Wirtschaftskrise Mauern in der Mitte

Was Merkel in der Krise von einem guten Torwart lernen kann, verrät Josef Joffe

Lernen von Kahn: Die Bundekanzlerin während der WM 2006

Lernen von Kahn: Die Bundekanzlerin während der WM 2006

Früh schon hatte sich dieser Autor in den Chor jener Großökonomen eingereiht, die Kanzlerin und Schatzmeister anstachelten: Tut was, irgendwas, denn Psychologie ist doch die halbe Miete in der Krise. Heute, da Merkel und Steinbrück schon das zweite Konjunkturbündel geschnürt haben, muss er Abbitte leisten – und zwar im Lichte neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Sie stammen aus dem Journal of Economic Psychology. In ihrer Fallstudie über das Elfmeterschießen sind zwei israelische Forscher der kosmischen Frage nachgegangen, was ein guter Goalie tun müsse. Ihre verblüffende Antwort nach Analyse von 286 Spielen: Nix, in der Mitte stehen bleiben. Da wären seine Chancen die besten gewesen, doch in 94 Prozent der Fälle sind die Torhüter nach links oder rechts gehechtet.

Warum bloß haben sie wider die bessere Strategie agiert? Weil kein Torwart schlaff, unsicher und antriebslos aussehen will; lieber wird er den Ball verfehlen, als unentschlossen zu wirken. »Sie wollen zeigen, dass sie handeln«, resümiert Michael Bar-Eli, »sonst sehen sie hilf- und ratlos aus.«

Was das mit unserer Kanzlerin zu tun hat? Sie wäre eine gute Torfrau geworden, weil sie das Prinzip »In der Mitte stehen bleiben« ganz ohne statistische Auswertung verinnerlicht hat. Der Großmeister war Bill Clinton mit seiner Lebensregel der triangulation: weder links noch rechts, sondern immer in der Mitte. An sich ganz einleuchtend, denn wer sich in diese oder jene Ecke wirft, beraubt sich aller anderen Optionen.

Doch rationales Verhalten funktioniert nicht unter dem mörderischen Druck der Erwartungen – weder beim Elfmeter noch in der Wirtschaftskrise. Der Chef einer siechenden Zeitung wird immer zum Relaunch greifen, der bedrängte CEO den ganzen Laden ummodeln und dazu ein neues Logo einführen. So ist es auch heute in der Wirtschaftspolitik. Berlin zieht eine Konjunkturspritze mit 50 Milliarden Euro auf. Doch das ist schierer Geiz im Vergleich zu den 800 Milliarden Dollar, die Obama im Programm hat – und die das US-Defizit auf acht Prozent (!) der Wirtschaftsleistung (BIP) hochjagen werden.

Christina Romer, die neue Chefin der US-Wirtschaftsweisen, hat schon 1994 mit ihrem Mann ein Papier mit dem Titel What Ends Recession? veröffentlicht. Das Fazit: Wir wissen es nicht, aber Fiskalpolitik habe »keine besondere Rolle bei der Erholung gespielt«. Solche Spritzen wirken zu spät, und »auch dann ist die Wirkung meistens gering«. Auf jeden Fall: »Ökonomen sind sich nicht sicher, was sie Politikern raten sollen.« Eine erfrischend ehrliche Antwort, wie auch ihr Rat: Niemand sollte Wirtschaftspolitik in einer »Atmosphäre von Hast und Panik« machen, wie sie die Rezession mit sich bringt.

Mithin sollten sich Präsidenten und Kanzler so verhalten wie ein rationaler Torwart: In der Mitte stehen bleiben und keine Optionen verschenken, wenn man nicht weiß, wo der Ball hinfliegt. Merkel und Steinbrück haben es mit der Standhaftigkeit versucht, sind aber – voraussehbar – eingeknickt. Sie wissen nicht, was wirklich funktioniert, aber wie der Tormann in seiner Angst vor dem Elfmeter wissen sie, was das Volk von ihnen erwartet: Tut was, irgendwas, sofort!

 
Leser-Kommentare
  1. Sobald bekannt wird, dass Oli Kahn bei Elfmetern immer in der Mitte stehen bleibt, schießt jeder Schütze gegen ihn ins extreme linke oder rechte Eck.
    Und Lafontaine besetzt alles sozialen Themen, Westerwelle alle liberalen.

  2. 2. Lernen

    Um zu lernen, wie man eine Münze wirft oder darauf zu verzichten, braucht man keinen Torwart. Alles Glücksache.
    ___________________
    Lyriost – Madentiraden

  3. Frau Dr. Merkel spielt mit uns, eher Shakespeare Komödien:
    „Wie es euch gefällt“ - „Viel Lärm um Nichts“ - „Was Ihr wollt“
    Das ist die absolute bisher nie dagewesene
    Demokratie und sie bleibt damit die ewige Kanzlerin.

    Istvan Hidy
    Stuttgart

    • freerk
    • 16.01.2009 um 19:10 Uhr

    anstatt diesen unsinnigen Artikel zu diskutieren, schlage ich vor, den vorherigen Artikel von J.J. hier zu diskutieren, da dort keine Plattform für Kommentare geboten wurde. (Aus welchem Grund auch immer!)

    http://www.zeit.de/2009/0...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Allerdings ist das kollektive Wegschauen unserer Massenmedien zu diesem Thema dermaßen armselig gewesen, da fällt ein Joffe gar nicht mehr negativ auf ;)

    Absage einer „Anne Will“-Sendung zum Nahost-Krieg.

    Jedes andere Land der Welt wäre für den Überfall auf einen kleinen Nachbarn ohne Rücksicht auf dessen Zivilbevölkerung von der deutschen Pre$$e ausgiebigst kritisiert worden, aber bei Israel-Themen stellt die "liberale" ZEIT einfach die Kommentarfunktion ab. Zu viel mündiger Bürger ist nicht gefragt, eher der leichtgläubige Konsument.

    Meine Konsequenz: Dergestalt eingeschränkte ZEITartikel lese ich nicht.
    _______________________________________________________
    "Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
    (Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)

    Allerdings ist das kollektive Wegschauen unserer Massenmedien zu diesem Thema dermaßen armselig gewesen, da fällt ein Joffe gar nicht mehr negativ auf ;)

    Absage einer „Anne Will“-Sendung zum Nahost-Krieg.

    Jedes andere Land der Welt wäre für den Überfall auf einen kleinen Nachbarn ohne Rücksicht auf dessen Zivilbevölkerung von der deutschen Pre$$e ausgiebigst kritisiert worden, aber bei Israel-Themen stellt die "liberale" ZEIT einfach die Kommentarfunktion ab. Zu viel mündiger Bürger ist nicht gefragt, eher der leichtgläubige Konsument.

    Meine Konsequenz: Dergestalt eingeschränkte ZEITartikel lese ich nicht.
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    "Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
    (Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)

  4. Allerdings ist das kollektive Wegschauen unserer Massenmedien zu diesem Thema dermaßen armselig gewesen, da fällt ein Joffe gar nicht mehr negativ auf ;)

    Absage einer „Anne Will“-Sendung zum Nahost-Krieg.

    Jedes andere Land der Welt wäre für den Überfall auf einen kleinen Nachbarn ohne Rücksicht auf dessen Zivilbevölkerung von der deutschen Pre$$e ausgiebigst kritisiert worden, aber bei Israel-Themen stellt die "liberale" ZEIT einfach die Kommentarfunktion ab. Zu viel mündiger Bürger ist nicht gefragt, eher der leichtgläubige Konsument.

    Meine Konsequenz: Dergestalt eingeschränkte ZEITartikel lese ich nicht.
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    "Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
    (Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)

    Antwort auf "Vorschlag!"
  5. Kann sich noch jemand an das Projekt "Positivliste für Medikamente" der vergangenen Gesundheitsminister erinnern? Irgendwo im Bermudadreieck von Pharmalobby, Politikern mit Zweitjob und von der Industrie beratenen Verwaltungsbeamten ist das Vorhaben verschwunden und damit hat unser "Souverän" das Regieren beerdigt.. Statt dessen bekommt die Gesundheitsindustrie ihre maßlosen Forderungen jetzt direkt als Zuschuß aus Steuergeldern, was uns als Konjunkturspritze zur Finanzkrisenbewältigung erklärt wird.

    Oder von Joffe als "Nix tun" verklärt wird!
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    "Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
    (Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)

  6. 7. Mitte

    die Mitte ist keinem Optionen das ist keinem Positionen.es ist keinen Fisch und Fleisch es ist süss sauer und keinen Beweis für standhaftigkeit.vom o.Kahn habe sie außer Bananen fressen nicht zu lernen

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