Berlin hatte vieles. Es hatte das Stadtschloss, den Flughafen Tempelhof, die Mauer. Die Mauer will keiner zurückhaben, vom Stadtschloss wird nur die Mietskasernenfassade wiederaufgebaut, und der Flughafen Tempelhof ist endgültig geschlossen. Aber etwas Besonderes hat Berlin nach wie vor: eine Gasstraßenbeleuchtung. Und zwar nicht nur stimmungsvoll auf der Museumsinsel, sondern 44.000-fach, vor allem im Westen der Stadt. Mehr als die Hälfte aller weltweit noch existierenden Gaslampen steht in Berlin.

Wie lange noch? Denn wenn die Glühstrümpfe Berlin auch sexy machen, wie mancher Gaslichtfreund glaubt, sie machen die Stadt definitiv ärmer. Die Wartung einer Gaslampe kostet im Schnitt 546 Euro pro Jahr, die einer elektrischen Lampe 43 Euro. Dabei ist der Energieverbrauch nicht eingerechnet: Die Gaslampen heizen mehr, als dass sie leuchten. Eine einfache 1000-Watt-Gasstraßenlampe ist kaum heller als eine 27-Watt-Energiesparlampe. Selbst wenn man die Verluste bei der Stromerzeugung und Übertragung einkalkuliert, bleibt ihr Wirkungsgrad kümmerlich. Nur die vor der Erfindung des Glühstrumpfs eingesetzte offene Gasflamme und die alten Ölfunzeln, die in Berlin an einigen Stellen noch bis ins 20. Jahrhundert hineinflackerten, waren ineffizienter.

Der Berliner Senat kennt diese Zahlen seit Langem. Aber erst jetzt, zu Ende Januar, werden die ersten 8400 Gasleuchten zur Umrüstung ausgeschrieben. Es sind sogenannte Gasreihenlampen aus den fünfziger Jahren, die von 2010 an elektrifiziert werden sollen. Sie unterscheiden sich nur im Kopf von den bis in die Siebziger hinein aufgestellten "Peitschenmasten". In fünf bis zehn Jahren sollen sich die 25 Millionen Euro Investitionskosten amortisieren, sagt Senatspressesprecher Marko Rosteck.

Bettina Grimm von der Gaslicht-Initiative glaubt nicht an diese Zahlen. Sie meint, das alles viel teurer werde. Dabei sei das Gaslicht viel schöner. "Unter einer Natriumdampflampe, da wissen Sie nicht, ob das Auto grün oder braun ist." Hinter der Behauptung, die Gasbeleuchtung sei ineffizient, stehe die Elektrolobby. Aber Frau Grimm sagt auch: "Wenn sich alles rechnen müsste, müsste man den Funkturm ebenfalls abreißen." Nur bläst der alte Funkturm – könnte man ihr entgegenhalten – nicht jährlich 43.000 Tonnen Kohlendioxid mehr in die Luft als sein Gegenüber, der Fernsehturm am Alex.

Die Gaslicht-Initiative wehrt sich gegen die Umrüstung. Zwanzig Aktivisten kämpfen mit Lumenmeter, Webseite und lokaler Presse gegen die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für die Straßenbeleuchtung zuständig ist. Populär ist das Argument, dass die Mehrheit der Berliner hinter den Gaslaternen stehe – obwohl es bisher nur eine nicht repräsentative Leserumfrage im Tagesspiegel gab.

Der Senat reagiert nervös. Die Volksabstimmung zum Flughafen Tempelhof ist ihm noch in unguter Erinnerung: Die Behauptung, Berlin würde mit dem Verlust zweier Rollfelder seine Identität verlieren, hat die Politik eine Volksbefragung gekostet. Damals wie heute geht es um ein kaum fassbares Gefühl, denn die Flughafengebäude sollten ja nie abgerissen werden, so wie auch die Masten und alten Lampenköpfe der Gasbeleuchtung erhalten bleiben sollen. An vielen herausgehobenen Orten in der Innenstadt sind die alten Laternen schon längst auf Strom umgerüstet worden.