Kunst Meister Eder

Kitsch oder Kunst? Die Dresdner Galerie Neue Meister gibt die Antwort und adelt den Maler Martin Eder, gerade mal 40 Jahre alt, mit einer Retrospektive

Jeder gute Schinken reift am besten in einem dafür geeigneten Raum. Die Räucherkammer für Martin Eders Leinwände ist die Galerie Neue Meister in Dresden. Der altehrwürdige Lipsiusbau mit seiner Glaskuppel bietet den 35 monumentalen Arbeiten einen spektakulären Platz zum Abhängen und zur Entfaltung. Eine hochkarätige Ausstellungsstätte: Van Gogh hängt hier und Gerhard Richter. Und vom 31. Januar an Eder, der gerade mal 40-Jährige: Der dunkle Grund ist der Titel der Ausstellung .

Eders Leinwände zeigen Fleischliches, und sie riechen nach Unerhörtem. Manch Ungläubiger mit sensibler Nase schwört, dass die einzige Meisterschaft des Künstlers darin bestehe, sich mit dieser Schau selbst zu inthronisieren. Diese Ungläubigen sind es, die bei Eders Werken sofort an Kitsch, Lolitas und Sex denken. Eder selbst erträgt dies mit der Gelassenheit eines Dandys. Den gibt er gelegentlich auf der Bühne. Als summender Romantiker namens Richard Ruin intoniert er mit seiner Band einen Sound, dessen Endzeitstimmung gut zu den Bildern passt.

Eder, der melancholisch-rückwärtsgewandte Maler, spielt in seinen Arbeiten auf große romantische Burschen wie Caspar David Friedrich an, dessen Arbeiten ebenfalls in der Galerie Neue Meister zu bewundern sind. Das eigentlich Meisterhafte an Eders Leinwänden aber ist ihre Verführungskraft. Der Betrachter wird mit seinen eigenen ungeheuerlichen Gedanken konfrontiert.

Am Abend etwa zeigt eine nackte Dame, die einen Kopf beim Schopfe hält. Der Enthauptete sieht aus wie Eder selbst, die Szene erinnert an Caravaggios David mit dem Haupte Goliaths, doch interessanter ist die Frage, ob die schlagkräftige Dame vorher mit dem Enthaupteten geschlafen hat, so wie es die beiden Käfer neben ihr tun. Und die Lady in roten Kniestrümpfen aus dem Bild Die Vorstellung – wird sie sich nach vorne beugen und die Kobra küssen? Hat man das von einem Brot abbeißende Mädchen etwa bei einer Intimität ertappt?

Sagt ein wohlerzogener Betrachter, zum Voyeur geworden, nun beschämt »Pardon«, haben Eders Figuren ihren Job als Schauspieler erledigt. Sie schauen uns dabei zu, wie wir in den dunklen Grund unserer Fantasie hinabtauchen. "In meinen Bildern ist der Betrachter immer das Opfer", sagt Martin Eder.

Seine Figuren sind clevere Lügner, die ihre wahren Befindlichkeiten vertuschen. So wie der scheinbar vor Kraft strotzende Perserkater (siehe übernächste Seite), der eigentlich um Hilfe maunzt, wie der gleichnamige Titel der Leinwand offenbart.

Eder konstruiert seine schönen Bilder wie ein Architekt. Doch es gibt kein kuscheliges Arkadien. Seine Landschaften und Zimmer sind krank, manche scheinen die Röteln zu haben. Dann befallen rote Farbsprengsel zarte Mädchenpopos und Wände. Dieser Meister spielt mit einem Hauch von Ruin. Allein der Betrachter entscheidet, wann er sich aus diesem unwegsamen Gebiet zurückzieht. Dann wendet er seinen Blick von den Leinwänden ab. Er wird sich sicher noch einmal umdrehen.

 
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