Krieg in Nahost Die fernen Brüder
Der Kampf zwischen Hamas und Fatah hat Palästina zerrissen. Jetzt müsste die Stunde der Solidarität schlagen. Aber der Weg vom Westjordanland in den Gaza-Streifen ist weit

© Saif Dahlah/AFP/Getty Images
Jenin, Westjordanland: Palästinensische Schüler protestieren gegen den Gaza-Krieg
Ramallah - Wollen die palästinensischen Kinder des Dorfes al-Tirah im Westjordanland ihre Schule besuchen, müssen sie durch einen Tunnel hindurch. Der Tunnel quert die Autobahn 443, die Tel Aviv und Jerusalem verbindet und nur von Israelis befahren werden darf. Es ist nicht sehr angenehm, durch den Tunnel zu gehen, denn er wird auch für Abwasser genutzt, doch die Kinder haben keine andere Wahl. Ihre Schule wird auf drei Seiten von einer hohen Betonmauer begrenzt, auf der vierten liegt die Autobahn.
Noch vor einigen Jahren wurden in al-Tirah 450 Schüler unterrichtet, dann aber wurde die Betonmauer gebaut, um die jüdische Siedlung Beit Horon auf der anderen Seite vor Anschlägen zu schützen. Schließlich sperrte man den Zugang zur Autobahn für Palästinenser – es wurde immer beschwerlicher, die eingemauerte Schule zu erreichen. Mehr und mehr Schüler bleiben weg, irgendwann wird es die Schule von al-Tirah nicht mehr geben.
Nun könnte man fragen: Warum schließen die Palästinenser die Schule dann nicht gleich? Der Direktor Achmad Abu Baker antwortet darauf, was hier alle Palästinenser sagen: »Wir haben 1948 gelernt, was geschieht, wenn wir unser Land aufgeben. Wir werden zu Flüchtlingen.« Deshalb wollen sie bleiben. Lieber eingemauert als vertrieben.
Wenn man in diesen Tagen von Palästina spricht, denkt jeder an den Gaza-Streifen, wo bereits 1000 Palästinenser gestorben sein sollen. Doch ist das Kriegsfeuer in Gaza die Ausnahme im Nahostkonflikt, die Regel ist das Dahinsiechen wie in al-Tirah im Westjordanland.
Doch einstweilen sind die Palästinenser tief zerrissen. Hamas hat Fatah aus Gaza 2007 gewaltsam rausgeschmissen, und Fatah ihrerseits hält Hamas im Westjordanland jetzt mit dem Knüppel nieder. Offizielle Zahlen gibt es keine, doch heißt es aus verschiedenen Quellen, die allesamt nicht genannt werden wollen, die Gefängnisse in der Westbank seien voll mit politischen Häftlingen – mit Leuten von Hamas.
Die Frage, die sich angesichts des Gazakrieges neu stellt, ist: Können die Palästinenser in dieser Stunde der Not zur Einheit finden? Und: Wie weit ist es überhaupt vom Westjordanland nach Gaza? Wie groß sind die innerpalästinensischen Distanzen, die physischen, politischen und psychologischen?
- Datum 11.08.2009 - 13:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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