Ich traue auf dich

Zu Gast in einer schottischen Dorfkirche in Zeiten atheistischer Kampagnen

Der Sturm hebt die Gischt vom Meer ab und peitscht sie über das winterbraune Moorland. Am Dorfeingang duckt sich eine schmucklose Kirche in den Wind, turmlos, fast fensterlos, die weißen Wände vom Salz verwaschen. Sieben Autos biegen auf den Parkplatz ein. Die Menschen, die ihnen entsteigen, kämpfen sich mit geneigten Köpfen voran. Böen zerren an ihren Kleidern. Haben die eine Schraube locker, bei dem Sauwetter in die Kirche zu gehen?

Die Coigach Free Church ist das Gotteshaus für rund zweihundert Leute, die in den verstreuten Weilern auf einer Halbinsel an der schottischen Westküste leben. Knapp zwanzig von ihnen gehen regelmäßig zur Kirche. Michael MacLeod, der erfolgreichste Fischer der Gegend, mit Frau und sechs Kindern, seine beiden Schwestern, sein Vetter Ian, Kleinbauer und Skipper eines Ausflugsboots, der Schaffarmer Kenny MacLennan, ein weiterer Fischer, etliche Witwen.

Der größte Teil der Dorfgemeinschaft hält es mit dem Motto einer atheistischen Anzeigenkampagne, die letzte Woche in London anlief. »Vermutlich gibt es keinen Gott. Macht euch keine Sorgen und genießt das Leben« steht in großen Lettern auf städtischen Bussen. Diese Woche wird die Kampagne auf andere Städte des Königreichs ausgeweitet. Eine Bürgerinitiative hat 150000 Euro für die Miete der Werbeflächen gesammelt. Dabei ist der Kirchgang in Großbritannien ohnehin schon seit Langem auf ein Niveau wie in der unseligen DDR gesunken.

Der Feldzug gegen den Gotteswahn wird von einer »humanistischen Gesellschaft«, dem Philosophen A. C. Grayling und dem Evolutionswissenschaftler und Bestsellerautor Richard Dawkins, befeuert. Dawkins griff zur Finanzierung der Kampagne selbst tief in die Tasche. Das wachsweiche »vermutlich« passt so gar nicht zu dem radikalen Gottesleugner. Offenbar wäre der Slogan ohne diese Einschränkung aber an der Werbeaufsichtsbehörde gescheitert. Sie wacht darüber, dass man für seine Produkte (oder Nichtprodukte) keine nicht nachweisbaren Behauptungen aufstellt.

Dass man die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, hindert eine kleine Minderheit der Bewohner unserer Halbinsel nicht daran, den wenigen Kirchgängern mit Misstrauen zu begegnen. Vermutlich haben unsere schottischen Atheisten einen Blick auf Dawkins Website geworfen, wo er gegen »die Feinde der Vernunft« und die »Wurzel des Bösen« zu Felde zieht. Einmal fuhr eine aus England zugewanderte Dame wie eine Furie aus ihrem Haus und bezichtigte den leutseligen Ian MacLeod der Zugehörigkeit zu einer »Free Church Mafia«.

Im Versammlungssaal des vermeintlichen Geheimbundes lenkt nichts vom Zweck der Veranstaltung ab, kein Altar, kein Kreuz, kein Musikinstrument. Die Free Church betrachtet sich als Rechtsnachfolger und letztes Aufgebot eines Calvinismus, der bis Anfang des letzten Jahrhunderts ganz Schottland und bis in die fünfziger Jahre wenigstens noch das Hochland beherrschte. Sie unterscheidet strikt zwischen wiedergeborenen Christen und unbekehrten Kirchgängern. Die einen dürfen am Abendmahl teilnehmen, die anderen nicht. Ich gehöre zu den verstockten Nichtchristen. Trotzdem werde ich mit offenen Armen empfangen. Eines Tages könnte der Herr mich ja erleuchten.

Einen eigenen Pfarrer hat die Gemeinde nicht. Wir setzen uns im Halbkreis auf stoffbezogene blaue Stühle. Michael MacLeod, der Presbyter, bleibt stehen, schlägt ein Buch mit Psalmen auf, holt tief Atem und beginnt zu singen: »Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich…« Ich stimme in den Gesang ein, die Melodie entstammt dem Französisch-Genfer Psalter von 1551. Traue ich Gott wirklich? Weiß ich »von keinem Gute außer dir«, wie wir weiter singen? Glaube ich überhaupt an einen Gott? Geht es mir nicht eher wie David Cameron, dem Vorsitzenden der konservativen Partei, der unlängst witzelte, seine Religiosität sei so unzuverlässig wie der UKW-Empfang bei einer Fahrt durch die Chiltern Hills?

MacLeod betet in stockenden Sätzen für Verfolgte, Leidende und Kranke in aller Welt, für uns erbittet er Gottes Segen. Wir singen einen zweiten Psalm. Dann schaltet der Presbyter einen DVD-Spieler an. Auf einer Leinwand erscheint das Gesicht eines Pastors einer zwei Autostunden entfernten Gemeinde, seine aufgezeichnete Predigt dauert eine DreiviertelStunde. Sein Motto: Wer in die Kirche geht, lässt seinen Kopf nicht zu Hause. Man geht in die Kirche, um zu denken. Der Titel der Predigt ist bei einer amerikanischen Filmkomödie geborgt: Kuck mal, wer da spricht. Aber seicht ist anders; der Telepastor spannt den Bogen von Stephen Hawking und der Unermesslichkeit des Alls zu dem Bibelzitat »Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort«. Er redet über Roboter und Bewusstsein, über Freiheit und Zwang, über metaphysische Gedanken in dem Kinderbuch Anne auf Green Gables.

Mir geht der Aufruf der Londoner Atheisten zu sorgenfreiem Lebensgenuss durch den Kopf. Wer will mich für dumm verkaufen – die Gottesleugner oder unsere Kirche? Reiner Luyken

Foto: Reiner Luyken

 
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