In Deutschland leben rund 85.000 Vietnamesen. In den neuen Bundesländern stellen sie nach den Russlanddeutschen die zweitgrößte Migrantengruppe. In Westdeutschland dominieren die sogenannten Boatpeople. Sie stammen aus dem Süden Vietnams und kamen nach dem Sieg des kommunistischen Nordens Ende der siebziger Jahre in die Bundesrepublik. Die Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder, stießen auf große Sympathie. Sie erhielten vielfältige Hilfe, integrierten sich rasch und wurden oft eingebürgert. Einer von ihnen ist im weiteren Sinn auch der neue niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Der FDP-Politiker wurde in Vietnam geboren und mit neun Monaten von einer deutschen Familie adoptiert. Er ist das erste Mitglied eines deutschen Kabinetts mit einer Einwanderungsgeschichte.

Ganz anders verhält es sich mit den Männern und Frauen, welche die DDR ab Mitte der achtziger Jahre verstärkt aus Vietnam angeworben hatte. Die sogenannten Vertragsarbeiter sollten im sozialistischen Bruderland die Wirtschaft unterstützen. Sie lebten meist isoliert von der DDR-Bevölkerung, an ein Bleiben war nicht gedacht. Frauen, die schwanger wurden, mussten abtreiben oder in die Heimat zurückkehren. Deshalb gründeten die meisten erst nach der Wende eine Familie. Es kam zu einem kleinen Babyboom. Diese Nachkommen sind heute Schulkinder.

Der Zusammenbruch der DDR traf die Vertragsarbeiter hart. Sie wurden oft als Erste entlassen, lebten für Jahre in einem rechtlichen Niemandsland und waren ausländerfeindlichen Übergriffen ausgesetzt, am heftigsten im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, wo eine Unterkunft brannte. Das »Fidschi-Klatschen« wurde zum zynischen Begriff der rechten Szene.

Von den 60.000 Vertragsarbeitern blieb rund ein Drittel in Ostdeutschland. Hinzu kamen Landsleute aus anderen osteuropäischen Ländern, die, statt in die Heimat zurückzukehren, in die Bundesrepublik flohen. Später gelangten illegale Einwanderer mithilfe von Schleuserbanden ins Land. Ohne Anspruch auf Unterstützung versuchten sie, sich eine Existenz aufzubauen. Das konnte nur gelingen, indem sie sich selbstständig machten, anfangs oft als fliegende Händler. Vietnamesische Verkäufer illegal geschmuggelter Zigaretten sah man in den neunziger Jahren an zahlreichen Ecken Ostberlins. Später eröffneten viele der Ostasiaten ihr eigenes Geschäft. Die erste Generation lebt heute recht unauffällig in einer vietnamesischen Nischengesellschaft ohne großen Kontakt zur deutschen Bevölkerung. In der zweiten Generation wird sich dies ändern. Martin Spiewak