Abraham Lincoln272 Wörter für die Ewigkeit

Seine Rede in Gettysburg machte Abraham Lincoln zum neuen Gründervater der USA, nach seiner Ermordung wurde er ein Mythos. Ein Lebensbild zum 200. Geburtstag (2. Teil) von Ronald D. Gerste

Die ersten fünf Wochen der Amtszeit Lincolns vergehen in quälender Ungewissheit. Überall im Süden formieren sich Milizen und paramilitärische Einheiten. Zwei Stützpunkte auf dem Territorium der neu gegründeten Konföderation der Sklavenhalter, der Confederate States of America (CSA), sind den Bundestruppen noch geblieben: Fort Pickens in Pensacola, Florida, und Fort Sumter im Hafen von Charleston, Süd-Carolina. Diese im Bau befindliche kleine Festung wird von einer nur etwa 80 Mann umfassenden Einheit unter dem Kommando von Major Robert Anderson gehalten.

Im Norden machen die Zeitungen das Schicksal der Garnison zum Prüfstein für die Autorität der neuen Regierung Lincoln. Doch noch bevor diese handeln kann, greifen die Konföderierten an. Am frühen Morgen des 12. April 1861 feuert die erste Kanone von Charleston aus auf Fort Sumter. Die Beschießung dauert 33 Stunden. Etwa 4000 Granaten schlagen ein, sie durchlöchern die noch leeren Gebäude. Die Unionstruppen antworten mit rund 1000 Granaten, müssen aber am Tag darauf kapitulieren. Wie durch ein Wunder nimmt niemand ernsteren Schaden – das einzige Todesopfer ist ein Pferd der Konföderierten –, und doch zeigt sich schon in diesem Auftakt des Krieges eine monströse Maßlosigkeit, eine Unverhältnismäßigkeit der Mittel, die seinen besonderen Charakter ausmachen sollte.

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Niederlage reiht sich an Niederlage, eine blutiger als die andere

Im Norden löst die Nachricht von der Beschießung Fort Sumters einen wahren Kriegsrausch aus; Lincoln lässt 75000 Freiwillige zu den Waffen rufen. Doch während die Armeen in Grau (die Konföderierten) und Blau (die Unionstruppen) zu gewaltigen Heeren heranwachsen, bleibt er um eine Konsolidierung dessen bemüht, was von den USA noch übrig geblieben ist. Weitere Südstaaten haben sich der Rebellion angeschlossen. Besonders hart trifft ihn der Abfall Virginias: Das neue »Feindesland« liegt am anderen Ufer des Potomacs in Sichtweite des Weißen Hauses.

Als tragischer indes als dieser territoriale Verlust wird sich für Lincoln und den Norden die ganz persönliche Sezession eines einzelnen Virginiers erweisen: Colonel Robert E. Lee nimmt seinen Abschied aus der U.S. Army, da er nicht gegen seine Heimat kämpfen will. Der hoch angesehene Offizier (auf dessen Familiensitz in Arlington gegenüber von Washington die Besatzer aus dem Norden später während des Krieges einen großen Friedhof für Gefallene anlegen lassen) übernimmt das Oberkommando der konföderierten Streitkräfte. Lee ist ein begnadeter Heerführer – und so überlegen der Norden von Anfang an bleibt, vor allem dank der fortgeschrittenen Industrialisierung, so weiß man doch in Washington diesem Mann lange Zeit nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Ja, es ist nicht zuletzt das militärisch vielleicht bewundernswerte, politisch aber so fatale Genie des Robert E. Lee, das aus dem Bürgerkrieg eine sich über vier Jahre hinziehende Tragödie macht.

Lincoln gelingt es mit einer Mischung aus Druck und Diplomatie, drei »schwankende« Staaten in einer leicht labilen Loyalität zur Union zu halten: In Missouri, Kentucky und Maryland gibt es Sklaverei, dennoch bleiben sie den USA treu. Eine Sezession Marylands hätte dramatische Konsequenzen: Die Hauptstadt Washington wäre dann komplett von Feindesland umgeben, der Regierungssitz müsste nach Norden verlegt werden.

Auch die internationale Reaktion auf den Konflikt muss Lincoln genau kalkulieren, eine diplomatische Anerkennung der CSA auf jeden Fall verhindern. Sowohl in der britischen Oberschicht als auch im imperialistischen Frankreich Kaiser Napoleons III. gibt es Sympathien für die Konföderation. Schließlich betrachtet mancher dort Jefferson Davis, Robert E. Lee, Stonewall Jackson und andere Führer der CSA als country gentlemen, als eine Art Verwandtschaft, deren aristokratischer Lebensstil dem eigenen Selbstverständnis gewiss mehr entspricht als die demokratische Weltsicht des halbproletarischen Lincoln.

Die Regierung Jefferson Davis weiß das, und sie glaubt zudem, dass die Wirtschaft in Großbritannien und Frankreich heftig unter Druck geraten wird, wenn das wichtigste Produkt der Südstaaten, die Baumwolle, durch die Seeblockade der Unionsmarine die Fabriken in Europa nicht mehr erreicht. Doch diese Hoffnung trügt. In Europa besteht ein Überangebot an Textilien, und seine Wirtschaft erholt sich nach den Auswirkungen des elenden Krimkriegs prächtig.

Lincoln bleibt besorgt. Niederlage reiht sich an Niederlage, eine blutiger als die andere. Zwar gelingt es immer wieder, den Konföderierten die Stirn zu bieten, wie im März 1862 am Pea Ridge in Arkansas, wo sich besonders Brigadegeneral Franz Sigel auszeichnet, ein »Achtundvierziger« aus Baden. Doch erst ein halbes Jahr darauf, am 17.September, kommt es zu einem großen, allerdings mit furchtbaren Opfern erkauften Erfolg. Lee ist mit seiner Armee nach Maryland, auf das Gebiet der Union, vorgerückt. Er scheint sich seines Sieges gewiss und hofft, dass die europäischen Mächte die Konföderation nun endlich anerkennen. An einem Flüsschen namens Antietam Creek wird er von der Unionsarmee unter dem Kommando General George McClellans gestellt, der sich gern »kleiner Napoleon« nennen lässt, in den Salons von Washington aber zu Lincolns Ärger eine viel forschere Figur abgibt als an der Front.

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