Auf 3000 Meter Höhe zu graben, das schlaucht! Nur mit dem Presslufthammer kam Paul Yule durch die dicke Schicht antiker Schlacke. Da er bei der letzten Grabungskampagne im Jemen acht Kilo Gewicht verlor und drei Monate brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen, hatte er nun die Nase voll. »Eigentlich bin ich robust«, sagt der Heidelberger Professor für Vorderasiatische Archäologie. Aber dieses Mal war er drauf und dran, alles hinzuschmeißen.

Dann kam die Meldung: »Wir haben einen König gefunden!« Yule konnte es nicht fassen. »Eine Sensation!« Man legte gerade die Reste eines großen Gebäudes frei, dessen Kalksteinmauern mit Friesen von Sphinxen, Löwen und Leoparden geschmückt waren. Da stießen die Ausgräber auf ein Basaltrelief, das einen lebensgroßen Mann zeigt, einen mit dickem Kopf und großen Augen. Über seiner Schulter hängt ein Schwert; in der einen Hand hält er eine Art Hirtenstab, in der anderen einen Strauß Zweige. Was könnte er darstellen: Priester, Gott, König? »So etwas wurde noch nie gefunden«, sagt Yule, der seit 1998 die Ausgrabung in Zafar leitet, der Hauptstadt des antiken Reichs von Himyar, das in der Spätantike die gesamte Arabische Halbinsel beherrschte.

Mohammeds Siegeszug im 7. Jahrhundert nach Christus hat die Geschichte des vorislamischen Südarabiens fast vollständig getilgt. Allein der Glanz der Königin von Saba strahlt noch durch die Jahrtausende. Das Alte Testament erzählt, wie sie mit »großem Gefolge, mit Kamelen, die Balsam, eine gewaltige Menge Gold und Edelsteine trugen«, in Jerusalem einzog, um König Salomo zu huldigen. Auch wenn die Dame vermutlich nur ein Mythos ist, spiegelt dieser doch den sagenhaften Reichtum des Südzipfels der Arabischen Halbinsel wider. Auch die Römer rühmten die Gegend als Arabia Felix, das glückliche Arabien.

»Der Handel mit Weihrauch, Myrrhe und anderen Luxusgütern hat die Reiche von Saba, Qataban oder Hadramaut reich gemacht«, sagt Yule. Am Rande der Wüste gelegen, organisierten sie im ersten Jahrtausend vor Christus die Karawanen, die die begehrten Düfte auf schaukelnden Kamelen in die Mittelmeerwelt brachten. Im Jahrhundert vor der Zeitenwende dann verbündeten sich kriegerische Stämme im westlich davon gelegenen Hochland zur Konföderation von Himyar. Alsbald verleibten sie sich ein Karawanenreich nach dem anderen ein und protzten mit dem pompösen Titel: »König von Saba, von dhu-Raydan, von Hadramaut, von Yamamat und der Araber in den Bergen und an der Küste«. Vermutlich wurde auch der in Basalt gemeißelte Herr so angeredet.

Heute deutet in Zafar nichts auf die einstige Hauptstadtpracht hin. In 2800 Meter Höhe leben auf abgeflachten Vulkankegeln noch 400 Menschen. »Damals waren es 25000«, sagt Yule. Die Stadt nahm eine Fläche von 110 Hektar ein. Vier Kilometer lang war die Stadtmauer; neun Tore gewährten Einlass. Doch Himyar geriet in der Spätantike in die Mühlen der Weltpolitik. Zurück blieb eine Steinwüste. Erst nach und nach kommt die einstige Pracht des Riesenreichs wieder zum Vorschein.

In der Steinwüste fällt so viel Regen wie in Heidelberg – nur anders verteilt

»Wir wissen von mindestens fünf Palästen, die es in Zafar gab«, sagt Yule. Gefunden wurde davon aber noch keiner. »Als ich das erste Mal in Zafar war, dachte ich: O Gott! Hier möchte ich nicht graben müssen«, erinnert sich Holger Hitgen, der jahrelang für die Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Sanaa gearbeitet hat. »Man sieht kaum einen Hinweis auf das, was sich im Boden verbirgt.« Deshalb war die Fachwelt lange davon überzeugt, von Himyar seien nur Trümmer übrig. Aber für Paul Yule erwies sich als Glücksfall, dass er zwischen den Resten auf Berge von Schlacke stieß. »Da wurden Bronzestatuen eingeschmolzen und Beton aus Kalkstein fabriziert.« Das Gute: Die Schlacke ist so hart, dass Raubgräber keine Chance hatten, an den Untergrund heranzukommen. »Wir aber hatten unseren Presslufthammer«, lächelt Yule verschmitzt.