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Manchmal bedarf es gar nicht offizieller Faxbriefe und des ausdauernden Antichambrierens, um ein Interview mit dem Außenminister Russlands zu ergattern. Es reicht ein bisschen Spielerglück. Jedes Jahr im Januar nimmt sich Sergej Lawrow Zeit, um die in Moskau akkreditierten Auslandskorrespondenten zu einem Empfang einzuladen. Zu den traditionellen Belustigungen zählt eine Lotterie. Aus der Lostrommel, in der die Visitenkarten der Journalisten liegen, werden die Preisträger des Abends gezogen: Mal gibt es einen Gutschein zum Kurzaufenthalt im Sanatorium des Außenministeriums unter verschneiten Birken, mal einen Schal oder eine Krawatte. Doch am Montag überraschte Lawrow mit einem bis dahin ungekannten Sonderpreis: einem 30-minütigen Interview. Das Los fiel auf den Kollegen der chinesischen Regierungsnachrichtenagentur. Das Gespräch mit dem wohlgesinnten Korrespondenten aus dem Nachbarland von strategischer Bedeutung beflügelte Lawrow. Zu seiner Gönnerlaune gesellte sich maskuliner Charme à la russe, als er am Buffettisch das Wodkaglas erhob und als zweiten Sonderpreis ein weiteres 30-minütiges Interview auslobte. Diesmal allerdings unbedingt für eine Frau. Die Spannung stieg, bis endlich die Visitenkarte einer Journalistin gezogen war. Das Losglück blieb Lawrow hold: Der Interviewpreis ging an die Vertreterin der kubanischen Nachrichtenagentur.

Vielleicht ist dem Künstler David Cerny noch gar nicht klar, welch grandioses Werk er vollbracht hat. Seit Anfang Januar hängt eine gigantische Installation des Tschechen im Brüsseler EU-Ratsgebäude. Sie zeigt die 27 Mitgliedsländer als eigenwillige Skulpturen in einem Ausstanzrahmen. Die meisten der Allegorien sind zwar ausgesprochen unoriginell – Holland ist eine Flut, aus der nur noch Minarette herausschauen, Schweden ein Ikea-Karton und Deutschland ein Autobahnnetz, in dem stereotyp denkende Menschen ein Hakenkreuz erkennen können. Aber Können, Mut und Komik kann man Cerny nicht abstreiten. Er hat die tschechische Ratspräsidentschaft genarrt, indem er einfach alle Skulpturen selbst anfertigte, statt sie (Vielfalt, wichtig in der EU!) auf 27 europäische Ateliers zu verteilen. Sicher, man mag es anstößig finden, dass Cerny Bulgarien als Stehtoilette darstellt. Aber: Stehtoiletten werden im Sprachgebrauch der Sanitärindustrie als Turkish Toilets bezeichnet, und Bulgarien war bekanntlich jahrhundertelang Teil des türkischen Osmanischen Reichs. Und ist es nicht so, dass in Bulgarien jedes Jahr viele Millionen Brüsseler Fördermittel versickern, gewissermaßen weggespült werden? Der bulgarische Botschafter freilich fordert, das Klo müsse verschwinden, und die Tschechen wollen ihr Geld zurück. Bisher hatten wir gedacht, das europäische Imperium unterscheide sich vom Osmanenreich gerade dadurch, dass die Kunstfreiheit der Nationalheiligkeit vorgehe.

In unserem Haus gibt es Geister. Manchmal hört es sich an, als schreite jemand durch die Wohnung. Dann wieder, ganz nah, Stimmen. Zeit, eine Expedition durch das mehr als hundert Jahre alte Gebäude zu unternehmen. Sie beginnt mit einer Entdeckung: Eine unscheinbare Tür im Hausflur führt in ein zweites Treppenhaus. Das ist schäbiger als das unsrige, die Treppe atemberaubend eng und aus Stufen, die Geschichten erzählen könnten. Hintertreppenromane. Oder Agentenromane; immerhin ist das Innenministerium unser Visavis. Die Stufen knarzen. Allenthalben Türen wie in einem Bauschuppen, allerdings nagelneue Vorhängeschlösser dran. Intakte Etagenklos. Allmählich wird uns klar, dass die vielen netten adretten Unbekannten, die irgendwoher den digitalen Code unserer Haustür kennen, ebenfalls Hausbewohner sind. Wir wissen mittlerweile auch, warum Einladungen zum Abendessen zu Hause heikel sein können: wegen der Gegeneinladung. Vielen Parisern fehlt der Platz, für mehrere Personen zu kochen und zu servieren. Wer es sich leisten kann, geht ins Restaurant. Einige Etablissements in Paris veranstalten Couscous-Abende zu Dumpingpreisen, manchmal kosten auch nur die Getränke etwas. Not macht erfinderisch. Oder sportlich. Jugendliche sparen sich das Geld für die Metro, indem sie über die Drehkreuze springen. Jeder wie er kann. Freunde, in deren Wohnung die Heizung ausgefallen ist, erzählen von ihrem Vermieter. Er ist im Hauptberuf Finanzier und seit Wochen nicht mehr zu erreichen.

 
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