Schrottreife Hoffnungsträger
Die Abwrackprämie für Altautos wird kaum Arbeitsplätze in Deutschland sichern Von Dietmar H. Lamparter
Das Angebot klingt verlockend: 2500 Euro zahlt der Staat all jenen Autofahrern, die ihr altes Vehikel (neun Jahre und älter) verschrotten lassen und dafür einen Neuwagen oder einen Jahreswagen beim Händler kaufen. Die Zahl der potenziellen Kunden ist riesig: In Deutschland sind laut Kraftfahrt-Bundesamt »16,8 Millionen Pkw älter als neun Jahre«.
Es schien ganz so, als ob die große Koalition in Berlin auf den richtigen Knopf gedrückt hätte. Doch abgesehen von grundsätzlicher Kritik an den 1,5 Milliarden Euro Steuergeld, die allein der Autobranche zugutekommen sollen, ist längst nicht klar, ob die »Abwrackprämie« der deutschen Automobilindustrie überhaupt bei ihren massiven Absatzproblemen hilft. Schon bei der Zahl der durch die Subvention initiierten zusätzlichen Neuwagenkäufe liegen die Expertenschätzungen weit auseinander: Die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hält 300000 Pkw für möglich, Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen kommt nur auf 100000. Andere Marktforscher wie Ulrich Winzen von Polk in Essen (200000) oder BDW Automotive in Leverkusen (150000) liegen dazwischen.
Ähnlich unterschiedlich schätzen die Marktforscher die Zahl der zusätzlich verkauften »Jahreswagen« aus Händlerbeständen ein, die ebenfalls unter die Prämienregelung fallen. Hier sagt Dudenhöffer einen »Schwung« von bis zu 200000 Autos voraus, die BDW-Kollegen rechnen mit 70000, und Polk-Chefanalyst Ulrich Winzen erwartet »zirka 60000«.
Doch was kommt davon in den Fabriken an, in denen – wie gerade neu bei BMW und Volkswagen – Kurzarbeit angesagt ist? Die meisten der sogenannten Jahreswagen, ob als »Vorführwagen«, »Tageszulassungen« oder »junge Gebrauchte« tituliert, stehen längst auf den Höfen der Händler. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Subvention viele Arbeitsplätze in einheimischen Fabriken sichert, wird noch durch weitere Faktoren gemindert. Vier von fünf hierzulande montierten Autos von Audi, BMW, Daimler, Ford, Opel, Porsche und VW gehen in den Export – und da hilft die deutsche Abwrackprämie gar nicht. Aber auch im Inlandsabsatz ist fraglich, ob deutsche Fabrikate davon profitieren. Besitzer von schrottreifen Autos im Wert von maximal 2500 Euro greifen bisher meist zu Gebrauchtwagen, und wenn es ein neuer sein soll, sind Billigautos oder Kleinwagen erste Wahl.
Nur etwa 45000 der zusätzlichen Autos kommen aus deutschen Werken
Genau da aber sind die deutschen Konzerne schwach vertreten. Franzosen, Italiener, Koreaner und Japaner dominieren diese Marktsegmente. Und selbst Kleinwagen mit deutschem Markenzeichen werden meist im Ausland produziert. So läuft der Smart in Frankreich vom Band, der VW Fox in Brasilien, Opel Corsa und VW Polo in Spanien, der Opel Agila in Ungarn und BMWs Mini in England. Nach Einschätzung von Ulrich Winzen von Polk kämen nur etwa 45000 der zusätzlichen Pkw aus deutschen Fabriken, das seien bei einer Gesamtproduktion von rund fünf Millionen Fahrzeugen gerade mal 0,9 Prozent.
Der deutsche Steuerzahler finanziere mit der Verschrottungsprämie »ein Konjunkturprogramm für die Autowerke in Rumänien, Frankreich oder Italien«, lästert Kollege Dudenhöffer, »für die Kurzarbeit bei Daimler oder BMW bringt das gar nichts«. Er könnte recht haben. Schließlich lagen die Durchschnittspreise hierzulande verkaufter BMW, Mercedes oder Audi bereits im Jahr 2007 bei 35000 Euro und mehr – ohne Extras. Und die Restwerte deutscher »Premiumautos« liegen meist auch nach 10 Jahren noch deutlich über 2500 Euro. »Ein Porsche wird nach neun Jahren nicht verschrottet«, heißt es etwa lapidar aus Stuttgart. Anders die Importeure. Die sehen ihre Chance. Einen Twingo gebe es »nach Abzug der staatlichen Förderung« schon für 5990 Euro, meldet Renault. Der Käufer eines neuen Dacia Sondero fahre dank Prämie sogar für »lediglich 5000 Euro« vom Hof.
Hilft das bereitgestellte Steuergeld wenigstens der Umwelt? Auch da sind Zweifel angebracht. Anders als in Frankreich, wo 1000 Euro Prämie den Absturz der Zulassungen im Dezember etwas gemildert haben, ist die Verschrottungsprämie in Deutschland nicht daran gekoppelt, dass man ein abgasarmes Auto kauft. Laut geplanter Verordnung müssen Neuwagen hierzulande lediglich die Schadstoffnorm Euro 4 erfüllen (seit 2006 für neue Pkw ohnehin Pflicht). Euro 4 begrenzt aber nur Schadstoffe wie Stickoxide, Kohlenmonoxid oder Partikel beim Diesel, nicht jedoch den klimaschädlichen CO₂-Ausstoß. Also kann ein verschrotteter Drei-Liter-Lupo von VW ohne Weiteres durch einen dreimal so durstigen Geländewagen ersetzt werden – mit Prämie.
Den Präsidenten des Verbands der Automobilindustrie ficht die ganze Kritik nicht an. Durch die politischen Hilfestellungen erwarte er »einen Impuls für die Anschaffung von 100000 bis 300000 Autos«, sagte Matthias Wissmann der Berliner Zeitung. Und verlautbarte offiziell: Die Umweltprämie könne die Automobilkonjunktur »entscheidend stärken«.
i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/autokrise
Foto [M]: Matthias Kabel/Keystone Pressedienst
- Datum 22.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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