»Europa braucht Zeit«

Der Chef des Gentechnik-Konzerns Monsanto, Hugh Grant, ist überzeugt: Bald wollen die EU-Bauern seine Hightech-Saat. Ein Interview

DIE ZEIT: Als Sie antraten, war Monsanto wegen seiner Riesenverluste bei Aktionären fast so verhasst wie bei Umweltaktivisten. Inzwischen machen Sie – trotz aller Kritik – Rekordgewinne. Wie haben Sie das geschafft?

Hugh GRANT: Wir haben früh erkannt, dass eine wachsende Weltbevölkerung mehr Nahrung braucht. Schauen Sie sich China an, die Äcker dort werden nicht größer. Dass Chemie nur begrenzt helfen würde, war schon meinen Vorgängern klar. Deshalb setzten sie auf besseres Saatgut, auf Genetik. Ich habe diesen Prozess dann beschleunigt. Heute investieren wir in diesen Bereichen drei Millionen Dollar pro Tag und so gut wie nichts mehr in die Erforschung von Chemikalien. Und inzwischen trauen wir uns zu, die Erträge bei Mais, Soja und Baumwolle in den nächsten 20 Jahren zu verdoppeln.

ZEIT: Ist dieser Schwur nicht überambitioniert, wenn man bedenkt, dass Gensaatgut lange Zeit weniger Erträge lieferte als konventioneller Samen?

GRANT: Das ist kein Schwur und auch nicht überambitioniert, sondern ein erreichbares Ziel.

ZEIT: Mit Zielen ist das in Ihrer Branche so eine Sache. Seit Jahren hören wir von Impfbananen, glutenfreiem Weizen und gesunden Ölen. Aber im Sortiment dominieren Körner mit eingebautem Insektizid und Herbizidtoleranzen, die allenfalls Bauern glücklich machen. Wann erfüllen Sie Ihre Versprechen den Verbrauchern gegenüber?

GRANT: Das tun wir, und zwar mit unserer Sojasorte Vistive. Weil Sojaöl leicht ranzig wird, behandelt die Industrie es normalerweise mit Wasserstoff, um es haltbar zu machen. Dummerweise erzeugt dieser Prozess sogenannte Transfettsäuren, die den Cholesterinhaushalt des Menschen durcheinanderbringen und die Blutgefäße schädigen. Wir haben unseren Sojabohnen deshalb die verderblichen Bestandteile weggezüchtet. Das Öl muss nicht mehr behandelt werden. Und Kentucky Fried Chicken und andere Schnellimbissketten, die viel Fett verbrauchen, sind davon ganz begeistert.

ZEIT: Damit hätten wir ein weniger ungesundes Produkt – und wann kommen die Gesundmacher?

GRANT: Mit der nächsten Generation dieser Sojabohne. Wir rüsten sie so auf, dass ihr Öl alle Qualitäten des Olivenöls haben wird – vom Geschmack vielleicht abgesehen. Diese Bohne werden wir wohl 2013 oder 2014 auf den Markt bringen.

ZEIT: Eine Bohne? Nach so vielen Jahren?

GRANT: Forschung und Entwicklung brauchen Zeit.

ZEIT: Ist es nicht vielmehr so, dass Sie sich aus den sensiblen Nahrungsbereichen weitgehend zurückgezogen haben, weil sich mit Faser- und Futterpflanzen leichter Geld verdienen lässt?

GRANT: Ich sehe da keinen Gegensatz. Soja, Mais und Baumwolle waren in den vergangenen zehn Jahren immer unser Geschäft. Und weil Unkräuter und Schädlinge zur Realität eines jeden Bauern gehören, hatten wir mit unseren eingebauten Insektiziden und Herbizidresistenzen eben großen Erfolg.

ZEIT: Auf Weizenfeldern gibt es auch viele Unkräuter und Schädlinge, und trotzdem haben Sie die Forschung in diesem Bereich gestoppt.

GRANT: Ja, das war eine meiner ersten Entscheidungen – rein ökonomisch. Dem Unternehmen ging es sehr schlecht. Wir mussten die Forschung zusammenstreichen. Kurz zuvor hatte New Yorks damaliger Bürgermeister Rudy Giuliani die Stadt zur transfettfreien Zone erklärt, und ein paar andere Regionen schlossen sich an. So überlebte unser Sojaprojekt. Die Forscher hatten mehr Glück als Verstand. Beim Weizen dagegen waren die Weltmarktpreise damals am Boden, weswegen wir die Arbeit an diesem Getreide einstellten.

ZEIT: Die spontane Entscheidung eines sparsamen Konzernchefs aus Schottland? Dann müssten Sie nun wieder einsteigen. Der Weizenpreis und Monsanto haben sich erholt.

GRANT: Wir schauen uns den Markt an. Ich sehe durchaus Chancen, vor allem für Weizensorten, die weniger Wasser benötigen. Aber die Forschung daran dürfte wohl erneut zehn Jahre brauchen.

ZEIT: Sie haben – beschränkt auf Mais, Soja und Baumwolle – eine Kooperation mit dem deutschen Unternehmen BASF geschlossen, bei der es just um das Thema Dürre geht. Welche Hilfe verspricht sich der Marktführer Monsanto von einem Gentechnik-Greenhorn wie BASF?

GRANT: Moment mal, die Zusammenarbeit mit BASF ist hervorragend. Unternehmen reden zwar immer von einer Win-win-Situation, wenn sie Kooperationen schließen, aber hier ist es wirklich so. Wir haben eine riesige Genbibliothek und können daraus Gene auswählen und in Pflanzen einbauen. Und BASF besitzt eine Technik, die es ermöglicht, in den Stoffwechsel der Pflanzen zu schauen. Wenn man das verbindet, kann man sehen, was genau der DNA-Transfer in der Pflanze bewirkt. Das erleichtert die Suche nach neuen Produkten.

ZEIT: BASF hat erst eine Gentechnikpflanze: die Kartoffel Amflora. Weil deren Zulassung stockt, kämpft der Konzern auf allen Ebenen der EU. Monsanto hat von seinen vielen Produkten bisher nur eine Maissorte über die EU-Hürde gebracht – und die verkauft sich schlecht. Erwarten Sie von der Allianz mit gut verdrahteten Europäern auch in dieser Hinsicht Vorteile?

GRANT: Nein, damit hat das überhaupt nichts zu tun. Der Charme der Allianz ist wissenschaftlich, BASF hat eine fantastische Forschung. Im Übrigen läuft unser Geschäft in Europa besser als je zuvor. Beim konventionellen Saatgut, das wir ja auch im Sortiment haben, erzielen wir Wachstum…

ZEIT: Und wie entwickelt sich der Genmais?

GRANT: …unser Mais wird nicht nur auf einigen Feldern in Deutschland und in der Tschechischen Republik angebaut, sondern auch auf großen Flächen in Spanien und Portugal. In Frankreich ist der Anbau leider ins Stocken geraten. Aber immerhin: Dieselben französischen Bauern, die früher unsere Feldversuche zerstörten, sagen nun, dass sie zumindest die Chance wollen, unsere Produkte auszuprobieren. Europa braucht noch eine Weile, aber sobald die Bauern gesehen haben, was ihnen unsere Technik bringt, wird das Interesse wachsen.

ZEIT: In den USA, wo Tausende Farmer mit Ihren Produkten arbeiten, ist der Enthusiasmus inzwischen eher abgekühlt.

GRANT: Warum das denn?

ZEIT: Das wollten wir Sie fragen. Vielleicht, weil Sie Bauern hinterherspionieren und ihnen verbieten, das zu tun, was sie immer getan haben, nämlich einen Teil der Ernte fürs nächste Jahr aufzuheben?

GRANT: Unsere Technik zu nutzen, ohne Gebühren zu bezahlen, ist Diebstahl in großem Stil. Saatgut wird gestohlen, vermehrt und verkauft. Das ist nicht so, als ob Sie für Freunde eine Kopie von Ihrer Lion King-Musical-DVD machen, sondern eher wie ein Einbruch beim Mercedes-Händler, bei dem hinterher fünf oder sechs Wagen fehlen. Dabei geht es oft um viele Hunderttausend Dollar.

ZEIT: Aber ist es eine gute Geschäftspolitik, Hunderte Kunden vor den Kadi zu zerren?

GRANT: Nein, das wäre in der Tat keine gute Geschäftspolitik, und wir könnten auch nicht so erfolgreich sein, wie wir es sind, wenn wir das täten. Wir arbeiten in den USA mit 250000 Farmern zusammen und haben in den vergangenen zwölf Jahren insgesamt 120 Patentauseinandersetzungen geführt. Davon wurden die meisten außergerichtlich beigelegt. Nur acht Fälle haben wir vor Gericht gebracht und alle acht gewonnen.

ZEIT: Einige der Bauern – vermutlich solche, mit denen Sie sich auf einen Vergleich geeinigt haben – sagen, sie hätten nie mit Ihrem Hightech-Saatgut gearbeitet, sondern Pollen vom Nachbarfeld auf ihren Acker geblasen bekommen.

GRANT: Es gab nur einen solchen Fall, in Kanada, mit einem Gentleman namens Percy Schmeiser. Er behauptete, der Wind sei schuld, dass auf seinem Grund hektarweise genmodifizierte Pflanzen wuchsen, in geraden Linien. Die konnten da nicht zufällig hingeraten sein. Das Verfahren ging vors Oberste Gericht in Kanada, und wir bekamen recht.

ZEIT: Würden Sie Ihre Patentsheriffs auch in Europa losschicken – wo die Äcker kleiner und die Nachbarfelder näher sind?

GRANT: Natürlich würden wir das. Wir stecken eine Menge Geld in die Erforschung dieser Technik und wollen auf den Lohn nicht verzichten.

ZEIT: Saatgut mit einer Resistenz gegen Ihr Unkrautvernichtungsmittel auszustatten, war ein guter Trick, um die Herbizidumsätze zu steigern. Aber inzwischen wurde die Chemikalie so oft versprüht, dass auch viele Unkräuter resistent werden. Was wollen Sie dagegen tun?

GRANT: Wir haben angefangen unser Saatgut so zu verändern, dass es mehr Herbizide verträgt.

ZEIT: Noch einmal nach Deutschland: BASF besitzt neben der Genforschung noch eine zweite größere Sparte, die für Sie von Interesse ist: Chemikalien für die Landwirtschaft. Schon in der vergangenen Konjunkturkrise wurde über einen Verkauf der gesamten Sparte spekuliert. Würden Sie zuschlagen, wenn es jetzt so weit käme?

GRANT: Wir sind mit der Zusammenarbeit, so wie sie jetzt ist, eigentlich ganz zufrieden. Wenn wir künftig investieren, dann in Saatzucht oder Biotechnologie.

ZEIT: Als Sie im Herbst die Bilanz vorlegten, versprachen Sie, den Gewinn in den nächsten Jahren mehr als zu verdoppeln. Müssen Sie da in der Krise nicht Abstriche machen?

GRANT: Ich denke, die Verdopplung, die ich bis 2012 versprochen habe, ist immer noch erreichbar.

ZEIT: Ihr Saatgut kostet siebenmal so viel wie konventionelle Körner. Wer wird 350 Dollar für einen Sack Monsanto-Samen zahlen, wenn die Abnehmerpreise in den Keller gehen?

GRANT: Die Getreidelager waren selten so leer wie zurzeit, und die Bauern sitzen noch auf Barreserven aus dem Boom. Das Saatgut ist das Letzte, bei dem ein Bauer in einer solchen Situation Kompromisse machte.

Das Gespräch führte Jutta Hoffritz

Fotos: Monsanto (großes Foto); ALIMDI.NET/Creativ Studio Heinemann (re.)

 
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