Clint Eastwood ist der Namenlose Reiter des amerikanischen Films. Kein Schauspieler-Regisseur-Produzent kann auf eine längere und eigenartigere Karriere zurückblicken. Mit Der fremde Sohn präsentiert er seine bislang düsterste Story: Ein Serienkiller entführt und massakriert Kinder – eine Geschichte, die einem den Atem verschlägt, als säße man in einem Monstrositätenkabinett.

Die meisten Eastwood-Filme sind eine Auseinandersetzung mit der Gewalt. Der Regisseur, 1930 in San Francisco geboren, hatte eine unstete Kindheit, besuchte immer neue Schulen, während der Vater von Job zu Job zog. Zum ersten Mal fiel er in den 1950ern auf, als er in der erfolgreichen Westernserie Rawhide den Rowdy Yates spielte, einen gut aussehenden, etwas tumben Cowboy. Sergio Leone besetzte ihn dann als wortkargen Revolvermann Blondie, den Mann ohne Namen, in Eine Handvoll Dollar (1964), in Für ein paar Dollar mehr (1965) und Zwei glorreiche Halunken, drei Klassiker, die eine neue Gattung Western hervorbrachten, in dem Gewalt mit Komik einhergeht. Damit definierte Leone die gnadenlose Lakonie Eastwoods als Schauspieler und Regisseur. Die heute abgenutzt wirkenden Dirty Harry- Filme zeigen die faschistische Kehrseite des Mannes ohne Namen; Inspektor Callahan ist ein Rambo ohne Leones Witz.

In Sadistico (1971), seiner ersten Regiearbeit, spielt Eastwood einen Discjockey, der von einem weiblichen Fan belästigt wird; es ist eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Ruhm und dem Starrummel – vielleicht sind wir ja alle Stalker, die gierig sind auf das Blut unserer großen Stars. Hier zeigte sich eine grüblerische, dunkle Seite, die sich weiter entwickelte in Erbarmungslos (1992), einem Western, der fast an einen Film Noir erinnert.

Noch dunkler war Mystic River (2003) über die Entführung und den sexuellen Missbrauch des jungen Dave Boyle. Sean Penn spielt den Ex-Ganoven Jimmy Markum, dessen Tochter brutal ermordet wird. Jimmy verdächtigt Dave Boyle (Tim Robbins), seinen Jugendfreund, der inzwischen sein Schwager ist. Dave hat die Entführung nie bewältigt, sein merkwürdiges Verhalten und die Blutspuren auf seiner Kleidung machen ihn für Jimmy verdächtig. Der bringt ihn dazu, die Tat zu »gestehen«, tötet ihn und wirft die Leiche in den Mystic River. Sean Penn erscheint wie ein gemeißelter Blitz, in seiner Ruppigkeit und Zerbrechlichkeit erinnert er an Marlon Brandos raue Schönheit auf der Leinwand. Sein Jimmy Markum verkörpert das Böse, die Wut und die perverse Poesie der Gewalt.

Angelina Jolie spielt eine Art Lara Croft im Los Angeles der Zwanziger

Der fremde Sohn nun spielt 1928, in Los Angeles. Zuerst fällt einem das brutale Licht auf, die gleißende Sonne. Doch auch bei Innenaufnahmen werden wir nicht geschont. Ob in der Irrenanstalt, einer Polizeiwache, im Gerichtssaal oder in einem ruhigen Haus, immer vermittelt sich die beklemmende Atmosphäre eines Höhlenlabyrinths. Nach den ersten Szenen ist man ganz geblendet und auch ein wenig verwirrt. Christine Collins (Angelina Jolie) wacht in ihrer Bungalowhöhle auf, fährt mit ihrem neunjährigen Sohn Walter Straßenbahn, dann sehen wir sie an ihrem Arbeitsplatz, sie ist Aufseherin bei einer Telefongesellschaft – auf Rollschuhen gleitet sie zwischen den Telefonistinnen hin und her, wie ein Zirkuswesen oder ein halb schlafender Engel. Irgendetwas ist hier überhaupt nicht in Ordnung.

Christine ist alleinerziehende Mutter, ihr Macker hat sich noch vor Walters Geburt aus dem Staub gemacht. Mit ihrem Bubikopf, dem topfartigen Hut und dem knallroten Lippenstift, der fast das ganze Gesicht dominiert, sieht sie aus wie eine Karikatur aus den zwanziger Jahren. Einige amerikanische Kritiker haben eingewendet, Jolies »Aura«, ihre atemberaubende Schönheit, stehe ihrer Rolle im Weg. Das finde ich nicht. Ebenjene verblüffende Schönheit hat etwas Hypnotisierendes. Jolie ist Lara Croft, die in die Höhlen von L. A. eindringt, bewaffnet mit ihren rot geschminkten Lippen und ihrer aberwitzigen Power.