Gesellschaftskritik Monarchie, zur Schrumpfform degradiert
In einer neuen Rubrik deutet das ZEITmagazin eine Frage des gesellschaftlichen Lebens. Diesmal: das merkwürdige Benehmen von Prinz Harry

© Shaun Curry/AFP/Getty Images
Bereitet der Queen bisweilen Kummer: Prinz Harry
"Ein Mann", heißt es an einer berühmten Stelle in Lessings Nathan dem Weisen, "bleibt da / Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt / Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, / Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern."
Damit ist ein Hauptunterschied zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Monarchie benannt. Erstere beruht auf dem Prinzip der Leistung, der autonomen Selbstsetzung, Letztere ist dem Zufall unterworfen. Zufall insofern, als dass etwa ein Thronfolger sich nicht entschließt, Thronfolger zu werden. Er ist es aus genealogischer Folgerichtigkeit heraus, aus göttlich konnotierter Abstammungslinie. Ein Thronfolger bleibt Thronfolger, auch wenn er sich notorisch danebenbenimmt, ein Bundesminister kann schon durch seine unbedachte Wortwahl, eine kleine Entgleisung gestürzt werden.
Seit je gilt als Problem eines Königshauses, dass sich sein Personal nur bedingt, qua Heiratspolitik, aus strategischen Entschlüssen heraus rekrutieren kann. Ansonsten ist man darauf angewiesen, was da so heranwächst. Don Carlos, spanischer Infant im 16. Jahrhundert, soll Diener gezwungen haben, ein Paar Stiefel zu kochen und aufzuessen. Don Carlos galt als unausgeglichen und unfähig und wurde deshalb unschädlich gemacht (finsteres Gefängnis, Flutung seiner Zelle mit kaltem Wasser und so weiter).
Auch die britische Monarchie kennt das Problem unausgegorenen Nachwuchses. Der 24-jährige Prinz Harry, Nummer drei in der britischen Thronfolge, hat, wie gerade bekannt wurde, vor drei Jahren einen Kollegen seiner Militärakademie als "unseren kleinen Paki-Freund" bezeichnet – und das auch noch auf Video aufgezeichnet. Die Bezeichnung "Paki" wird in Großbritannien abwertend für Pakistaner verwendet und sorgte für entsprechende Missstimmung. Cannabiskonsum musste er bereits eingestehen, übermäßigen Alkoholgenuss, den Besuch einer Party im Nazikostüm. Man nennt ihn seither gar nicht unzutreffend "Dirty Harry".
Die strikten Konventionen monarchischer Etikette waren stets das Korrektiv für die Narrenfreiheit, die sich aus dem puren Zufall der Genealogie ergab. Das schützte sie nie vor wahnsinnigen Herrschern und unreifen Infanten, die man, notfalls mit Gewalt, aus Staatsräson ihres Machtanspruches berauben musste.
Nun ist es im Zeichen einer von der Öffentlichkeit halbwegs gut bewachten Rechtsstaatlichkeit schlechterdings nicht möglich, Dirty Harry auf althergebrachte Weise, nämlich mit Gift oder Kerkerhaft, zu entfernen. Man muss mit ihm leben. Das ist die Tragik der zur Schrumpfform degradierten, einst so glorreichen Monarchie, die ihren Reiz nur noch aus höhnischem Pressetratsch bezieht.
- Datum 23.01.2009 - 16:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
- Kommentare 5
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Nun hoert der Spass aber auf! Ein ungestuemer, junger Mann soll vergiftet, ersaeuft oder eingekerkert werden im Namen der ach so erhabenen Political Correctness, da wird ja der Hund in der Pfanne verrueckt! Prinz Harrys kleine, jugendliche Entgleisungen, fuer die er sich uebrigens immer sehr anstaendig entschuldigt hat, sind ja wahrlich nur Muecken im Vergleich mit dem elefantienen Schmarren, den Herr Soboczynski da zusammen geschrieben hat!
Besonders bemerkenswert ist hier auch die Herabsetzung der Institution der Monarchie im Vergleich zum individuellen Leistungsprinzip. Da fragt man sich ob Herr Soboczynski an ideologischer Blindheit leidet. Ein kurzer Blick auf diverse europaeische oder amerikanische Politiker und Wirtschaftsgroessen, alle durch das ach so hehre Leistungsprinzip nach oben gekommen, foerdert nicht unbedingt das Vertrauen in die Unfehlbarkeit solcher Ideale. Im Uebrigen ist Prinz Harry ja nur an dritter Stelle in der Thronfolge einer konstitutionellen Monarchie. Sein aelterer Bruder, Prinz William, hat Zeit seines Lebens grossen Aplomb und einwandfreien Stil und Charme im Umgang mit der Oeffentlichkeit bewiesen.
>... vor drei Jahren einen Kollegen seiner Militärakademie als "unseren kleinen Paki-Freund" bezeichnet – und das auch noch auf Video aufgezeichnet. (...) Cannabiskonsum musste er bereits eingestehen, übermäßigen Alkoholgenuss, den Besuch einer Party im Nazikostüm. Man nennt ihn seither gar nicht unzutreffend "Dirty Harry".<
Verluste des britischen Empires im I. Weltkrieg - ca. 850.000
Großbritannien II. Weltkrieg - ca. 390.000
Besser erst einmal nachdenken, die Queen und Charles an dem Dussel leiden lassen und sich bitte daran erinnern, dass GB Deutschland den NWDR und demokratische Prinzipien beschert hat.
Seinerzeit glücklicherweise ohne eingebaute Political-Correctness-Zensur.
Grossbritannien hat auch die Konzentrationslager zur deutschen Geschichte beigesteuert.
Hinzu kommen noch 42 Millionen Opfer der britischen Raj, die Hitler so imponiert haben, dass er es mit den Juden gleich nachmachen wollte.
Ja, der britische Humor hat es in sich...
Grossbritannien hat auch die Konzentrationslager zur deutschen Geschichte beigesteuert.
Hinzu kommen noch 42 Millionen Opfer der britischen Raj, die Hitler so imponiert haben, dass er es mit den Juden gleich nachmachen wollte.
Ja, der britische Humor hat es in sich...
Es gab in der Geschichte sehr wohl Beispiele für eine Monarchie die nicht auf Gottesgnadentum beruhte. Im römischen Kaiserreich gab es z.B. die fast 100-jährige Episode der Adoptivkaiser. Der Kaiser wählte dabei einen charakterlich passenden Mann aus (oder besser mehrere, hierarchisch angeordnete Männer), der sich bereits in der Verwaltung, z.B. als Provinzgoverneur, positiv hervorgetan und als fähig erwiesen hatte und adoptierte ihn als seinen Nachfolger. Größter Vorteil war, neben der Gewissheit einen kompetenten Monarchen zu bekommen, dass die leiblichen Kinder der Kaiser keinen Grund zum Abheben oder zur Arroganz hatten - sie waren nämlich rechtlich gesehn nur einfache Bürger und keine Prinzen, Prinzesinnen o.Ä.. Priviligiert zwar hinsichtlich ihres Vermögens, aber das ist der heutige "Geldadel" ja auch.
Warum sollte das nicht auch in Europa möglich sein? Das Gottesgnadentum ist schließlich schon lange abgeschafft...
Grossbritannien hat auch die Konzentrationslager zur deutschen Geschichte beigesteuert.
Hinzu kommen noch 42 Millionen Opfer der britischen Raj, die Hitler so imponiert haben, dass er es mit den Juden gleich nachmachen wollte.
Ja, der britische Humor hat es in sich...
Na ja, dass die Monarchie eine anachronistische Staatsform ist, hat man in anderen europäischen Ländern schon vor 220 Jahre erkannt.
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