Stil
In schlechten Zeiten kommt es darauf an, wie schön die leeren Gläser sind. Weinglas aus der 80 Jahre alten Serie Tommy von Saint-Louis, etwa 250 Euro
Was ist eigentlich aus der Kultur des Tafelns geworden? Heute kocht man ungefähr so: Man lädt seine Freunde in die offene Wohnküche ein, lässt sie Kartoffeln schälen und Suppen umrühren. Am besten beginnt man schon zu essen, bevor die Töpfe vom Herd genommen sind. Es soll ungezwungen und wie in einer Kochshow zugehen. Deswegen trägt auch niemand mehr feines Geschirr auf. Denn wenn das Dekor zu festlich ist wie ist sie schnell dahin, die herrlich ungezwungene Stimmung. Der Gast der frühen nuller Jahre aß von schlichten weißen Tellern, denen man nicht ansehen konnte, ob sie von Rosenthal oder Ikea waren. Und er trank aus Gläsern, die man im Supermarkt gekauft hatte oder in Läden, in denen auch Handtücher und Duftkerzen offeriert wurden.
Früher hätte man die Gäste niemals in die Küche eingeladen. Einsam kämpfte die Hausfrau mit ihren Töpfen. Anschließend trug sie das Ergebnis auf dampfenden Platten in das Esszimmer, wo die Gäste warteten, und zwar vor dem guten Geschirr, auf dem sich Zwiebelmuster rankten. Schließlich ging es darum, zu repräsentieren. Und dabei lässt man sich keinesfalls in die Töpfe gucken, aber investiert umso mehr in den Tisch.
Wenn es eine positive Nebenwirkung der Krise geben könnte, dann die, dass die Tischkultur zurückkehrt. Denn wird die Wirtschaftswelt draußen kalt, zieht sich der Mensch in sein Heim zurück, »Cocooning« nennt sich das. Und in der neuen Häuslichkeit werden die Dinge wichtiger, mit denen man sich umgibt. Sie geben Sicherheit in einer Zeit, in der nichts mehr sicher scheint. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die ihr Leben mit festen Tischsitten strukturieren, länger leben. Denn während man in der Außenwelt schnell zum Würstchen wird, kann man sich bei Tisch noch fühlen wie ein Fürstchen. Etwa indem man in Porzellan investiert aus der einst höfischen Königlichen Porzellan-Manufaktur KPM oder indem man aus einemüppigen Kristallglas von Saint-Louis trinkt. Damit haben schon die französischen Könige ihren Wein in den Hals gekippt, bevor ebendieser durchtrennt wurde. Saint-Louis gibt es im Gegensatz zur Monarchie noch immer, die Manufaktur gehört heute zu Hermès. Es ist ein Glas, das zusammenbrechende Gesellschaftsordnungen übersteht, das stimmt optimistisch. Etwas bleibt eben immer.
Tischkultur
Tillmann Prüfer fragt: Helfen schöne Gläser in der Krise?
Foto––– Peter Langer ZEIT magazin
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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