Arzneimittel Geheimnisvolle Pulver

Die Schweizer Firma Padma vertreibt pflanzliche Medikamente nach tibetischen Rezepten

Die Produktion von Naturmedizin ließ sich der Dalai Lama 2005 bei Padma zeigen

Die Produktion von Naturmedizin ließ sich der Dalai Lama 2005 bei Padma zeigen

Doktor Chimit-Dorzhi Dugarov trägt extra einen roten Schlips mit Heilpflanzen als Muster. Es kommt hoher Besuch. Russlands berühmtester Experte in tibetischer Medizin fühlt heute einmal nicht bei einem Patienten »ein Dutzend unterschiedliche Pulsgruppen, um die Energieströme des Körpers zu lesen«, diagnostiziert keine sogenannten »heißen und kalten Krankheiten«, und auch Menschen mit »zu viel Windenergien im Körper« müssen sich gedulden. Denn eine Abordnung der Pharmafirma Padma AG aus der Schweiz ist zu einer Konferenz über Naturmedizin angereist. Mit Tüten voller Heilpräparate steht sie in seinem kargen Behandlungszimmer in Sibirien. Die Padma AG stellt im Nischenmarkt der Alternativpharmazie Gemische aus Pflanzen nach tibetischen Rezepturen her. Umsatz der aufstrebenden Firma vom Zürichsee: gut sieben Millionen Euro im Jahr.

Dugarov trennt ein dickes Paket auf: Die Besucher haben ihm eine große Tüte Myrobalanenpulver mitgebracht. Diese pflanzliche Substanz ist ein unter tibetischen Ärzten als beinahe heilig verehrter »Alleskönner«, denn die Frucht enthält zermahlen fast alle Essenzen und alle Geschmacksrichtungen von süß bis herb, derer es nach tibetischem Glauben bedarf, um Menschen zu heilen. Beste pflanzliche Qualität für Russland – direkt aus einem Labor bei Zürich. »Daraus kann ich hier viele Medikamente herstellen«, sagt der Arzt. »Der kann wirklich heilen«, flüstert der Forschungsleiter der Padma AG, der Biophysiker Herbert Schwabl, dem mitgereisten Züricher Professor für Naturheilkunde, Reinhard Saller, zu. Saller untersucht die Wirksamkeit tibetischer Rezepturen.

Die höchste tibetische Autorität, der Dalai Lama, spricht sogar vom »Weltkulturerbe Tibetische Medizin«. Er selbst hat auf Reisen in Europa immer ein paar Pillen und Kräuterpulver dabei. Beeindruckt zeigte er sich bei einem Besuch von dem modernen Medikamentenlabor der Padma AG.

Vor allem im Kampf gegen Durchblutungsstörungen ist die Padma AG gefragt. Organsysteme behandeln, Entzündungen heilen, die maximalen Gehstrecken von Arteriosklerosepatienten verlängern: Gerade bei chronischen Krankheiten zeigen Padma-Produkte Erfolge, wie auch einige Schulmediziner anerkennen. Neunzig Prozent seines Umsatzes macht Padma mit einem Naturheilmittel gegen Arteriosklerose. »Wir sind wirtschaftlich quasi von unserem Renner Padma 28 abhängig«, gibt Forschungsleiter Schwabl zu.

In Berlin, so die Eigenwerbung des alternativen Herstellers, kann eine Frau, der vorher achselzuckend nur noch eine Amputation empfohlen wurde, nach Behandlung mit Padma 28 wieder Rock ’n’ Roll tanzen. »Das hat uns die Patientin genau so erzählt«, sagt Schwabl – »das ist nicht etwa ein Wunder, es ist biochemisch einfach so, dass tibetische Präparate mit vielen einander ergänzenden Komponenten vor allem die Selbstheilung unterstützen.«

Das ist zwar nur ein Einzelfall. Aber abseits von Schering, GlaxoSmithKline und den anderen mit Monosubstanzen erfolgreichen Großen der Branche stellt Padma seit gut 35 Jahren Arzneimittel und Nahrungsergänzungspräparate nach tibetischen Vorschriften her. »Wir haben fast keine Konkurrenz, weil die Rezepturen nur schwer auf dem europäischen Markt zugelassen werden«, sagt Schwabl. Dass sie helfen könnten, reiche nicht, »sondern wir müssen genau erklären können, wie und warum«. Das ist bei Vielstoffgemischen, in denen Dutzende Wirkstoffe in meist winziger Dosierung einander ergänzen, sehr schwierig – allein zwanzig pflanzliche Substanzen, dazu Mineralien und ätherische Öle stecken in Padma 28. Schon seit 1978 ist die Durchblutungshilfe in einigen Ländern auf dem Markt.

Die Bauern aus Emmental liefern 900 Kilo Goldfingerkraut pro Jahr

Im alten tibetischen Medizinbuch werden einige Hundert Rezepturen für das »In-Balance-Halten der Körperenergien« beschrieben. Padma stellt bisher sieben der komplexen Präparate her, jährlich 80 Millionen Tabletten. Dafür sorgen im kleinen Örtchen Wetzikon 40 Forscher und Biologen. Im modernen Labor mit sauber getrenntem »weißem Bereich«, den die Mitarbeiter nur mit Schmutzhaube und Kittel betreten dürfen, werden in großen Mischern, Siebmaschinen und mit allerlei Waagen Pflanzen versetzt und veredelt, maschinell abgepackt, beschriftet und verschickt. Manche dieser Heilsubstanzen lässt Padma inzwischen sogar exklusiv anbauen. »Bauern aus Emmental zum Beispiel liefern auf unseren Wunsch 900 Kilogramm Goldfingerkraut pro Jahr«, sagt Schwabl. Nach tibetischer Lesart wirkt es zusammenziehend, kühlend und herb, gegen Durchfall etwa.

Tibetische Medizin ist nach Ayurveda und Traditioneller Chinesischer Medizin die dritte östliche Heilrichtung, die in Europa Fuß fasst. Während Ayurveda seinen Zugang über den Geist findet und die Traditionelle Chinesische Medizin als duales System den Körper mit Reflextherapie und Akupunktur in Fluss bringt, kümmert sich die tibetische Medizin vor allem um die Psyche und um den feinstofflichen Aspekt des Menschen.

Wie die Substanzen miteinander wirken, wird seit 1977 wissenschaftlich untersucht. Damals verhalf eine Studie an 34 Patienten dem Präparat Padma 28 zur Zulassung in der Schweiz. Seither müssen Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit bei den Eidgenossen immer wieder nachgewiesen werden. Reinhard Saller von der Uni-Klinik Zürich hat in einer Metaanalyse die Ergebnisse europäischer Studien verglichen. Er kam zu dem Ergebnis, dass Patienten ihre Durchblutungsstörungen langfristig vermindern könnten.

In Deutschland sind tibetische Rezepturen in Apotheken nicht frei erhältlich. Patienten müssen erst einen Arzt finden, der sich mit der tibetischen Medizin auskennt und sie verschreibt. Anschließend müssen Apotheken die Präparate mit internationalem Rezept besorgen. Niemand, so sagt Schwabl aber, »sollte unsere Medikamente bestellen, nur weil sie so schön tibetisch sind. Besser ist es, genau zu sehen, wo wir bei dieser oder jener Indikation mit den Kräutermischungen wirklich nachweisbare Erfolge haben.«

Gerade die stehen aber einigen deutschen Experten zufolge infrage. Die Beweislage für die Wirkung von Padma 28 gegen die Arterienerkrankung im Bein sei zu schwach, sagt der hannoversche Spezialist für Gefäßerkrankungen Andreas Creutzig. Man brauche pro Studie mindestens 400 Personen, davon die Hälfte zum Gegentesten mit Placebos. So empfehlen es auch die Fachgesellschaften. Solchen teuren Anforderungen hat Padma 28 bisher nicht genügen können. Dagegen, sagt Creutzig, seien zwei herkömmliche Pharmaprodukte eingehend in Deutschland beziehungsweise in Japan und den USA getestet worden: Dusodril und Pletal. In der sogenannten S3-Leitlinie mehrerer Gremien, die im Frühjahr herauskommt, würden daher diese beiden Medikamente offiziell empfohlen.

Die Freunde tibetischer Medizin verweisen dagegen auf geringe Nebenwirkungen der eigenen Pillen. In Sibirien, beim Kongress der Heiler, steht Herbert Schwabl später am Rednerpult und erklärt 100 Forschern, wie seine Firma tibetische Medikamente im fernen Westen herstellt: ohne Patente, die es nur für Monosubstanzen gibt. Ärzte und Apotheker aus Tadschikistan und der Inneren Mongolei staunen.

Doktor Dugarov hat den Vortrag des geschätzten Kollegen nicht gehört. Er ist schon wieder auf der Straße – ein Praktiker eben. Mit seinem alten Lada fährt er in die Weiten Sibiriens, im Gepäck das Gastgeschenk: feines Pflanzenpulver für seine Patienten am Baikalsee, von Padma aus der Schweiz.

 
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