Wie ist das israelische Bombardement des Gaza-Streifens zu stoppen? Naomi Klein, die Heilige Madonna der Antiglobalisierungsbewegung, hat im Guardian dazu aufgerufen, israelische Geschäfte zu boykottieren und den Kauf jüdischer Exportartikel zu unterlassen. Ein Boykott sei "das effektivste Werkzeug im gewaltfreien Arsenal" und habe bereits das Apartheidregime in Südafrika zu Fall gebracht. "Enough!"

Naomi Kleins Aufruf ist so empörend wie aufklärend. Empörend ist die historische Assoziation, nämlich die NS-Parole aus dem April 1933: "Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!" Aufklärend jedoch ist, welches Erbe zwischen den Zeilen zum Vorschein kommt: jener antisemitische Reflex, der sich bei Globalisierungskritikern zuverlässig immer dann einstellt, wenn sie die israelische Regierung im Besonderen oder den Kapitalismus im Allgemeinen ins Visier nehmen.

Die mal offene, mal verdeckte Allianz von Antikapitalismus und Antisemitismus ist kein Zufall und fällt nicht vom Himmel. Dahinter steckt der alte Aberglaube, das "abstrakte Kapital", das heute die "Weltherrschaft" ausübe, sei jüdischen Ursprungs. Unauffällig habe der Gott des Judentums die Maske gewechselt und sich in den "Monotheismus" des Geldes verwandelt. In Gestalt des "raffenden Kapitals" überfalle er die "Lebensräume des Volkes" und sauge das brave, das "schaffende Kapital" aus. Rechtsintellektuelle sagen es kaum anders. Der Kapitalismus sei eine jüdische Erfindung. Er rufe Liberalismus und Freiheit – und meine immer nur sich selbst.

Warum einige Globalisierungskritiker oft von allen guten Geistern verlassen sind und in Teufels Küche geraten, ist leicht zu sagen: Sie meiden Unterscheidungen und rühren alles zusammen. Sie verwechseln die Erlösungsformeln, mit denen Marktradikale ihr himmlisches Heilsprogramm schmackhaft machen, mit der Religion selbst – mit ihrer Botschaft, ihrer Wahrheit.

Vermutlich hat der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik recht: Ein Teil der Linken ist "von einem ihr unbewussten Judenhass" durchdrungen. Diesen Hass schleppe sie aus ihren historischen Beständen mit, ohne sich über ihr trübes Erbe beizeiten Aufklärung verschafft zu haben. In der Tat, schon die französischen Frühsozialisten um Proudhon (1809 bis 1865) waren notorisch antisemitisch und wollten "die jüdische Rasse zurück nach Asien" schicken. Russische Anarchisten wie Bakunin gaben sich als glühende Judenhasser, von dem Revolutionär Richard Wagner ganz zu schweigen. Karl Marx redete verächtlich von der "jüdischen Geldwirtschaft" und war in die Idee vernarrt, der "göttlichen Warenform" die theologischen Mucken auszutreiben. Von hier aus war es nur ein kurzer Weg zu der "Erkenntnis", alle Übel der Moderne – das kalte Geld, der Handel, überhaupt alles "Abstrakte" – seien eine Transformation des jüdischen Geistes. Und Bankiers, Bonzen und Kapitalisten seine Vollstrecker.

An manch untergründigen Antijudaismus, der im konservativen Milieu Laut gibt, hat sich die Öffentlichkeit leider gewöhnt. Judenfeindliche Untertöne in der Globalisierungskritik sind aber deshalb so degoutant, weil ihre Vertreter bei jeder Gelegenheit als Avantgarde der Aufklärung auftreten. Mit dieser Aufklärung sollten sie rasch beginnen. Zuerst aber bei sich selbst.