Man tippt A-n-t-o-n-y bei Google ein und findet ihn an erster Stelle. Der Sänger, der seinen Familiennamen kompostiert hat, steht auch ohne den im Fokus der Suchmaschinen. Alle Zeitungen schreiben über ihn, seine Kunstlieder, sein Mäandern zwischen den Geschlechtern, seinen märchenhaften Aufstieg aus den Verliesen der New Yorker Subkultur ins Licht der Welt. Wer kannte Antony vor fünf Jahren?

Aber kennt man ihn heute, kennen im Sinne von verstehen? Manche Kritiker versuchen sich tiefer einzufühlen in das sexuelle Durcheinander namens Transgender. Andere schildern genüsslich ihre Vorbehalte. »Speckig, weinerlich, mit Doppelkinn«, schreibt einer, um ihn dann wenige Zeilen später zu preisen.

Wer Antonys Schmerzgesang einmal erlebte, wird ihn nicht vergessen. Bin ich Mann, bin ich Frau? Das sind Fragen, die sich die meisten seiner Hörer nicht jeden Tag stellen – und sie sind trotzdem angefasst von dieser Musik. Eine halbe Million Mal hat sich I Am A Bird Now verkauft, das Album, das ihn 2005 im Nu auf die große Bühne hob .

Dem jetzt 37-Jährigen zu begegnen ruft vielerlei Gefühle hervor. Er ist so groß, so linkisch, so weich, so natürlich artifiziell, so verstörend feminin… Hier sitzt die Mona Lisa als Riesenbaby, und dann spricht sie, spricht er mit einer sehr leisen, sehr tiefen Stimme, sehr viel tiefer als das Falsett in den vibrierenden Balladen.

»Die Erde ist meine Mutter«, beginnt er das Gespräch, und dieser Satz führt uns schnurstracks ins Moos: The Crying Light, das neue Album (erschienen bei Rough Trade), lässt die Liebe hinter sich und stößt vor zur Natur – oder zu dem, was von ihr noch da ist.

»Ich brauche einen anderen Ort«, singt Antony in Another World. »Wird dort Frieden sein? / Ich brauche eine andere Welt. / Um diese ist es fast geschehen.« Und dann nimmt er Abschied von allem: von der See, vom Schnee, von den Bienen, den Bäumen, von uns allen.