Regatta Da waren’s nur noch zwölf

Vendée Globe – dreißig Alleinsegler rasen um die Welt. Wie viele werden das Ziel erreichen?

Zwei Themen beherrschten vergangene Woche in Frankreich die Schlagzeilen: das uneheliche Baby der Justizministerin und jener Mann, der 7000 Meilen von Paris entfernt in seiner kopfüber treibenden Yacht auf Rettung hoffte. Jean Le Cam, bretonischer Extremsegler auf dem Weg um die Welt, hatte gerade mit der Heimat telefoniert, als das Unglück geschah. Vielleicht würde er kentern, sagte der 46-Jährige noch, dann war die Verbindung tot. Luftaufnahmen eines Erkundungsflugzeugs bestätigten den Verdacht: Die 18 Meter lange, rosafarbene Rennmaschine trieb rücklings 200 Meilen westlich von Kap Hoorn. Ein Lebenszeichen gab es nicht. Le Cam harrte in einer Luftblase aus.

Die Kenterung der VM Materiaux ist das jüngste Desaster in einem weltumspannenden Segelrennen, das von seiner Gefährlichkeit lebt. Am 11. November brachen dreißig Alleinsegler in Les Sables d‘Olonne zur Vendée Globe Challenge auf, drei Viertel der Strecke sind geschafft und über die Hälfte der Teilnehmer ausgeschieden – nach Kollisionen, Ruder- und Mastbrüchen oder weil sich das kunststoffbeschichtete Segeltuch auflöste. Ein Teilnehmer musste mit gebrochenem Oberschenkel geborgen werden. Ein anderer lief auf den Kerguelen-Inseln zwischen Afrika und Australien auf Grund.

Zwölf Wackere sind übrig geblieben. Zurzeit kämpfen sie sich durch die abgelegenste Region der Erde – die stürmischen, kalten und endlos weiten Wassergefilde der antarktischen Hemisphäre. Der Ausnahmesegler Philippe Jeantot hatte die Regatta vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen. Ihm ging es um die spirituelle Dimension, die »perfekte Harmonie zwischen Segler und Boot«. Zweimal hatte Jeantot zuvor die BOC Challenge gewonnen, eine Regatta um die Welt mit Zwischenstopps. Viele Zeitgenossen erklärten ihn für verrückt, als er die alte Idee von der Nonstop-Umrundung wieder aufgriff. Hatte die absurd hohe Ausfallquote früherer Versuche nicht erwiesen, dass das nicht zu schaffen war? Nur ein Segler war 1969 durchgekommen. Der englische Handelsoffizier Robin Knox-Johnston benötigte 312 Tage. Man hatte ihn, der auf die Begegnung mit Frachtschiffen angewiesen war, um ein Lebenszeichen übermitteln zu können, zwischenzeitlich sogar aufgegeben. Viereinhalb Monate war er verschollen gewesen.

Die Regeln des Vendée Globe sind denkbar einfach: »Allein, nonstop und ohne Hilfe um die Welt« lautet das markige Motto alle vier Jahre, wenn die Einhand-Elite in Les Sables d’Olonne zusammenkommt. Die meisten Teilnehmer sind Franzosen. Weltkonzerne und das Königreich von Bahrain pumpen Millionen in das Spektakel, das dank digitaler Technik zum öffentlichen Ereignis geworden ist. Heute sind die Solosegler über Satellit und Internet mit der Welt vernetzt. Videokameras dienen ihnen als Tagebuch. Täglich teilen sie ihre Erlebnisse, ihre Gedanken, ihren Ärger dem Publikum mit.

Und es gibt viel zu erzählen. Keine Woche vergeht, in der nicht ein Teilnehmer in Not gerät. Das musste auch Vincent Riou erfahren. Der Vendée-Globe-Gewinner von 2005 eilte seinem gekenterten Freund Jean Le Cam zu Hilfe. Nach 72 Stunden erreichte er die Unglücksstelle, umkurvte die VM Materiaux und sah Le Cam durch eine Notluke des bereits tief ins Wasser gedrückten Achterschiffs tauchen. Ohne funktionierenden Motor musste er unter Segeln immer engere Kreise ziehen, bis er dem Hilflosen eine Leine zuwerfen konnte. Dabei krachte es. Rious PRB stieß mit ihren seitlich überstehenden Wantenspreizern gegen den Kielstumpf des anderen Bootes. Immerhin, Le Cam kam an Bord. Später, bei der Einfahrt in chilenische Gewässer, wo Riou seinen Kameraden absetzen wollte, krachte es wieder: Der Mast knickte ab. Da war auch die knallig orange Yacht des vormaligen Siegers zum Notfall geworden.

In Frankreich sind die Vendée-Globe-Piloten Nationalhelden. 300.000 Schaulustige waren trotz schlechten Wetters zum Start gepilgert. In Deutschland wird das Rennen eher als Kuriosität betrachtet. Hier prägen altehrwürdige Yachtclubs das Bild eines auf Teamwork und Sicherheit setzenden nautischen Sports. Das Treiben maritimer Einzelgänger gilt als »unseemännisch«. Was vielleicht erklärt, warum auch bei der sechsten Austragung des Ozeanmarathons nicht ein Deutscher dabei ist. Nur der ehemalige Wiener Straßenbahnfahrer Norbert Sedlacek jagt – nun schon zum zweiten Mal – seinem Traum nach. Derzeit liegt er 6000 Meilen hinter dem Führenden zurück.

Solosegler gehen hohe Risiken ein. Das Steuern des Schiffes müssen sie oft dem Autopiloten überlassen. Selbst einfache Manöver erfordern viel Geschick und Kraft, manchmal mehr als vorhanden. Schlafen tun sie wie Robben, in Portionen: 15 bis 20 Minuten am Stück müssen reichen, während der Körper unterbewusst jedes Geräusch und Schlingern des Schiffes registriert. Der Lärmpegel an Bord der unverkleideten Kohlefaserkonstruktionen ist mit über 120 Dezibel höher als bei einem Presslufthammer. Die Nahrung besteht aus Energieriegeln und Pulverrationen. Das Unternehmen ist eine Mischung aus Hochleistungssport und psychischem Langzeitexperiment.

Erstaunlicherweise bewältigen manche Frauen die Dauerbelastung besser als Männer. Diesmal sind es die beiden Engländerinnen Dee Caffari und Samantha Davies, beide Mitte dreißig und zum ersten Mal dabei. Vor allem die kleine, immer fröhliche Davies ist zum Publikumsliebling aufgestiegen. Mit dem Ausgang des Rennens hat sie nichts zu tun. Dafür gleichen ihre Videos einer rührenden Modenschau, wie Mädchen sie vor einem Spiegel aufzuführen pflegen, wenn sie die Kleider der Mutter ausprobieren. »Ich mache mir ein bisschen Sorgen«, schreibt sie in einer ihrer jüngsten Meldungen, »weil ich mit meinem Boot zu sprechen beginne. Ich versuchte ihm auszureden, zu schnell zu werden. Erste Zeichen des Wahnsinns?«

An der Spitze liegt derzeit Michel Desjoyeaux. Ende Januar könnte er in Les Sables d’Olonne eintreffen – wenn alles gut geht.

 
  • Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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  • Schlagworte Frankreich | Australien | Afrika | Paris
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