Jurastudium Am Ende des Sonderwegs
Lange haben die Juristen aller Bundesländer fast geschlossen gegen den Bachelorabschluss und für das Staatsexamen gekämpft. Nun schwindet der Widerstand
Der Beschluss kam im üblichen Bürokratendeutsch daher – so verschwurbelt, dass man fast die bildungspolitische Sensation übersehen konnte, die sich hinter den Worten verbarg: »Angesichts der aktuellen Diskussion« einigten sich die 16 Landesjustizminister auf ihrer Herbstkonferenz in Berlin darauf, »anhand unterschiedlicher Modelle Möglichkeiten und Konsequenzen einer Bachelor-Master-Struktur einschließlich der berufspraktischen Phase« untersuchen zu lassen. Was der Satz wirklich bedeutete: Eine der letzten Bastionen der Bologna-Gegner war gefallen.
Bologna, das ist das mittlerweile weit bekannte Synonym für eine der größten Umwälzungen, die Europas Hochschulen jemals erlebt haben. Innerhalb weniger Jahre sollen sie alle ihre Studiengänge auf die international vergleichbaren, aufeinander aufbauenden Abschlüsse Bachelor und Master umstellen, so haben es Vertreter Dutzender europäischer Staaten 1999 in der gleichnamigen italienischen Stadt vereinbart.
Eine gewaltige logistische Herausforderung, die allerdings fast noch gemütlich wirkt angesichts der ideologischen Kämpfe, die besonders in Deutschland um Sinn und Unsinn der Reform entbrannten – zumal sich die mit ihr verbundenen Hoffnungen, mehr internationale Mobilität, ein schnelleres Studium, geringere Abbrecherquoten, bislang nur teilweise erfüllt haben. Professoren und Studenten spalteten sich in zwei Lager auf, durch Fakultäten und Hochschulen ging ein Riss, und während die einen sich übereifrig an den Umbau machten, hoben die anderen Verteidigungsgräben aus.
Die vermeintlich wirkungsvollste Abwehrstrategie ersannen die Juristen. Anstatt zu demonstrieren oder passiven Widerstand in irgendwelchen Hochschulgremien zu proben, setzten sie ihre mächtige Lobbymaschine in Gang: Kein anderes Fach verfügt über so viele Vertreter in den Parlamenten und Regierungen des Landes. Allein im Bundestag sitzen 143 Volljuristen, das ist fast jeder vierte Abgeordnete.
Die zweitgrößte Berufsgruppe, die Gymnasiallehrer, stellt gerade mal 34 Volksvertreter. Das Ergebnis der Lobbyarbeit: Im Koalitionsvertrag der Großen Koalition von 2005 steht zwar, dass der Bologna-Prozess ein »richtiger Schritt« sei, den es zu fördern gelte, in Bezug auf die Juristenausbildung aber heißt es lapidar: »kein Bedarf für neue Abschlüsse«.
Anders als die ähnlich widerspenstigen Mediziner und Ingenieure hatten sich Juristen damit eine einzigartige rechtliche Sonderstellung geschaffen, die ihnen Ruhe bis weit ins nächste Jahrzehnt hätte garantieren sollen. Doch es kam anders: Die Front der Bologna-Gegner begann bereits kurz danach zu bröckeln, lange Zeit fast unmerklich, bis sich sogar die ersten Justizminister aus der Deckung wagten. Uwe Döring zum Beispiel, Ressortchef in Schleswig-Holstein. Der SPD-Politiker sagt heute: »Die Reform muss kommen. Je früher, desto besser.«
- Datum 07.07.2009 - 19:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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Jura, Jura, Jura; leider scheint es in der Zeit Campus Rubrik kaum ein anderes Thema zu geben als die Juristen, deren Ausbildung und man höre und staune - rappende Juraprofessoren. Woran liegt das eigentlich? Haben die Redakteure alle selber Jura studiert? Da wünscht man sich gerade hinsichtlich des Bologna Prozesses doch etwas mehr Vielfalt in der Berichterstattung; verschiedene Studiengänge gibt es zu genüge. Wie wäre es mal mit Biologie, Gartenbau oder Architektur (alles so genannte MINT Fächer, deren Absolventen trotzdem oft Taxifahren). Oder mit einer Reportage über Gegenwart und Zukunft der Soziologie als Universitätsdisziplin. Abseits der Juristerei gibt es ausreichend Themenstoff im Bereich der Hochschulen, bitte mehr Abwechslung.
daß Sie gern in jeder Ausgabe alles behandelt sehen wollen? Ich finde eine von Ausgabe zu Ausgabe vorgenommene Schwertpunktsetzung nicht verkehrt, im Gegenteil.
daß Sie gern in jeder Ausgabe alles behandelt sehen wollen? Ich finde eine von Ausgabe zu Ausgabe vorgenommene Schwertpunktsetzung nicht verkehrt, im Gegenteil.
daß Sie gern in jeder Ausgabe alles behandelt sehen wollen? Ich finde eine von Ausgabe zu Ausgabe vorgenommene Schwertpunktsetzung nicht verkehrt, im Gegenteil.
Pardon.
Pardon.
Pardon.
Natürlich, muss ein Akademiker Taxifarer sein, ist immer das System schuld. Denn zu einem Examen gehört natürlich eine Jobgarantie. Da muss halt niveaumäßig angepasst werden. Man sieht es an der Gesetzgebung, die ständig von denen korrigiert werden muss, die nach alten Systemen gelernt haben. BHG und BVerfg.
Und zunehmend ist die Juristerei der politischen Strategie unterworfen. Die alte Idee der gleichberechtigten Individuen schwindet. Wir sind ja alle nur noch Verbraucher, die gefälligst geschützt werden müssen.
Des weiteren wird, wie jüngst zur Hatz IV Praxis mitgeteilt, die Rechtsprechung erst gar nicht beachtet. Also ein Aufgabengebiet für Juristen. Vielleicht sollten einige eine Zusatzqualifikation in Erwägung ziehen.
Und: In den traditionellen Bachelor Ländern ist es nicht leichter Anwalt oder gar Richter zu werden. Wer meint, eine geringere Qualifikation erhöhe die Jobchancen, irrt. Und das ist auch gut so.
"Denn zu einem Examen gehört natürlich eine Jobgarantie."
Natürlich ist das so - kann auch gar nicht anders sein in einem Gemeinwesen, das durchwegs von Anspruchsgrundlagen durchzogen ist. Damit meine ich keinesfalls die zivilrechtlichen solchen, sondern die Ansprüche, die das "System" allein durch seine Existenz hervorzurufen geneigt macht.
Ein System, das gewohnheitsmäßig jeden bemuttert, bevätert, beonkelt - ja welche Gewächse reifen denn unter diesem Strahlenkranz gutmenschlicher Wohlfühlseligkeit heran?
Unter anderem solche, die wie selbstverständlich erwarten, daß sie mit dem Examen in der Tatsche auf der Überholspur in Richtung "ziemlich weit oben, wofür hab' ich denn studiert" unterwegs sind.
"Denn zu einem Examen gehört natürlich eine Jobgarantie."
Natürlich ist das so - kann auch gar nicht anders sein in einem Gemeinwesen, das durchwegs von Anspruchsgrundlagen durchzogen ist. Damit meine ich keinesfalls die zivilrechtlichen solchen, sondern die Ansprüche, die das "System" allein durch seine Existenz hervorzurufen geneigt macht.
Ein System, das gewohnheitsmäßig jeden bemuttert, bevätert, beonkelt - ja welche Gewächse reifen denn unter diesem Strahlenkranz gutmenschlicher Wohlfühlseligkeit heran?
Unter anderem solche, die wie selbstverständlich erwarten, daß sie mit dem Examen in der Tatsche auf der Überholspur in Richtung "ziemlich weit oben, wofür hab' ich denn studiert" unterwegs sind.
"Denn zu einem Examen gehört natürlich eine Jobgarantie."
Natürlich ist das so - kann auch gar nicht anders sein in einem Gemeinwesen, das durchwegs von Anspruchsgrundlagen durchzogen ist. Damit meine ich keinesfalls die zivilrechtlichen solchen, sondern die Ansprüche, die das "System" allein durch seine Existenz hervorzurufen geneigt macht.
Ein System, das gewohnheitsmäßig jeden bemuttert, bevätert, beonkelt - ja welche Gewächse reifen denn unter diesem Strahlenkranz gutmenschlicher Wohlfühlseligkeit heran?
Unter anderem solche, die wie selbstverständlich erwarten, daß sie mit dem Examen in der Tatsche auf der Überholspur in Richtung "ziemlich weit oben, wofür hab' ich denn studiert" unterwegs sind.
ZEIT-Redakteur Wiarda reitet wieder mal sein Lieblings-Steckpferd, das journalistische Durchpeitschen des Bachelors, ausgerüstet mit einer gut gefüllten Kiste voller journalistischen Tricks, wie man durch geschicktes Formulieren die Faktenlage in ihr Gegenteil verdrehen kann. Viel Feind, viel Ehr' ist wohl das Motto, denn ausser bei den Vasallen der Bertelsmann-Stiftung kann von einer wachsenden Akzeptanz des Bachelors unter Fachleuten keine Rede sein.
Aber das schreckt Herrn Wiarda nicht: er weiss es besser, denn er hat (wenn ich da richtig informiert bin) selbst auch einen Master-Abschluss. Und wenn es einem guten Zweck dient, den selbstlosen Zielen derjenigen nämlich, die vom Umstrukturieren und Reformieren leben, dann kann man ja schon mal auf das sorgfältige Abwägen des Für und Wider verzichten. Viel schöner ist es ja, darüber zu schreiben, dass man eine Handvoll Leute gefunden hat, die auch für den Bachelor eintreten. Wer lesen kann, der lese: einzelne Stimmen, die es natürlich auch unter Juristen gibt, äußern sich optimistisch über den Bachelor, und für Herrn Wiarda ist das gleich ein Trendwende. Selbst diejenigen, die ausgesprochene Kritiker des Bachelor sind, z.B. Ministerin Merk, werden in Wiardas Text bei oberflächlichem Lesen zu Befürwortern. Aus der Tatsache, dass die Justizministerkonferenz sich (völlig zu recht) vornimmt, die Möglichkeiten und Konsequenzen der Bachelor-Master-Struktur zu prüfen (!!) konstruiert Herr Wiarda, dass irgendwelche Bastionen gefallen sind. Liebe ZEIT: seriöser Journalismus ist das nicht!
(Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)
Es war einmal eine Institution, die nannte man „Universität“. Da zogen viele junge Leute hin, um das zu genießen, was man die „akademische Freiheit“ nannte. Sie lasen Bücher, diskutierten und tranken Kaffee. Sie besuchten die Vorlesungen der Professoren oder auch nicht, denn es bestand keine Pflicht dazu. Es gab Übungen und Seminare, bei denen man tunlichst nicht allzu oft fehlen sollte. Man schrieb Seminararbeiten, ab und zu war eine Prüfung zu bestehen und am Ende noch eine Abschlussarbeit zu schreiben. Dann erhielt man eine Urkunde und hatte damit alle Chancen, eine gute Stelle zu erhalten. So vergingen zweihundert Jahre. Da setzte auf einmal ein Unwetter ein, und es hagelte Bestimmungen zur Umstrukturierung sämtlicher Studiengänge. Das Unwetter erhielt den Namen „Bologna“ und machte dem schönen Leben schnell ein Ende.
Hier geht es weiter: http://www.faz.net/s/RubC...
Das Verhalten der ZEIT, als Propagandaorgan der Bertelsmann Stiftung, daß sie auch bei anderen Themen unter Beweis gestellt hat (z.B Lissabon-Vertrag), ist mehr als peinlich. (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen dieser Art. Die Redaktion/jk)
Ihren Artikel in der FAZ habe ich gelesen, kann es nachvollziehen. Den Entschluss, auszusteigen, sollten Sie m. E., ohne mich aufdrängen zu wollen und meine folgenden Ausführungen vielleicht gar nicht teilen, noch einmal überdenken.
Gerade jetzt werden Menschen mit Ihrer Einstellung gebraucht. Und zwar an dem Platz, wo sie sind und mit dem, was sie gelernt haben. Denn Bologna ist überall. Bei den Regierenden in Europa und Deutschland, an den Schulen, in der Arbeitswelt und sogar im Zuge von Hartz IV.
Durch die Zunahme der Verteilungskämpfe, in Deutschland gerne auf die Globalisierung geschoben, entwickelt sich der ehemalige Sozialstaat und seine "Nebenstellen" zum bevormundenen Versorger und Bestimmer. Paradoxer ausgerechnet jetzt, wo die Anzahl der in seinen Diensten stehenden Akademiker noch nie so hoch war. Eigentlich müsste diese Tatsache ein Garant für Flexibilität bei der maximalen Suche nach der möglichen "Freiheit" sein.
Aber nein, neue Bedrohungen, neue, den Einzelnen und die Gesellschaft verändern sollende (natürlich zum Guten) Ziele und "politische" Notwendigkeiten, erfordern Bevormundungen und Regeln und ein gesellschaftliches Klima, für deren Boden früher eher geplante oder aufgezwungene Kriege verantwortlich waren. Immer verbunden natürlich mit dem Anspruch, die letzten Wahrheiten der Welt gefunden zu haben.
Und in einer solchen Situation haben die Populisten der Gleichheit, die letztendlich zur Entmündigung führt, Konjunktur. Es enthebt sie der wirklich anstrengenden Arbeit, Veränderung und Entwicklung zuzulassen und auszuhalten, und sie schaffen willfährige Diener zur Bewahrung der Pfründe. Mal sehen, wer sie jetzt aus ihren Tempeln vertreibt. Vielleicht bleibt nur Beharrlichkeit.
Ihren Artikel in der FAZ habe ich gelesen, kann es nachvollziehen. Den Entschluss, auszusteigen, sollten Sie m. E., ohne mich aufdrängen zu wollen und meine folgenden Ausführungen vielleicht gar nicht teilen, noch einmal überdenken.
Gerade jetzt werden Menschen mit Ihrer Einstellung gebraucht. Und zwar an dem Platz, wo sie sind und mit dem, was sie gelernt haben. Denn Bologna ist überall. Bei den Regierenden in Europa und Deutschland, an den Schulen, in der Arbeitswelt und sogar im Zuge von Hartz IV.
Durch die Zunahme der Verteilungskämpfe, in Deutschland gerne auf die Globalisierung geschoben, entwickelt sich der ehemalige Sozialstaat und seine "Nebenstellen" zum bevormundenen Versorger und Bestimmer. Paradoxer ausgerechnet jetzt, wo die Anzahl der in seinen Diensten stehenden Akademiker noch nie so hoch war. Eigentlich müsste diese Tatsache ein Garant für Flexibilität bei der maximalen Suche nach der möglichen "Freiheit" sein.
Aber nein, neue Bedrohungen, neue, den Einzelnen und die Gesellschaft verändern sollende (natürlich zum Guten) Ziele und "politische" Notwendigkeiten, erfordern Bevormundungen und Regeln und ein gesellschaftliches Klima, für deren Boden früher eher geplante oder aufgezwungene Kriege verantwortlich waren. Immer verbunden natürlich mit dem Anspruch, die letzten Wahrheiten der Welt gefunden zu haben.
Und in einer solchen Situation haben die Populisten der Gleichheit, die letztendlich zur Entmündigung führt, Konjunktur. Es enthebt sie der wirklich anstrengenden Arbeit, Veränderung und Entwicklung zuzulassen und auszuhalten, und sie schaffen willfährige Diener zur Bewahrung der Pfründe. Mal sehen, wer sie jetzt aus ihren Tempeln vertreibt. Vielleicht bleibt nur Beharrlichkeit.
"Der Bachelor ist der Studienabschluß für Studienabbrecher... Auf dem Papier, das heißt in den OECD-Statistiken, werden sich die zahlreichen Bachelors dann auch ziemlich gut machen... Zu den besonders pikanten Aspekten des Bologna-Prozesses gehört die Anrechnung von Studienleistungen nach dem European Credit Transfer System... Es gehört zu den Ironien der Weltgeschichte, dass die Marxsche Arbeitswertlehre, die von den Wirtschaftswissenschaften mit Abscheu ad acta gelegt wurde, in der europäischen Bildungsplanwirtschaft fröhliche Urständ feiert: Der Wert eines Studiums bemisst sich nach der dafür aufgewendeten durchschnittlichen Arbeitszeit" Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien: Paul Zsolnay 2006.
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