Diese Geschichte mit der Kakerlake in der Gruft von Nyamata zu beginnen hieße, die Vergangenheit über die Zukunft und das Grauen über die Hoffnung triumphieren zu lassen. Es würde bedeuten, Ruanda zu jenem Land zu machen, das es nicht mehr sein will: ein Schauplatz der Massenmorde, ein Ort der unheimlichen Stille, an dem Täter und Opfer nebeneinander leben müssen und das Entsetzen nicht schwinden will.

Inyenzi, Kakerlake, das war das Wort der Hutu für die Tutsi. Wie Ungeziefer sollten die Feinde vernichtet werden. Auch diese Kakerlake hier in der Grabkammer kämpft um ihr Leben. Sie versucht, auf den glatten Fliesen hinauf ins Licht zu kriechen. Und rutscht wieder und wieder zurück ins modrige Dunkel, in dem die Gebeine von 10.000 Menschen aufbewahrt werden, die vor 15 Jahren in der Kirche von Nyamata ermordet wurden.

Erzählte man aber allein von diesem Ruanda, würde man das kleine Land im Herzen Afrikas vergessen, das ein Wirtschaftswunder hervorgebracht hat. Und man würde den ungeheuren Willen seiner Bewohner vergessen, die versuchen, die Schrecken der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Credo Nabayo ist einer dieser Menschen, ein hochgewachsener, schlaksiger Bursche, 18 Jahre alt. Er führt uns durch seine Heimatgemeinde und zeigt uns die Kirche, in deren Regalen auch die Überreste seines Vaters liegen müssen. »Aber wir können nicht dauernd zurückschauen, das lähmt uns«, sagt Credo Nabayo. Der junge Mann will einen Handwerksbetrieb aufbauen, und alle Fertigkeiten, die er dazu braucht, lernt er gerade im Nelson Mandela Educational Centre. Die neue Berufsschule, in der 24 Lehrlinge ausgebildet werden, wurde von den Grünhelmen aufgebaut, einer Hilfsorganisation aus Deutschland, und Credo freut sich auf die Einweihungsfeier, die gleich beginnen soll.

Ein paar Tausend Leute aus dem Umland harren seit vielen Stunden in der brütenden Mittagshitze aus, es wird gesungen und getanzt. Rupert Neudeck, der Gründer der Grünhelme, ist aus Deutschland angereist. Er wird gleich eine Rede halten, und Alfred Biolek, der Talkmaster, den er mitgebracht hat, bereitet eine Bohnensuppe für die Ehrengäste zu.

Alle warten auf Paul Kagame, den Präsidenten, der das Zentrum persönlich einweihen wird. Credo bewundert diesen Mann. Denn das, was der Lehrling in seiner kleinen Welt in Ntarama anstrebt, plant der Staatschef in der Hauptstadt Kigali im großen Stil. Seine Regierung hat eine Vision verkündet. 2020 heißt sie. Das ist das Jahr, in dem sie verwirklicht sein soll. Es ist die Vision von einem politisch stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Land. Ruanda soll ein Modellstaat werden, der keine fremde Hilfe mehr braucht und sich aus eigener Kraft entwickelt. Allen Bürgern, Hutu und Tutsi, soll es irgendwann so gut gehen, dass sie ihre ethnischen Konflikte überwinden. Kagame will das Leben auf den tausend Hügeln modernisieren, Bildung, Arbeit und Wohlstand bringen und die alltägliche Not besiegen.

Der Staatschef spricht von Frieden, aber die Zuhörer jubeln nicht

Aber hat dieses kleine Land von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns überhaupt eine Chance, diese Ziele zu erreichen? Ruanda ist mit knapp neun Millionen Einwohnern dichter besiedelt als jeder andere Staat Afrikas, die landwirtschaftlichen Nutzflächen werden durch den Bevölkerungsdruck immer knapper. In manchen Distrikten sind zu wenig Nahrungsmittel vorhanden, ohne dass jemand wüsste, wie man das ändern könnte. Zugleich ist Ruanda eines der rohstoffärmsten Länder des Kontinents. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt jährlich 334 Dollar, 60 Prozent der Bewohner Ruandas leben an der Armutsgrenze. Auf dem Human Development Index, der den Entwicklungsstand von Staaten misst, nimmt Ruanda einen der letzten Plätze ein, knapp vor Afghanistan. Aber Ruanda hat einen Präsidenten, der einen Traum verwirklichen will.

Da rollen sie endlich heran, die Regierungsfahrzeuge, eine schwarze Kavalkade, begleitet von Leibwächtern. Aus einem gepanzerten Geländewagen steigt ein großer, hagerer Mann mit einem schmalen Gesicht. Taubengrauer Nadelstreifenanzug, hellblaues Hemd, keine Krawatte. Stramm wie ein Armeegeneral schreitet er in einem Sicherheitsabstand von drei Armlängen die Zuschauergalerie ab. Nicht ein einziges Mal macht er den Versuch, sich der Menge zu nähern. Die Menschen winken – pflichtschuldig, leidenschaftslos. Nicht so, als würde man den Retter und Befreier begrüßen, der 1994 an der Spitze der Rebellentruppe Front Patriotique Rwandais aus Uganda einmarschierte und das Regime der Völkermörder niederschlug.

Paul Kagame tritt ans Rednerpult unter dem Sonnendach. Man merkt schon nach den ersten Worten, dass er kein großer Volksredner ist. Seine Aussagen sind kurz, sie klingen metallisch. Manchmal lässt er am Ende eines Satzes seine Stimme in der Luft schweben, als wolle er noch etwas hinzufügen, wisse aber nicht recht, was. Den Zwischenapplaus nimmt er mit unbewegter Miene entgegen. Eigentlich müssten die Menschen jubeln, denn ihr Staatschef spricht von Frieden und Versöhnung und vom gemeinsamen Wiederaufbau. Aber die Menschen klatschen nur artig. Dicht gedrängt stehen sie jenseits eines zwanzig Meter breiten Cordon sanitaire, Opfer und Täter Seite an Seite. Hinter ihnen sieht man üppige Bananenhaine und grüne Hügel. Paul Kagame wirkt wie ein Fremder im eigenen Land.

Ob er sie immer noch fürchtet, die Männer, die nur darauf lauern, ihn umzubringen? Die Beteiligten des Völkermords, die er nun regiert und denen er die Hand reicht? Auch sie haben ihn mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt, aber Kagame scheint ihnen nicht recht zu trauen. Seine harte, undurchdringliche Miene lockert sich auch beim anschließenden Rundgang nicht auf. Er besichtigt die Werkstätten, stellt hin und wieder eine Frage, hört zu, nickt, lobt, schüttelt protokollgerecht die Hände der Lehrlinge. Als Credo Nabayo seinen Wochenplan erläutert, stützt der Präsident nachdenklich seinen Kopf auf die rechte Hand. Nur einmal lächelt er, als der Schulleiter sagt: »Du kannst aufhören!« Er sagt es zu einem Schüler, der schwitzend auf einem Fahrrad strampelt, um die Erzeugung elektrischer Energie vorzuführen.

Wer ist dieser Präsident, von dem man sich erzählt, er könne fünf Tage ohne Essen, Wasser und Rast durch den Busch wandern? Der mit seinem asketischen Gesicht, dem dünnen Oberlippenbart und der Studienratsbrille wirkt wie ein kühler Intellektueller? Den die einen als neue panafrikanische Leitfigur vergöttern, während ihn die anderen als Kriegsverbrecher verteufeln?

Paul Kagame, 1957 in Ruanda geboren, musste im Alter von vier Jahren vor den Pogromen gegen seine Volksgruppe, die Tutsi, ins Nachbarland Uganda fliehen. In seiner Biografie erzählt Kagame dem amerikanischen Journalisten Stephan Kinzer, wie ihn die Ungerechtigkeiten und Demütigungen im Exil lähmten.

»Ich wollte gegen alles in meinem Leben rebellieren. Ich fühlte eine Art undefinierter Wut. Man wurde immer daran erinnert, so oder so, dass man dort nicht hingehörte, nicht sein sollte. Man hatte keinen Ort, den man sein Eigen nennen konnte.« Vertrieben aus der Heimat, unerwünscht im Exil – in dieser Ausweglosigkeit reifte der Plan, Ruanda zurückzuerobern und von der Tyrannei der Hutu zu befreien.

Professoren, Priester, Ärzte – sie alle glauben an Paul Kagame

Trotz aller Benachteiligungen brachte es Paul Kagame zum Offizier in den ugandischen Streitkräften. Den militärischen Feinschliff erhielt er 1990 in der Eliteakademie der U.S. Army in Fort Leavenworth. Zurück in Afrika, begann er mit seiner Truppe, Ruanda zu attackieren. 1994 stürzten die Rebellen das Regime der Hutu und beendeten den Völkermord.

Seit neun Jahren ist Paul Kagame Präsident von Ruanda. Er regiert mit nahezu uneingeschränkter Macht. Seine Stimme hat Gewicht in der Afrikanischen Union, er zählt zu den einflussreichsten Politikern des Kontinents. Wie die Gründerväter des postkolonialen Afrika verkörpert er den Stolz und das Selbstbewusstsein einer Generation, die nicht mehr den weißen Herren dienen will.

In Ruanda trifft man viele Leute, die Kagame loben – Professoren, Priester, Ärzte, Arbeiter, Kleinbauern, Entwicklungshelfer. Verantwortungsbewusst und weitsichtig sei er, ein Garant für den zerbrechlichen Frieden, für Wachstum und Sicherheit. Politiker aus Westeuropa und den USA bewundern sein wirtschaftliches Zweckdenken, seine militärische Selbstdisziplin, sein Feingespür als globaler Netzwerker. Jene, die Kagame nicht loben, fürchten ihn, nennen ihn einen Diktator, der Konformität erzwinge, eine reine Tutsi-Herrschaft errichten wolle und Oppositionelle schikanieren lasse. Diesen Leuten muss man versprechen, nicht ein Wort zu schreiben, das auf ihre Identität hinweisen könnte.

Die Liste der Verbrechen, die man Kagame vorwirft, ist lang. Im Standardwerk über den Völkermord und seine Folgen, das Alison Des Forges im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geschrieben hat, ist den Vergeltungsaktionen seiner Rebellen ein ausführliches Kapitel gewidmet. Hinrichtungen, Massaker, Racheakte.

Der Schriftsteller Hans-Christoph Buch war im April 1995 Augenzeuge, als Kagames Soldaten im Lager von Kibeho wahllos auf Flüchtlinge schossen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen zählt Ruanda zu jenen Schurkenstaaten, die die Pressefreiheit unterdrücken und Regimekritiker verfolgen. Über all diese Vorwürfe spricht man in Ruanda nur hinter vorgehaltener Hand – wenn man überhaupt darüber spricht. Man warnt uns, dass Kagame das Gespräch abbrechen werde, wenn wir diese Themen erwähnten. Unsere Fragen müssen vorher eingereicht werden, der Termin des Interviews wird mehrmals verschoben. Es bleiben noch ein paar Tage Zeit, sich in der Hauptstadt umzusehen.

In Kigali ist von der Vision 2020 schon etwas zu spüren. Das Sonnenlicht spiegelt sich neuerdings in gläsernen Banktürmen, Bürohochhäusern und Hotels. Es gibt Computerläden und schicke Boutiquen, das Einkaufszentrum ist 24 Stunden geöffnet. In den Coffee-Shops wird wie überall in der globalisierten Welt Latte macchiato getrunken, und wenn die Dichte der Internet-Hotspots, Mobiltelefone und Geländewagen ein Gradmesser ist, dann befindet sich Kigali auf der Schnellstraße in die Moderne. Vorwärts, nur vorwärts! Die Verkehrsampeln funktionieren, die Trottoirs, die Abwasserrinnen, die Grünstreifen, alles einwandfrei. Vor Kurzem wurde Kigali als erste Stadt in Afrika mit dem World Habitat Preis ausgezeichnet, der nachhaltige Entwicklung prämiert.

Mittendrin liegt das Galette, Bäckerei, Metzgerei, Supermarkt, Restaurant und Reisebüro in einem, eine Art Mehrzweckfirma, die der Rheinländer Mike Fietzek aufgebaut hat. Er ist hier nach all den chaotischen Jahren heimisch geworden. »Kigali ist sauberer als Köln«, sagt er, während seine Kellnerin eine Currywurst serviert.

Auf den Hügeln rings um die Stadt standen bis vor wenigen Monaten noch mit Wellblech gedeckte Lehmhütten, in den kleinen Gärten davor wuchsen Obstbäume, Maisstauden, Süßkartoffeln. Jetzt ist da nichts mehr. Die Viertel wurden planiert, ihre Bewohner mussten weichen. Sie wurden entschädigt und zogen wieder hinaus in die Dörfer, aus denen sie kamen. Die Stadt spuckt die Menschen aus, die sie nicht brauchen kann, die das Tempo der neuen Zeit nicht mithalten können. Auf den Brachen wachsen backsteinerne Reihenhäuser, mit Alarmanlagen, breiten Garagenauffahrten und Unterkünften für das Hauspersonal. Demnächst zieht die neue Ober- und Mittelschicht ein, Nutznießer des Aufschwungs. Sie wurden als loyale Mitstreiter der Regierung mit wirtschaftlichen Führungspositionen bedacht oder bekleiden gut bezahlte Ämter im Staatsapparat.

Die neue Elite orientiert sich zwar am Westen, vor allem an Amerika, aber wenn man sich in den Unternehmen oder Ministerien umhört, scheinen ganz andere Leitbilder auf: Singapur, China, Entwicklungsdiktaturen, in denen die entfesselten Marktkräfte über die Demokratie gesiegt haben.

Afrikanische Großstädte gaukeln dem Besucher oft etwas vor. Könnte es sein, dass Kigali bloß eine potemkinsche Kapitale ist? Dass sich hinter den schmucken Fassaden der Stadt eine ganz andere Realität offenbart? Diese Skepsis verschwindet schnell, wenn man in eines der renovierten Amtsgebäude tritt, zum Beispiel die Banque Rwandaise de Développement. Auch hier drinnen wirkt alles aufgeräumt. Theogene Turatsinze, der Bankdirektor, sieht in seinem anthrazitgrauen Maßanzug wie ein smarter Anlageberater aus.

Der Präsident Kagame schaut dem Direktor von einem Wandbild aus über die Schultern. »Ruanda gehört laut Weltbank zu den besten Reformländern in Afrika«, berichtet Turatsinze stolz, »und die Ratingagentur Fitch, die das Investmentklima bewertet, hat uns gerade hochgestuft.« Dienstleistungen, Landwirtschaft, Tourismus, lauter Hoffnungsträger. Man wolle eine eigene Nahrungsmittelindustrie aufbauen und Agrargüter exportieren, Kaffee, Tee, Schnittblumen, Medizinalpflanzen. »Wir wollen unser Land führen wie ein Unternehmen.«

Nach drei Tagen hat ein Investor jetzt alle Papiere für seine neue Firma

Ein leerer Traum? Schon seit fünf Jahren wächst die Wirtschaft des Landes kräftig, für das abgelaufene Jahr rechnet man mit sechs Prozent Zuwachs. In Afrika schreiben nur Länder wie Angola, die Rohstoffe exportieren, bessere Zahlen. Internationale Unternehmen finden Ruanda plötzlich attraktiv. Chinesen, Araber, Amerikaner, Deutsche, Briten, alle sind hier willkommen. Der Staatsfonds Dubai World plant mit der Kempinski-Kette mehrere Hotels der Luxusklasse, hinter einem kilometerlangen Bauzaun entsteht mit Geldern aus Libyen ein weitläufiges Kongresszentrum.

Der größte private Anleger ist die Frankfurter Altira-Gruppe, ihr Fonds mit dem Namen African Development Corporation investierte in den Banken-, Immobilien- und Computersektor. Christian Angermayer, der Geschäftsführer von Altira, ist ein leidenschaftlicher Fan von Kagame. »Er versteht, wie man Investitionen anzieht, und er hat es geschafft, die Korruption nahezu zu eliminieren. Er will sein Land wirklich voranbringen. Und dafür arbeitet er bis zum Umfallen. Von dem Präsidenten Paul Kagame und seiner Disziplin und Motivation können deutsche Politiker nur lernen.«

Der Jungunternehmer Angermayer reist alle sechs Wochen nach Kigali. Er ist aufgestiegen in den Beraterkreis des Präsidenten, zu dem auch Tony Blair, Bill Clinton und Paul Wolfowitz, der frühere Chef der Weltbank, gehören. Und Joseph J. Ritchie, ein flamboyanter Geschäftsmann aus Amerika, der neuerdings die Entwicklungsstrategie im Rwanda Development Board koordiniert und seine Beziehungen zur Wirtschaftselite in den USA pflegt.

Ritchie wartet in der Empfangshalle des Serena, des neuen Fünfsternehotels, in dem sich alle treffen, die in Ruanda etwas zu sagen haben. »Call me Joe«, sagt er, und sogleich beginnt er – wie alle Lobbyisten – den Präsidenten in höchsten Tönen zu preisen. »Normalerweise mögen afrikanische Regierungen die Ratschläge von Außenstehenden nicht. Die Regierung von Kagame ist da ganz anders.«

Die Ergebenheitsadressen an Kagame klingen so, als sei man erleichtert, im dunklen Afrika endlich eine Lichtgestalt gefunden zu haben, einen umsichtigen Führer, der anders als die vielen korrupten Big Men seines Kontinents Verantwortung übernimmt und sich als Partner so verhält, wie es der Westen wünscht. Man wird misstrauisch, wenn man in Afrika solche Elogen hört. Denn zwischen Dakar und Daressalam haben schon viele Staatschefs als Hoffnungsträger angefangen, Nicéphore Soglo in Benin, Frederick Chiluba in Sambia, Robert Mugabe in Simbabwe, Mwai Kibaki in Kenia, und viele von ihnen endeten als Gewaltherrscher oder Kleptokraten. Ist es ausgeschlossen, dass Kagame denselben Weg geht? »Ausgeschlossen«, sagt Joseph Ritchie.

Die neuen Investoren sind meist begeistert von ihrer ersten Anlaufstelle, dem Gebäude, über dessen Dach ein überdimensionaler Tonkrug schwebt – dem One Stop Shop. »Es ist wie ein Paradies«, schwärmt Rahim Manji, der Manager des kenianischen Unternehmens SteelRwa, das in Ruanda demnächst eine Filiale eröffnen will. In Kigali muss er nicht als Bittsteller in schäbigen Amtsstuben buckeln und bestechen, hier begegnen ihm Freundlichkeit, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft. »Das ist einmalig in Afrika, wir sind auch im Kongo und in Angola aktiv, ein Albtraum, sage ich Ihnen!« In Ruanda dagegen werden alle Formalitäten in einem Tempo erledigt, das er bis vor Kurzem für unvorstellbar hielt. Visa für Facharbeiter? 30 Minuten. Zollerklärung? Höchstens drei Stunden. Firmenzulassung? Drei Tage, maximal.

Endlich, der Interviewtermin steht fest: 11 Uhr, im Amtssitz des Präsidenten, einer Palastfestung hoch über der Hauptstadt. Kagame empfängt uns in einem kahlen Raum neben dem Saal, in dem die Minister tagen. Er wirkt entspannt und aufgeräumt. Vor einer halben Stunde hat sein Kabinett beschlossen, die Unterrichtssprache Französisch abzuschaffen; künftig wird neben Kinyaruanda nur noch Englisch gesprochen, von der Grundschule bis hinauf zur Universität. Ein radikaler Bruch mit der postkolonialen Tradition. Das Verhältnis zwischen Kigali und Paris ist zerrüttet, weil die Franzosen das Regime der Völkermörder alimentiert hatten. Und weil die französische Strafjustiz gegen Kagame und neun seiner Getreuen internationale Haftbefehle erlassen hat. Der Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière wirft den ehemaligen Rebellen um Kagame vor, im April 1994 das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana abgeschossen und dadurch den Genozid gezielt ausgelöst zu haben.

Sie sind angeklagt, Herr Präsident!

Ein abschätziges Lächeln huscht über Paul Kagames Gesicht. Er sagt: »Dadurch wollen die Franzosen von ihrer eigenen Mitschuld am Völkermord ablenken: Wir haben nichts damit zu tun, es sind die Afrikaner, die sich gegenseitig umbringen… Ein französischer Dorfrichter glaubt, seine Gerichtsbarkeit auf ein souveränes Land ausdehnen zu können. Stellen Sie sich vor, ein ruandischer Dorfrichter würde einen europäischen Präsidenten anklagen!«

»Wir Afrikaner nehmen Europas Arroganz nicht mehr hin«

Kagame lacht, um seinen Ärger zu überspielen. Zum Inhalt der Anklage schweigt er. »Ein Dorfrichter aus Frankreich! Wir Afrikaner nehmen diese Arroganz nicht mehr hin, wir halten dagegen.«

Und die Verstrickung Ihres Landes in den Kongokrieg? Der kongolesische Präsident Joseph Kabila beschuldigt Ihre Regierung, eine Invasion zu planen.

»Kabila wird von der internationalen Gemeinschaft behandelt wie ein verwöhntes Kind. Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass er sein Land nicht regiert. Seit 14 Jahren sind die geflohenen Völkermörder im Kongo, der Weltgemeinschaft ist das bekannt, aber sie tut nichts dagegen. Kabila hat ein Abkommen unterzeichnet, die Völkermörder zu entwaffnen, doch er tut genau das Gegenteil: Er bewaffnet sie.«

Kabila behauptet, Sie würden insgeheim die kongolesischen Tutsi-Rebellen von General Laurent Nkunda unterstützen.

»Ganz ehrlich: Nkunda braucht doch keine Waffen von Ruanda. Er holt sie sich aus den kongolesischen Militärkasernen, die er erobert hat.« Kagame klingt sehr verärgert. »Nkunda und seine Truppe sind ein rein kongolesisches Problem, damit haben wir überhaupt nichts zu tun.«

Ein dunkles Kapitel, über das er nicht mehr reden will. Im nächsten Moment schaltet der Präsident wieder auf Gleichmut um. Immer wieder kommt er auf die helle Zukunft zu sprechen, als müsse sein Denken eine neue Richtung nehmen. Erinnert er sich an den Völkermord, dann führt er diese Gedanken weit von sich weg, klagt die Welt an, tatenlos zugesehen zu haben, und zieht sich am Ende auf den Satz zurück: »Uns Afrikanern wird eben ein geringerer menschlicher Wert beige- messen.«

Eine Stunde nimmt er sich für das Gespräch Zeit, er hört aufmerksam zu und antwortet präzise. Manchmal entsteht eine seltsame Nähe, ein Gefühl der Vertrautheit, als säße da ein Freund, dessen Sorgen man teilt. Aber schon im nächsten Moment blitzt jener andere Kagame auf, der arrogante, unheimliche Offizier, der generalstabsmäßig ein Regierungsprogramm durchzieht, in dem Widerspruch nicht geduldet wird.

Werden Sie von der Furcht getrieben, dass sich der Völkermord wiederholen könnte, Herr Präsident?

»Es soll nie wieder geschehen«, sagt Kagame. »Also dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. Das ist unsere Bestimmung, ich werde dabei nicht von Furcht getrieben.«

Aber es ist in Ihrem Land verboten, von Hutu und Tutsi zu sprechen.

»Nein. Ich nenne mich selber einen Tutsi. Wenn ich aber sage, dass mir durch meine Eth- nizität mehr Rechte zustehen, wenn ich also diskriminierend unterscheide, mache ich mich strafbar.«

Nie wieder darf der völkische Hass auflodern – das ist die oberste Maxime von Kagames Politik. Man kann sie nur auf dem Hintergrund des Völkermords verstehen. Erst 40 Urteile sprach das UN-Tribunal in Tansania gegen die Hauptorganisatoren, viele der in Ruanda verurteilten Täter kommen inzwischen aus den Gefängnissen frei. Und sie sind noch da, die Unversöhnlichen, die bis zum heutigen Tage Fememorde an Zeugen verüben, und die Hutu-Milizen, die in den Urwäldern des Nachbarlandes Kongo die dortige Zivilbevölkerung terrorisieren und Ruanda zurückerobern wollen. Die génocidaires, ein ungelöstes Folgeproblem der ruandischen Tragödie, gehören neben den Stammesmilizen, Kriegsfürsten und Kindersoldaten zu den Gewalttätern, die das unregierbare Staatswrack Kongo beherrschen.

Die Chaosmächte jenseits der Grenze bedrohen Ruanda, seine ehrgeizigen Visionen – und die Minderheit der Tutsi. Deshalb fürchtet sich Kagame so sehr davor, dass der ethnische Konflikt neu entflammt, sobald der Gedanke der Freiheit das Land infiziert. Demokratie? Rechtsstaatlichkeit? Erst möge Ruanda ökonomisch aufblühen, dann wird man weitersehen. Vorwärts, nur vorwärts! Kagame setzt auf ein Wirtschaftswunder, um die Gespenster der Geschichte zu vertreiben. Ärmel hochkrempeln, die Vergangenheit wegschaufeln.

»Wir werden es schaffen, unsere Elite will sich nicht bereichern«

Ruanda war einmal eine deutsche Kolonie, deswegen gehört das Land zu den Lieblingen der deutschen Entwicklungshilfe. Das war schon vor dem Völkermord so. Seit 1962 summierten sich die Leistungen der Bundesrepublik auf über eine halbe Milliarde Euro. Gemessen an der Größe, erhielt kein anderes afrikanisches Land mehr. Deutsche Delegationen sind im Land der tausend Hügel oft zu Gast. In Jahr 2008 waren 26 Abgeordnete des Bundestages und aus Landtagen in Kigali, zuletzt kam der Minister Sigmar Gabriel, um für umweltfreundliche Technologien zu werben.

Gelegentlich hört man unter den Deutschen auch skeptische Stimmen. Rainer Krischel von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hält das Wirtschaftswachstum angesichts der Bevölkerungsentwicklung nicht für ausreichend. »Selbst wenn alles optimal läuft, wird Ruanda es nicht schaffen, sich langfristig selbst zu ernähren.« Für den Entwicklungsexperten steht und fällt Ruandas Zukunft mit Kagame. »Auch die Hutu setzen große Hoffnungen in ihn. Aber was ist, wenn Kagame sie nicht erfüllt? Dann bleibt uns nicht anderes, als schnellstens die Koffer zu packen.«

Das Credo des Präsidenten, sich von Almosen unabhängig zu machen, steht in krassem Gegensatz zur immensen Entwicklungshilfe, die in sein Land fließt. Man kann diesen Widerspruch spüren, wenn man John Rwangomgwa besucht. »49 Prozent unseres Staatshaushaltes werden durch ausländische Geber finanziert«, räumt er ein. Rwangomgwa ist Generalsekretär im Finanzministerium, sein Büro in der Stadtmitte droht zu bersten, Berge voller Akten. »Noch sind wir von den ausländischen Geldern abhängig. Weil die Geber mitbestimmen wollen, haben wir keine hundertprozentige Souveränität.« Natürlich geht es ihm jetzt wie allen Finanzbeamten der Welt: Er kann die Folgen der globalen Wirtschaftskrise für sein Land nicht abschätzen.

Die Menschen in Ruanda müssen damit rechnen, dass die Direktinvestitionen aus dem Ausland ebenso einbrechen werden wie die massiven Hilfszahlungen. »Aber wir werden es schaffen«, betont Rwangomgwa so nachdrücklich, als wolle er sich selber Mut zusprechen. Und er fügt noch hinzu: »Unsere Elite will sich nicht bereichern, sondern strebt ein besseres Leben für alle an.«

Schöne Worte. Sie klingen nach Wunschdenken, sobald man in die Provinz des Landes fährt, hinaus nach Nyamata in die Verwaltungshauptstadt des Distrikts Bugesera, durch eine frisch geteerte Straße mit Kigali verbunden. Aber auf den großen Aufschwung warten die Leute noch immer. »Der kommt«, verspricht der Bürgermeister. »In fünf Jahren wird es auch bei uns ganz anders aussehen.« Sein Handy bimmelt jetzt schon zum fünften Mal. Er wimmelt den Anrufer ab und zählt die ehrgeizigen Entwicklungsprojekte in seiner Region auf; ein internationaler Flughafen solle gebaut werden, in den Fremdenverkehr wolle man investieren. »Aber noch fehlt es uns an gut ausgebildeten Leuten«, sagt er.

Hier ist noch Afrika, während in Kigali, keine dreißig Kilometer entfernt, schon China ist oder Dubai. Im Zentrum des Landes dreht sich das Rad des Fortschritts so schnell, dass die Menschen am Rand nicht mehr mithalten können. Die Mehrheit des Landvolks muss von dem überleben, was die winzigen Felder hergeben. Viele von ihnen wissen nicht, ob sie morgen etwas zu essen haben.

Im Ballsaal des Hotels Serena in der Hauptstadt hat sich die Nachwuchselite des Landes versammelt, 450 Wirtschaftsstudenten und Jungunternehmer, die von erfolgreichen Mentoren lernen sollen. Unternehmergeist, das ist heute das Thema. Jeanette Kagame, die First Lady, hat zu dieser Konferenz geladen, und als ihr Ehemann ans Rednerpult tritt, kippt die Stimmung ins Ehrfürchtige. Kagames Rede gerät zu einem Traktat über den afrikanischen Stolz und die immer gleichen Vorurteile der Weißen. »Wenn wichtige Institutionen über Wirtschaft und Unternehmen diskutieren, erwähnen sie Afrika nicht einmal nebenbei. Aber warum sollten sie auch von uns reden, wenn wir es nicht schaffen, von uns reden zu machen? Wenn wir nicht danach streben, relevant zu sein, und dafür sorgen, dass sie uns respektieren?« Mittelmäßigkeit, sagt Kagame, habe in Ruanda keinen Platz. »Wir müssen uns auch davon befreien, dass der Rest der Welt meint, er wisse, was gut ist für uns.«

Wer spricht hier? Der Präsident, der die Jugend des Landes anspornt? Der Oberbefehlshaber, der seine Soldaten drillt? Der Wirtschaftsboss, der den Angestellten seiner Ruanda AG die Strategie vorschreibt? Oder der Flüchtlingsjunge, den die Vertreibung demütigte? »Eine Regierung zu führen ist eigentlich nicht der richtige Job für mich«, sagt Kagame zum Schluss. »Stets habe ich das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Ich glaube, ich bin einfach nur ein Geschäftsmann.«

Soldatische Kaltschnäuzigkeit verbindet sich mit Weitsicht

Das klingt bescheiden und zugleich kokett, dieses öffentliche Bekenntnis von Paul Kagame, dem Lichtbringer und Schattenmann. Seine Klugheit, Entschlusskraft, Weitsicht, Unbestechlichkeit und die geradezu protestantische Genügsamkeit sprechen für die Hoffnung; sein Wille zur Macht, die soldatische Kaltschnäuzigkeit, der tiefe Argwohn gegenüber Teilen des eigenen Volkes, das an Unfehlbarkeit grenzende Selbstbild sprechen für die Enttäuschung nach der Hoffnung.

Wie auch immer die Geschichte Ruandas weitergeht, auf eine Unwägbarkeit haben Paul Kagame und seine Regierung keinen Einfluss: auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. Vor wenigen Tagen ließ die Kempinski-Gruppe mitteilen, ihre Hotelprojekte in Ruanda seien im Moment nicht mehr machbar. Dem Investor Dubai World ist das Geld ausgegangen.