Integration : Das vietnamesische Wunder

Die Kinder von Einwanderern aus Vietnam fallen durch glänzende Schulnoten auf. Ihr Erfolg straft Klischees der Integrationsdebatte Lügen

Vor Kurzem erfuhr Detlef Schmidt-Ihnen die Zwischenergebnisse seiner Schule bei der Mathematik-Olympiade. Der Rektor konnte zufrieden sein. Sechs Schüler qualifizierten sich für die nächste Runde auf Landesebene. Am Ostberliner Barnim-Gymnasium ist das nichts Besonderes, die Schule legt von jeher einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften. Relativ neu ist dagegen das Problem, die Namen der ausgezeichneten Schüler korrekt auszusprechen. Hieß die Gewinnerin in der Klassenstufe sieben nun Tran Phuon Duyen oder Duyen Tran Phuon? Und wie war es mit Duc Dao Mihn aus der Zehn?

Schmidt-Ihnen steht öfter vor dieser Herausforderung: 17 Prozent der Schüler an dem Gymnasium im Stadtteil Lichtenberg stammen aus einer vietnamesischen Familie, in den unteren Klassen sind es mehr als 30 Prozent. »Gerade in den Naturwissenschaften und in Mathematik sind viele von ihnen stark«, berichtet der Rektor. Auch der Schulbeste in Mathe ist vietnamesischer Herkunft.

Keine andere Einwanderergruppe in Deutschland hat in der Schule mehr Erfolg als die Vietnamesen: Über 50 Prozent ihrer Schüler schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Damit streben mehr vietnamesische Jugendliche zum Abitur als deutsche. Im Vergleich zu ihren Alterskollegen aus türkischen oder italienischen Familien liegt die Gymnasialquote fünfmal so hoch. »Die Leistungen vietnamesischer Schüler stehen in einem eklatanten Gegensatz zum Bild, das wir sonst von Kindern mit Migrationshintergrund haben«, sagt die brandenburgische Ausländerbeauftragte Karin Weiss.

20 Jahre nach dem Fall der Mauer schreiben die Nachkommen der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter eine bislang wenig bekannte Erfolgsgeschichte. Angeworben Mitte der achtziger Jahre, erlebten die Arbeitsmigranten aus dem sozialistischen Bruderland nach der Wende in Ostdeutschland häufig den Absturz in Arbeitslosigkeit und Armut, sie waren isoliert, wurden zum Opfer von Fremdenhass. Ihre Kinder jedoch sind nun dabei, mit ungeheurem Fleiß und Bildungsdrang die deutsche Gesellschaft zu erobern. Denn der Druck, gute Noten zu erzielen, ist in vietnamesischen Familien enorm.

Zugleich stellt der Schulerfolg der Vietnamesen eine ganze Reihe vermeintlicher Wahrheiten der Integrationsdebatte infrage. Wer etwa meint, dass Bildungsarmut stets soziale Ursachen hätte, sieht sich durch das vietnamesische Beispiel widerlegt. Auch die These, Migranteneltern müssten selbst gut integriert sein, damit ihr Nachwuchs in der Klasse zurechtkomme, trifft auf die ostasiatischen Einwanderer nicht zu. Gewiss, vietnamesische Eltern der ersten Generation hatten – anders als die Türken oder Italiener – oftmals selbst einen höheren Schulabschluss. Aber auch sie sprechen meist kaum Deutsch, leben in einer Nische unter sich und bilden so etwas wie eine Parallelgesellschaft.

Dass ihre Kinder dennoch zu den Musterschülern unter den Migranten wurden, ist der Beleg für die Kraft einer Kultur, deren Strebsamkeit selbst unter widrigen Bedingungen zum Aufstieg führt. Das zeigt sich seit Jahren bereits in den USA, wo überproportional viele Studenten aus asiatischen – genauer: von der konfuzianischen Mentalität geprägten – Nationen die amerikanischen Spitzenuniversitäten besuchen. Nun wiederholt sich das Bildungswunder in Deutschland.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

79 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Soziale Umstände

Der Erfolg der vietnamesischen Schüler “straft Klischees der Integrationsdebatte Lügen”, so heißt es. Im Text wird spezifiziert: “Wer etwa meint, dass Bildungsarmut stets soziale Ursachen hätte, sieht sich durch das vietnamesische Beispiel widerlegt”.
Der Autor beschreibt im Artikel aber genau das Gegenteil, hier werden die entscheidenden sozialen Faktoren genau aufgezählt: ein typisch asiatisches Leistungsethos, verbunden mit dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und der Verbesserung der Lebensumstände, welches typisch für Vietnamesen sein soll.

So schön dieses Beispiel auch ist, die Studie "Ungenutzte Potenziale" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt in nackten Zahlen, das dieses Bild offensichtlich nicht für alle Gruppen von Migranten gilt und demonstriert damit das Versagen der deutschen Integrationspolitik.

Mit Versagen der deutschen Integrationspolitik meine ich, dass der Staat bisher keine ausreichenden Anreize (sprich Zwänge) zur Integration gesetzt hat und wir jetzt Migranten in dritter Generation haben, die immer noch ohne Schulabschluss, ohne ausreichende Deutschkenntnisse und mit Null Berufsperspektiven dem Staat auf der Tasche liegen.
Das Versagen der Migrantenmilieus hängt mit diesem Zustand sicher auch zusammen.

Na sieh mal an

Auf einmal gibt es doch gebildete und ungebildete, bildungsfähige und unfähige, integrierbare und unintegrierbare Ausländer. Bisher wurde jeder, der einem Ausländer negative Eigenschaften bescheinigte von der ZEIT als rechtsradikal und ausländerfeindlich hingestellt.

Hat der protestierende Mob der letzten Wochen etwa selbst unsere linken "Intelektuellen" zum Nachdenken angeregt.

Ich bin nur gespannt, wie lange es dauern wird, bis wir nicht nur darüber reden, sondern auch entsprechend handeln.
(entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Die Redaktion/jk)

Aha, und warum sollen Ausländer nach den von Ihnen vorgebrachten Kriterien klassifiziert werden? Guter Ausländer, schlechter Ausländer?
Wie soll Ihrer Meinung nach "gehandelt" werden? Wollen Sie diejenigen, die Ihnen nicht gefallen, aufgrund ihrer mangelnden Bildung abschieben?
Nachdem sie 30 Jahre lang hier Steuern und Rentenbeiträge gezahlt und zur Steigerung der Wirtschaftskraft dieses Landes beigetragen haben?

Was ist mit ungebildeten Menschen ohne Migrationshintergrund? Was tut man mit deutschen HartzIV-Empfängern, die hier kein "Bein auf den Boden bekommen", abschieben (?), weil nicht würdig in diesem Land zu leben?

gez. eine linke, wahrscheinlich nicht "InteLektuelle", dafür erwiesen bildungsfähige Ausländerin

Konsequenz aus diesem Artikel?

Es scheint also doch eine Rolle zu spielen, um welche Herkunftsländer es sich handelt, wenn es um den Erfolg der Integration in die deutsche Gesellschaft geht. Des weiteren hängen Tempo und Erfolg der Integration sowie die damit verbundene Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung ganz offensichtlich vom Willen der Migranten ab, die nicht von der angeblich ausländerfeindlichen und rassistischen deutschen Bevölkerung daran gehindert werden, wie es von einigen Migrantenverbänden ständig verbreitet wird.

Somit sind auch die mangelhafte Integration von bestimmten Ausländergruppen in erster Linie auf deren mangelhaften Willen dazu sowie auf die fehlende Bereitschaft zurückzuführen, sich Bildung und Qualifikation zu erwerben. Dazu hätte es aber keines umfangreichen Artikels in der Zeit bedurft, sondern war jedem bekannt, der auch nur einigermaßen mit offenen Augen durch die Gegend läuft und die Dinge nicht ausschließlich mit der ideologischen Brille betrachtet. So what?

Respekt vor dem Ehrgeiz. Aber gute Noten in der Schule und an

der Uni garantiert kein Job, der so viel Arbeit und Druck gekostet hat. Intergration heißt ja Arbeit/Konsum in Industriegesellschaften. Vor kurzem gab's in der ZEIT einen Artikel über türkisch-stämmige Akademiker, die nicht mehr in DE leben und arbeiten wollen, weil sie nur Jobs finden (wenn überhaupt), die unter ihrer Fähigkeiten sind, und d.h. schlechte Bezahlung. Warum soll es anders für Vietnamesen sein? Oder entscheidet eigentlich die ethnische Herkunft über die Job-chancen, unabhängig davon, ob gebildet oder nicht, akzentfrei oder nicht?
So oder so ist das System krank! kapiert?

Das ist das gleiche Phänomen wie bei Deutschen ohne

Migrationshintergrund, die einfach nur in der falschen Wohngegend aufgewachsen sind. Die Arbeitsgeber sind dann einfach skeptisch, egal was der Einzelne kann. Das ist also auch kein spezifisch türkisches Problem, sondern ein Erfahrungsproblem der Arbeitgeber.
Frauen haben übrigens die gleichen Probleme, da sie ja vielleicht Kinder bekommen usw. usf.

Alle haben sie es schwer!

Es gibt auch genug deutschstämmige Akademiker, die in Deutschland nicht mehr leben und arbeiten wollen, bzw. die nach Schule und Studium keine Stelle bekommen haben. Ein Stichwort dazu ist z.B. "Generation Praktikum". Hier die ethnische Herkunft ins Spiel zu bringen hilft hier meiner Ansicht nach nicht weiter, dabei geht es nur wieder darum, sich irgendwie einen Opferstatus zu verschaffen. Und dieser Tage reicht ein Blick in die Zeitungen um zu sehen, daß die Lage nicht rosig aussieht -- für alle.

Gute Noten garantieren keinen Job, aber ist Bildung nicht auch ein Ideal für sich? Warum so kapitalistisch? Aber abgesehen davon können im Umkehrschluß schlechte Noten, am besten gepaart mit mangelhaften Deutschkenntnissen, rüpelhaftem Umgangston usw. durchaus eine Garantie dafür sein, später keinen Job zu finden, gell ;)!