Krieg in Nahost "Das Töten ist nicht der moralische Kern"

Der Ethikberater der israelischen Streitkräfte, Asa Kasher, über die tägliche Abwägung zwischen militärischem Erfolg und zivilen Opfern

Israelische Soldaten trauern um einen Kameraden, der in Gaza getötet wurde

Israelische Soldaten trauern um einen Kameraden, der in Gaza getötet wurde

DIE ZEIT: Mr Kasher, Ethikberater der israelischen Armee, das klingt fast wie ein schlechter Witz. Ist es das?

Asa Kasher: Keineswegs. Ich unterrichte seit vielen Jahren Militärethik an Einrichtungen der israelischen Streitkräfte. Aber das ist nichts Ungewöhnliches, mit der Lehre vom gerechten Krieg haben sich schließlich Philosophen seit der Antike befasst. Ungewöhnlicher ist, dass ich als Philosophieprofessor die ersten Ethikrichtlinien der israelischen Streitkräfte verfasst habe sowie Richtlinien für den Kampf gegen Terroristen.

ZEIT: Ist es nicht beunruhigend, eine Philosophie zu entwickeln, die Formen des Tötens definiert?

Kasher: Das Töten ist nicht der moralische Kern, der Kern ist Selbstverteidigung. Ein gerechter Krieg beginnt mit der Selbstverteidigung der eigenen Staatsbürger. Manchmal schließt Selbstverteidigung es ein, dass man töten muss, manchmal reicht es aus, den Gegner dingfest zu machen oder anderweitig zu bekämpfen. Die Frage ist also, was erlaubt ist und was verboten, wenn man sich verteidigt.

ZEIT: Ist die Operation in Gaza gerechtfertigt?

Kasher: Sie ist gerechtfertigt, denn sie wird gedeckt durch das Kriterium des letzten Hilfsmittels. Voraussetzung für einen Krieg ist demnach die Garantie, dass alle Alternativen erschöpft sind. Erst wenn alle anderen Mittel gescheitert sind, politische und diplomatische, sind militärische gerechtfertigt.

ZEIT: Ob wirklich alle Mittel ausgeschöpft waren, ist Gegenstand politischer Kontroversen. Unstrittig ist aber, dass zahlreiche Zivilisten unter den Opfern sind. Wie rechtfertigen Sie das?

Kasher: Lassen Sie mich ganz klar sagen: Mich schmerzt jeder einzelne Fall, in dem ein Mensch einen anderen tötet. Ich bin für ewigen Frieden, wie Kant sagte, nicht für ewigen Krieg, wie ihn die Hamas propagiert. Und wenn ich jemanden töten muss, tue ich es nicht leichthin und frohen Herzens oder triumphalistisch wie die Palästinenser, die Feste feiern, wenn sich in Israel ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt und Dutzende Menschen tötet. Sogar wenn ein Terrorist getötet wird, empfinde ich keine Freude. Es ist schrecklich, und ich wünschte mir, er wäre kein Terrorist geworden. Doch wenn es zu Kollateralschäden kommt, muss man sie so gering halten wie möglich. Und wir haben Methoden, hochgradig verfeinerte Methoden, um Kollateralschäden zu minimieren.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Kasher: Denken Sie zum Beispiel an die Operationen zur zielgerichteten Tötung von Terroristen. Eine zielgerichtete Tötung ist eine Staatsaktion. Es ist daher zunächst mal eine umfassende Kette von Genehmigungen erforderlich, um den Namen einer Person auf die Liste möglicher Ziele zu setzen. Wenn der Name genehmigt wurde und die Zeit gekommen ist und wir wissen, wo die Person ist, und wir sie töten können, dann ist eine weitere lange Serie von Genehmigungen erforderlich. Und ehe die Operation beginnt, sitzen Leute an sehr langen und komplizierten Kalkulationen, um herauszufinden, was der richtige Zeitpunkt ist, die richtige Ausrüstung, die richtige Art von Munition, um unter den gegebenen Umständen die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Zielperson getötet wird, und um die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass irgendjemand anders zu Tode kommt.

ZEIT: Aber zeigt Ihr Beispiel nicht gerade, wie fragwürdig es ist, den Erfolg eines Einsatzes und den Tod von Zivilisten abzuwägen?

Kasher: Nein, keineswegs. Warum nehme ich jemanden ins Visier, warum töte ich ihn zu diesem Zeitpunkt? Weil es von seiner Seite aus einen fortgesetzten Versuch gibt, das Leben unserer Bürger zu gefährden. Man muss das größere Bild sehen: Unsere Bürger werden von dieser Person angegriffen, und es gibt Zivilisten der anderen Seite, die den Angreifer umgeben.

ZEIT: Wie wollen Sie da abwägen?

Kasher: Wir haben detaillierte Richtlinien, die auch veröffentlicht wurden. Es gibt dabei keine numerische Gleichung: Einen für einen, zwei für einen oder sieben für einen. Das Kriterium ist: Es muss eine Notwendigkeit existieren. Und wenn Sie eine bestimmte Person zum Ziel erklären, dann müssen Sie sich große Mühe geben, Kollateralschäden zu vermeiden. Wenn Sie zum Beispiel die Zeit dazu haben, rufen Sie die Nachbarn der Zielperson an und fordern sie auf zu verschwinden.

ZEIT: Sie rufen an?

Kasher: Ja, das passiert dauernd. Manchmal riskieren wir sogar, dass uns dadurch die Zielperson entkommt, und wir hoffen, dass wir sie bei anderer Gelegenheit kriegen.

ZEIT: Im Unterschied noch zum Krieg im Südlibanon kann die Zivilbevölkerung die Kampfzone nicht verlassen, weil Gaza abgeriegelt ist: Macht das nicht die besondere Grausamkeit des aktuellen Konflikts aus?

Kasher: Es macht die Lage noch komplizierter. Es macht Kollateralschäden manchmal größer. Aber wir sagen den Leuten ja nicht: »Verlasst den Gaza-Streifen«, sondern: »Verlasst dieses Haus, denn es ist ein Ziel, geht in ein anderes.« Und noch mal: Kollateralschäden sind nur auf den ersten Blick eine Folge unserer Aktivitäten, tatsächlich sind sie eine Folge der Hamas.

ZEIT: Trotzdem: Verstehen Sie, wenn die Kühle der Kalkulation auf manche zynisch wirkt?

Kasher: Ich verstehe die Empfindung. Aber war Thomas von Aquin ein Zyniker, weil er über den gerechten Krieg nachdachte?

ZEIT: Gegenfrage: Eliminiert nicht die ethische Reglementierung des Tötens jenen Rest an Selbstzweifel, der Humanität erst ausmacht?

Kasher: In der Bibel steht sinngemäß: Zögern hat seine Zeit und Entscheiden hat seine Zeit. Wenn ich an Militärakademien Ethik unterrichte, diskutieren wir alle möglichen Ansätze, Aspekte und Prinzipien. Aber dann gibt es einen Punkt, an dem gehandelt werden muss.

Die Fragen stellte Patrik Schwarz

 
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