzustellen. Was wirklich in die Sachs-Sammlung gehört, kann man eigentlich nur mithilfe von Sachs’ Karteikarten bestimmen.« Und die sind verschollen.

Für den Sohn hat diese Schlamperei zu einer sonderbaren Situation geführt. Seine Anwälte hatten 2005 eine Liste der im Museum vorhandenen Sachs-Poster erhalten. Von dieser Liste wählten die Anwälte ein Plakat, dessen Herausgabe sie in ihrer Klage stellvertretend für die ganze Sammlung einfordern. Es war Die Blonde Venus, ein Filmplakat für den Film von Josef von Sternberg mit Marlene Dietrich aus dem Jahr 1932, das auf etwa 13500 Euro geschätzt wird. In seiner Erwiderung schrieb das Museum, dass es sich bei der Blonden Venus doch nicht um ein Sachs-Plakat handele. Es weise weder Stempel noch Aufkleber auf. Kann es eines der unmarkierten Plakate von Sachs sein? Auf welcher Grundlage wurde das Plakat sonst einmal als Sachs-Plakat eingeordnet? Wer hat diese Liste erstellt? »Das weiß ich leider nicht«, sagt Andrea von Hegel. »Es sind Inventarbücher verschwunden, ganze Nummernbereiche sind weg, es gibt Lücken, für die es keine Erklärung gibt. Wir müssen mit dem leben, was wir haben, und versuchen, da ein sachliches Fundament reinzubringen.«

Hans Ottomeyer bedauert diese Unordnung, hält sie aber für völlig normal in einem Museum, das die Wende und diverse Umzüge mitgemacht hat. Den Rest der Sammlung will er dennoch bewahren, nicht zuletzt vor dem Galeristen Robert Brown. Dessen Kampagne gegen das Museum habe nur ein Ziel: »Kunst aus den Museen in die Auktionshäuser und Galerien zu bringen.« Das ist natürlich für ein Museum und die Kulturgeschichte eines Landes alles andere als wünschenswert. Aber reicht es, um einem Sohn sein Erbe zu verweigern?

Die beste Lösung wäre wohl ein Kompromiss. Die Plakate bleiben im Museum, werden als Sachs-Sammlung angemessen gewürdigt, und der Sohn erhält eine erneute Abfindung. Aber um zu einem solchen Kompromiss zu finden, müsste der Ton stimmen. Und der stimmt nicht. In einem der letzten Briefwechsel behauptet das Museum, dass Hans Sachs gar nicht mehr der Eigentümer der Sammlung gewesen sei, als die Nazis sie raubten. Tatsächlich hatte Sachs kurz vor seiner Flucht die Plakate an den arischen Banker Richard Lenz übertragen, in der Hoffnung, sie könnten so den Krieg überleben. Bevor Lenz die Sammlung jedoch an sich nehmen konnte, wurde sie vom Propagandaministerium konfisziert.

Laut der Washingtoner Erklärung von 1998, die die Rückgabe von Naziraubkunst regelt, sind solche Zwangsverkäufe nicht rechtsgültig. Die Bundesrepublik hält sich an diese Selbstverpflichtung und ermuntert Betroffene von NS-Enteignungen, ihre Ansprüche anzumelden. Warum scheint der Anwalt des Museums nun diese Selbstverpflichtung der Bundesrepublik ignorieren zu wollen? Es sind juristische Spitzfindigkeiten, die diesen Fall entscheiden werden, es ist nicht die Moral.

Peter Sachs klappt seine Emailleschachtel zu. »Als ich mit 22 Jahren endlich wusste, was ich mit meinem Leben machen wollte, bat ich meinen Vater um 5000 Dollar. Ich wollte einen Pilotenschein machen, und ohne zu zögern gab mein Vater mir das Geld.« Das hat ihm damals imponiert. Er schien ihm etwas zuzutrauen. Jetzt ist Peter Sachs pensioniert und weiß eigentlich wieder nicht so recht, was er mit seinem Leben machen soll. »Ich hätte meinen Vater gerne besser gekannt«, sagt der Sohn und zündet sich eine Zigarette an. Nachher will er noch mal mit dem Anwalt telefonieren.

 
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